Der Henrige

Vettern wurden früher Cousins genannt. Mit Vettern spielt man Eisenbahn, wenn man klein ist, und fragt sie später, wenn man groß ist: »Na, wie gehts dir denn? Was machst du denn? So? Du bist verheiratet?« Dann sieht man sie nicht mehr.
Was mein Vetter Fritz war, so erbte derselbe zu meinen Lebzeiten eine meiner Gitarren, auf denen mich Meister Griebel vielerlei Griffe, wie zum Beispiel die schwierige Cechilla spielen lehrte. Später bin ich dann davon abgekommen, und statt in den Konzertsälen und auf Vereinsfestlichkeiten mit kleiner, aber detonierender Stimme: »Ein Bächlein stund am Waldesrand, hopp heissa bei Regen und Wind« zu singen, bin ich Schriftsteller geworden und ein Scheuel bzw. Greuel für alle ›Völkischen Beobachter‹. Ja, also die Gitarre.
Fritzchen erbte sie und begann zu zupfen. Als ich ihn wieder einmal mit Erlaubnis meiner lieben Eltern besuchen durfte, da gestand er mir, dass er auch singen könnte. Los, sagte ich. Nein, sagte er, du lachst mich bloß aus. Los, sagte ich. Nein, sagte er. Hin … her … er schloß die Tür ab und sang. Ich werde das nie vergessen.
Wo ist denn mein klein Feinsliebchen fein sang er und:
Junge Rose, warum gar so traurig?
und
… dem ich als Gärtnersfrau die Treue brach –
und viele andre schöne Lieder. Die Krone aber hatte er sich bis zuletzt aufgespart. Es sei ein wiener Lied, sagte er, und schloß die Tür noch einmal ab. »Aber den österreichischen Dialekt kann ich nicht so nachmachen … doch … na, du wirst ja hören … Ich kann es schon ganz gut!« Und dann fing er an.
»Beim Henrigen – beim Henrigen –
da –«
»Wie?« sagte ich. Er begann von neuem.
»Beim Henrigen – beim Henrigen –
da –«
»Erlaube mal«, sagte ich. »Wenn du mich immer unterbrichst, hau ich dir die Gitarre auf den Kopf«, sagte er. »Na, aber … « sagte ich. »Was ist Henriger?« – »Das ist … ich weiß auch nicht recht … das ist so ein Wein … eine Art Wein … « – »Du Ochse!« sagte ich. »Es steht im Liederbuch!« sagte er. »Zeig mal her!« sagte ich. Und dann kam es heraus, und es gab einen Mordskrach, und an diesem Tage spielten sie nicht weiter.
An diesen verdruckten Heurigen muß ich immer denken, wenn ich so lese, wie sich manche meiner Kollegen in ihren Büchern mit Dialekten mausig machen, die sie nicht ganz und gar beherrschen. Man sollte das nicht tun; es ist aber Mode. Es verleiht dem Stil so etwas Kraftvolles, und die unsichtbare Imponierklammer (»Was sagste nu –?«) steht dahinter, und es ist sehr schön. Nein, es ist gar nicht schön.
Denn um einer Dame auf den Popo zu klopfen, muß man mit ihr recht vertraut sein – dem zum erstenmal eingeladenen Gast steht es gar übel an, solches bei der Gastgeberin zu unternehmen. Auch die fremde Sprache ist eine Gastgeberin. Berlinern soll nur, wer Berlin wirklich in den Knochen hat; beginnt der Berliner aber, Ottakring nachzuahmen, dann endet das meist fürchterlich: wir können das nicht. Auch wird nie ein waschechter Czernowitzer oder Prager über »icke – dette – kieke mal« hinauskommen; für die feinem berlinischen Wendungen wie: »Die er kennt, sagt er du« hat der Fremde nicht das nötige Verständnis.
Ganz schrecklich wird das, wenn die deutschen Schriftsteller französeln oder amerikaneln. Sobald einer nach einjährigem Aufenthalt im fremden Lande mit dessen Argot um sich wirft, können Sie tausend zu eins wetten, dass er die offizielle Grammatik unvollkommen beherrscht; da stimmt etwas nicht. Jedesmal, wenn ich in einer deutschen Arbeit um einen französischen Ausdruck nicht herumkomme, dann sehe ich mich ängstlich um, ob auch kein Franzose in der Nähe ist; es ist, wie wenn man unerlaubterweise eine Frau geduzt hat. Und wie sie engländern! Wie sie sich dicke tun, wenn sie irgendeinen aufgeschnappten Slang-Ausdruck in den Satz einfließen lassen, so, als wenn das gar nichts sei …
Es ist auch nichts, und meist gehts schief. Und es waltet ein tiefes Geheimnis über diesen fremdsprachigen Zitaten. Zitieren die deutschen Zeitungen einen französischen Text, dann ist er mitunter falsch; zitieren die französischen Zeitungen einen deutschen Text, dann ist er mitunter fast richtig – ganz ohne Malheur gehts da nie ab. Fremde Landweine kann man nicht exportieren, den Barbera nicht, den kleinen Anjou nicht, den Äppelwoi wohl auch nicht. Laßt den Henrigen, spielt nicht den Vertrauten der andern; man sollte es – ah, nomdenomdenomdenom (so fluchen die Franzosen), man sollte es nicht tun.

Unter dem Pseudonym Peter Panter im Jahr 1930

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