Der General auf Rädern

»Hier in München wird es täglich mießer. Am Montag kommt Hindenburg. Da wird es besser.«
Aus einem lustigen münchener Brief

Wir haben in Deutschland so eine Art patriotischer Feuerwehr: Wenn irgendwo etwas los ist, dann wird der gute, alte Papa Hindenburg aus der Schachtel geholt und ein bißchen aufgebaut. Jetzt war er – im Salonwagen – in München.
Man muß in der Münchner Zeitung die »Richtlinien « gelesen haben, die da für die Empfangsfeierlichkeiten des geschlagenen Generals veröffentlicht waren. Wie im tiefsten Frieden. Der Rummel war ganz genau organisiert: mit der strengen Trennung von Herren und Kerls, mit der sauberen Scheidung von gewöhnlichen Offizieren und Stabsoffizieren, mit den Vorschriften über Anmarsch, Abmarsch und Anzug (für Fahnendeputationen dunkler Anzug und hoher Hut!) – und es braucht nicht betont zu werden, dass es die alte schnarrende Kasinosprache war, in der alles geschrieben stand. Man hörte ordentlich die Stimme, die das diktiert hatte: »Unbedingt muß vermieden werden, dass einzelne Vereine für sich selbständig zum Hofgarten marschieren … « und: »Die versäumte Zeit kann durch Überstunden oder in sonstiger Weise eingebracht werden.« (Durch dieses »In sonstiger Weise« haben wir den Krieg verloren. So war alles organisiert. Nur nicht Ludendorffs Flucht.)
Ja, also München. Wer an diesem Jahrmarkt teilnahm –? Nun, Mitglieder jener in anderen Bundesstaaten verbotenen Mordorganisationen. Mitglieder aller möglichen und unmöglichen Offiziersbünde und ähnliche Überflüssigkeiten. Das rottete sich zusammen und begeisterte sich vorschriftsmäßig. Nicht ohne dabei – gewissermaßen von Amts wegen – einen wehrlosen Republikaner, den tapferen Hauptmann Schützinger, in Massen zu überfallen.
Soweit der deutsche Mannesmut.
Was die Reichswehr anging, so hatte Geßler, der gänzlich abgeseeckte Geßler, nicht die Macht, die Teilnahme der republikanischen Wehrmacht an einer rein monarchistischen Demonstration zu verbieten. Und weil er durch seine Unfähigkeit diese Macht nicht mehr in Händen hat – ob er sie je besessen hat, ist fraglich –, deshalb erlaubte er der Reichswehr, die ihn in Bayern gar nicht mehr fragt, sie dürfe Hindenburg an einem »abgesonderten Ort« empfangen. Was darunter zu verstehen ist, weiß ich nicht: die Herrentoilette des münchener Hauptbahnhofs wird es wohl nicht gewesen sein. Und wiederum ereignet sich der Skandal, dass dieser abgetakelte General mit der schlechten Tradition des schlechtesten Preußens (das doch Bayern angeblich so haßt) – dass dieser Mann die Parade vor Leuten abnimmt, die wir bezahlen. Aber schließlich: er bekommt ja für seine jetzige Tätigkeit auch von uns die Pension, und so ist denn alles in schönster Ordnung.
Aber es muß einmal im Ernst hier ausgesprochen werden:
Wenn dem alten Mann keiner in Güte sagt, dass es eine politische Takt- und Geschmacklosigkeit ist, in solchen brenzlichen Stunden, in Zeiten solcher Spannung verbrecherische Hetzdemonstrationen abzuhalten, dann müssen sie ihm eben verboten werden. Hindenburg in Ostpreußen – Hindenburg in Bayern – wie lange noch?
Von seiner Person sehe ich dabei ganz ab. Ich kann beim besten Willen und bei aller Rücksichtnahme auf die grauen Haare des Mannes keinen deutschen Offizier achten, der es fertigbekommen hat, den toten Erzberger zu beschimpfen und ihm ins Grab nachzurufen: Wie? Man sagt, dass ich Ihnen einmal, nach dem Waffenstillstand, die Hand gedrückt habe? Das ist nicht wahr! Ich habe Ihnen niemals die Hand gegeben!
Seit die Weltgeschichte steht, haben noch immer Generale ihren Waffenstillstand unterzeichnet und nicht Zivilisten vorgeschickt, die das ausfressen durften, was jene ihnen eingebrockt hatten. Die Kapitulation ist Sache des Feldherrn. Dazu war Herr Hindenburg zu feige. Er hatte mit Foch zu verhandeln – er hatte jenen Waffenstillstand zu erbitten, den er bei der deutschen Regierung dringlichst gefordert hatte. Schlechte Mittelware.
Wir lehnen das erste Mitglied der Obersten Heeresleitung, dieser deutschen Unterschätzungskommission, ab. Und wir rücken nachdrücklich von einem Vertreter der plattesten Ungeistigkeit ab, die heute noch nicht begriffen hat, was unter ihm angerichtet worden ist – und wir grüßen voller Ernst und Scham die belgischen Witwen und Waisen, deren Männer und Väter damals ermordet worden sind.
Hindenburg übt augenblicklich seinen Beruf im Umherziehen aus. Kaum ist das Land ruhig, kaum gelingt es, unter den schwierigsten Umständen zur gedeihlichen Zusammenarbeit zu kommen, dann taucht irgendeine uniformierte Schießbudenfigur auf und hetzt die Leute auf. Ein geplagter Mann – aber die Auftraggeber lassen nicht locker. Ein General auf Rädern. Er muß feste ran. Die Frage taucht auf: »Habt ihr bloß den einen?« – Nein, sie haben noch einen. Herrn Ludendorff. Weitaus das kleinste Gehirn und das größte Mundwerk im Lande. Ein Verleumder und Hochverräter (Kapp!), der dem von ihm zitierten Buche »Die Weisen von Zion« ein neues: »Die Dummen aus dem großen Hauptquartier« entgegenzustellen hätte.
Freuen wir uns, dass wir zwei solche Kerle haben!

Unter dem Pseudonym Ignaz Wrobel im Jahr 1922