Der kleine Mann spricht

Franz Hessel hat einmal gesagt: »Der Literat, der nach Paris geht, soll nicht nur Paul Valéry und die Sekretäre von Anatole France interviewen – wenn er Frankreich beurteilen will, erkenne er zunächst, daß seine concierge ein Mensch ist.« Das ist wahr. In Berlin wird das Gespräch mit dem Arbeitnehmer für den Fremden lehrreich sein – aber das Verfahren, mit ihrer zwanzig zu sprechen, kann er wesentlich abkürzen: er braucht sich nur an den Vorsitzenden der Organisation zu wenden, die in Frage kommt, und wird, wenn er Glück hat, den Extrakt dessen, was er wissen will, erfahren. Die Privatgespräche werden dann nicht mehr viel Neues für ihn geben. In Frankreich ist das ganz anders.
Ich habe mich unzählige Male mit den »kleinen Leuten« unterhalten – mit Gevatter Schneider und Handschuhmacher, mit den Besitzern der Kaufläden, den Elektrikern, den Schustern, den Stubenmalern … Und weil es in letzter Zeit vorgekommen ist, dass mich diese Leute ihrerseits besucht haben, um sich über die »Situation der Lage« zu unterhalten – so will ich aufschreiben, was sie sagen und wie sie es sagen.
Um von Paris zu sprechen – und Paris ist nicht Frankreich –, so ist zu bemerken, dass die Leute über das beunruhigt sind, was mit ihren Finanzen vor sich geht. Man vergegenwärtige sich die Situation: die Franzosen sind ungefähr da, wo wir im Jahre 1919 waren, also ganz im Anfang einer Inflation. Die Produkte, deren Herstellung mit dem Ausland verknüpft ist, steigen mit dem englischen Pfund, aber Lohnbewegungen größeren Ausmaßes gibt es noch nicht; das Leben ist für den Fremden billig, wenn er keinen Luxus verlangt, der die Weltmarktpreise ziemlich erreicht hat; das Leben ist durchaus nicht unerträglich für den Franzosen, der arbeitet. Und alle arbeiten. Die Kosten der Lebenshaltung sind erhöht, aber für alle noch erschwinglich. Und nun muß man diese kleinen Leute sprechen hören.
Mit einem meist vollkommenen Mangel an Aufklärung über wirtschaftliche Zusammenhänge verbinden sie einen klaren und gesunden Menschenverstand. (Wenn ich hier sage: »sie« – so sind nicht drei gemeint, sondern annähernd fünfzig oder sechzig, mit denen ich mich unterhalten habe und die durchaus keine Originaltypen darstellen, sondern den Durchschnitt.)
»Wir, die kleinen Handwerker und Kaufleute – wir werden zuerst daran glauben müssen, wenn etwas schief geht,« sagen sie. »Die Hausfrau, die Petroleum einkauft, macht uns für den Aufschlag verantwortlich; dass wir wieder von andern abhängen, will sie nicht glauben und kümmert sie nicht.« Und dann sprechen sie über Politik. Generalnenner: Politikmüdigkeit. Das sicherlich nicht akademiefähige Wort »députisme« kehrt oft wieder, was etwa mit »Abgeordnetenkram« zu übersetzen ist – sie sind müde; das Vertrauen in die »cuisine« des Palais Bourbon und der Ministerien ist gleich Null. Die Klarheit, mit der sie das sehen, ist geradezu unheimlich. Ihre Erkenntnisse sind empirisch und werden immer als Abstraktion formuliert. Sie wissen von den Mängeln des französischen Parlamentarismus. Sie wissen. Und wie drücken sie sich aus –!
Die kristallklare Logik dieses Volkes zeigt sich wohl nirgends so leuchtend wie hier – diese kleinen Leute sind ja keine Rhetoren, es war kaum einer dabei, der auch nur Vorsitzender einer politischen Lokalgruppe wäre – sie improvisieren doch beim Sprechen, aber das sitzt und flitzt und klappt! »Der Franzose gehorcht nicht – mit eiserner Disziplin ist bei ihm nichts zu machen. Ach, welch Widerspruchsgeist! Wir sind Individualisten!« Rauchen verboten! – Rauchen verboten? Où est mon étui –? Und nun gar: Défense absolue de fumer! – Défense absolue? C’est la pipe! Schärfer kann man es nicht formulieren. Besser auch nicht. In diesen Reden ist so wenig Nationalstolz … Und man möge immer bedenken, dass es sich nicht um ausgesuchte Milieus handelt, um pazifistische Vereine (die den Deutschen so oft als »Frankreich« vorgeführt werden) – es sind wahllos herausgegriffene Leute, Herr Meier und Herr Schulze.
Alle sparen, alle sind Besitzer: eines Häuschens, eines Sparkassenbuches, einer reputierlichen Wohnungseinrichtung. Alle haben Vertrauen in ihr Land. Die Klugen sind besorgt. Ein großer Teil ist indifferent – optimistisch.
Ihre Parlamentsmüdigkeit, die vollkommene Hoffnungslosigkeit gegenüber dieser Art, Politik zu machen, ist nur für den überraschend, der nicht in seine Zeit hineinhorcht und nicht schon längst gespürt hat, wie unmodern und ohnmächtig dieser Betrieb geworden ist. »Also Diktatur,« frage ich. Sie verneinen nicht unbedingt. An die »Action Française« denken sie dabei nicht einmal. Die spielt keine kleine Rolle in der intellektuellen Jugend, die oft auch dann scharf rechts gesinnt ist, wenn sie der Daudet-Gruppe nicht angehört. Diese jungen Leute sind ehrlich Suchende, von den Rowdys abgesehen. Die kleinen Leute aber kennen ihre augenblickliche Hilflosigkeit, das vollkommen Sinnlose dieser Ministerienwechsel, den Betrieb in der Kammer, die Gleichgültigkeit der Machinationen, den Selbstzweck der Institutionen. Und man muß hören, wie sie das aussprechen, ohne geschwollene Worte wie »Einstellung« und »Überbau« und »Problem« – sie sprechen so natürlich.
Ein Teil von ihnen ist freilich vollkommen ahnungslos – das darf man nicht verschweigen. Es scheint doch, als verbreiteten sich praktische Kenntnisse sehr schwer – aus den schlimmsten Erfahrungen der Nachbarn haben ja die Völker aller Inflationen in Europa wenig oder nichts gelernt. Der kleine Sparer, der Rentner, der mehr oder minder gut situierte Bourgeois in Frankreich sieht unscharf und urteilt oft überhaupt nicht. Aber viele kleine Leute, viele großstädtische Arbeiter, weisen einen gesunden Menschenverstand auf, der ganz erstaunlich ist.
Diese Gespräche verlaufen meist etwas einseitig: ich halte es nicht für meine Aufgabe, den Franzosen in ihre inneren Verhältnisse hineinzureden oder hier Propaganda irgendeiner Art zu machen. Ich höre, sie sprechen.
Und während sie sprechen, erkenne ich, wie wenig doch das Parlament der Ausdruck des Volkes ist, wie sehr das in sich kreiselt; wie man auch bei der ausländischen Presselektüre ein Land kennen muß, um richtig zu lesen, wie die Leitartikel allein noch gar nichts besagen. Der richtige Sinn liegt darunter.
Und ohne jede Parteinahme: einhellig ist die Erkenntnis, dass der Wahnsinn des Krieges schuld an diesem Wirrwarr ist, an der Geldnot, an der Kalamität – es gibt auch nicht einen, der nicht freimütig darüber spricht. Dieser Anschauungsunterricht wäre unseren nationalistischen Schreiern in der Provinz, die nicht aus Klein-Zschoche herauskommen, sehr zu gönnen …
Möge Frankreich die lächerliche Kinderkrankheit des Faschismus erspart bleiben, der alle Nachteile der politischen Klan-Wirtschaft in sich vereinigt, ohne die paar Vorteile der öffentlichen Kontrolle beizubehalten. Das Land ist im Kern gesund und wird wahrscheinlich auch hier seine große Kraft zeigen, die sehr verborgen liegt:
Laissez faire – laissez passer und in der letzten, der allerletzten Minute mit einer fast übermenschlichen Anstrengung das Steuer herumwerfen.

Unter dem Pseudonym Peter Panter im Jahr 1926

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