Der letzte Tag

Heute bin ich schon den ganzen Tag fein angezogen, denn heute abend fahren wir fort – dies ist der letzte Tag an der See. Ich komme mir so unwohnlich in meinen Stadtsachen vor … Vier Wochen lang bin ich hier bunt wie ein Gockelhahn herumgelaufen, mit gestreiften Strandjacken und ultravioletten Jacketts und weißen Hosen – mitunter trug ich auch den hellgrauen Anzug, den ich mir einst von einer Weihnachtsgratifikation des Herausgebers zugezogen habe, das Ding sah schon am zweiten Tag aus wie ein stark benutzter Sack. Und jetzt bin ich so fein –
Ich gehe noch einmal durch alle Sträßchen und auf die Mole und an den Strand und an die große Bucht und an meine kleine Privatbucht. Die Erinnerungen der vier Wochen lösen sich wie Briefmarken, die man aufgeklebt und gleich wieder heruntergenommen hat. Sie haben die Gegenstände noch nicht infiltriert, sind noch nicht aufgesogen worden – sie fallen ganz leicht ab. Hier hat die kleine Engländerin, die wie ein Junge aussieht, gesagt: »Perhaps –«, was doch bekanntlich auf Damen-Englisch »Ja –« heißt – und am nächsten Tag fuhr sie ab. Aber der schmale Felsweg und dies ›Perhaps‹ sind noch nicht eins geworden, sind nicht untrennbar miteinander verbunden, sondern sie sagte es, zufällig, hier, und der Felsweg ist ganz ohne sie auch denkbar. Stolz gehe ich vorbei.
Stolz an den bunten Windzelten, die, wenn der Wind sie füllt, aussehen wie Araberturbane; stolz am Tabakladen vorbei, wo die alte Frau mir Schokolade, Claude Farrère, Streichhölzer und alle vierundneunzig Zeitungen aus Paris verkauft hat. Zur Käsefrau, die immer so viel spricht und so liebenswürdig-streng mit mir war, gucke ich gar nicht mehr hinein; die schwarze Katze vom Obstmann grüße ich nicht zurück, sie sieht mir verwundert nach. Da unten liegt, noch einmal, das Meer.
Die langen Stunden, in denen gar nichts geschah, wo nur der Wind, das arme Ding, über mich hinwegfächeln mußte – wo die Sonne den Bauch erst beschien, dann bestrahlte, dann in eine wie Feuer brennende Tomate verwandelte, schließlich ging er braun wie eine Kaffeebohne unter. Das ist ein schönes Bild. Die langen Stunden, wo der verschleierte Blick ins Wasser sah, die Linie am Horizont nach nichts absuchend, wo die Sandkörner rieselten und die Strandhüpfer unendlich geschäftigen Geschäften nachhüpften, sie kamen sich sicherlich sehr amerikanisch vor. Wenn man genau hinhorchte, konnte man sie etwas vom ›Rhythmus dieser Zeit‹ wispern hören. Die leeren Stunden, wo sich Energie, Gehirnschmalz, Verstand und Gesundheit gewissermaßen aus dem Reservoir des Nichts ergänzten, aus jenem geheimnisvollen Lager, das eines Tages leer sein wird. »Ja«, wird dann der Lagermeister sagen, »nun haben wir aber nichts mehr … « Und weil ich nicht schon vorher auf die leisen Warnungen des Ressorts gehört habe, werde ich mich dann wohl hinlegen müssen … Die langen Stunden –
Da kehre ich mich auf dem Absatz meiner dicken Reisestiefel um, sehe das Meer kaum an, streife es so mit einem fast beleidigenden Blick: »Ich bin ein Stadtmensch, kennst du meine Schlipse?« und nun kenne ich es auf einmal nicht mehr.
Wenn Sie mich fragen, wo ich diesen Sommer war, werde ich gleichgültig antworten: »Irgendwo – in der Bretagne – an der See –«

Unter dem Pseudonym Peter Panter im Jahr 1926

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