Der Bagno-Sträfling erzählt

Es ist ein kleiner Saal, mit etwa zweihundert Menschen, und an einem Tischchen steht ein schlanker Mann mit schmalem Kopf, schwarzem Bärtchen, einem französischen Gesicht, das wir hier hundertmal auf der Straße sehen können, auf der Rennbahn … irgendeiner. Es ist aber nicht irgendeiner. Es ist Eugène Dieudonné, der Mann aus dem Bagno. Er spricht über das Bagno – über die französische Strafkolonie Guyana.
Vor dem Krieg in einen Anarchistenprozeß verwickelt, wurde er angeklagt, trotz des sehr kippligen Indizienbeweises zum Tode verurteilt … er verdankt Poincaré sein Leben, er wurde zu lebenslänglicher Deportation »begnadigt«. Im ganzen hat er fünfzehn Jahre Bagno hinter sich – immer wieder kamen Bitten um Begnadigung für ihn nach Paris, die Gouverneure setzten sich einer nach dem andern für Dieudonné ein – nichts half. Da entfloh er.
Und kam durch.
Was das heißt, möge man in dem geradezu abenteuerlichen Bericht nachlesen, den der große französische Journalist Albert Londres aufgezeichnet hat. (Das Buch liegt in einer deutschen Übersetzung beim Neuen Deutschen Verlag vor und heißt »Die Flucht aus der Hölle«.) Über diese Hölle sprach Dieudonné.
Kaum einen Satz über seine Flucht, die das Äußerste an Strapazen und Energie gewesen ist – »mein Schicksal ist nicht sehr interessant« – und nun eine Schilderung der »andern« …
Die eigentliche Strafe beginnt auf der Île de Ré an der Westküste Frankreichs – in dem dortigen Zuchthaus werden die zu Deportierenden gesammelt: Disziplin von Eisen, Wärter von Eisen, unmöglich, zu fliehen … Der Transport: ein Schiff, kaum für Menschen gebaut, eher für Raubtiere – mit großen Käfigen, wo die Sträflinge zu Hunderten zusammengepfercht werden. Hier, sagt Dieudonné, beginnt die Korruption der wenigen, die noch nicht verdorben sind – es kommt kaum einer herüber, der nicht schon die Sitten seiner Genossen angenommen hat. Was er von dem schrecklichen Sexualelend dieser gequälten Männer erzählt, war erschütternd; man kann sich kaum eine Straftat denken, die solche Sühne verdiente.
Drüben – im Klima der Tropen – ist das Leben hart. Korruption unter den Wächtern; harte und vor allem sinnlose Arbeit – die gefürchtetste ist die an einer Straße, die niemals fertig wird, Londres hat sie einmal die Straße Nr. o genannt … Hoffnungslosigkeit? Nein, sie haben alle, alle eine einzige Hoffnung: zu entfliehen. Und versuchen es. Aber die »Menschenjäger«, meist Farbige, bekommen eine Kopfprämie und sind mit Hunden und Flinten hinter dem Flüchtling her … Viele sind im Busch verschollen. Die wenigen, die herauskommen, können von Glück sagen, wenn sie nicht wieder ausgeliefert werden; ein paar sind glücklich nach Venezuela entflohen, wo sie sich verborgen halten können. Welche Schicksale –!
Laporte, genannt d’Artagnan, der in Neu-Kaledonien, einer jetzt aufgehobenen Strafkolonie, angefangen hat und für jeden Fluchtversuch immer wieder neue Strafen bekam … im ganzen mögen es hundert Jahre sein, die er abzubüßen hätte. Einmal gelang es ihm, zu entfliehen, er fuhr als Matrose um die Welt, ließ sich verleiten, in Bordeaux an Land zu gehen – sie kriegten ihn fest, nun sitzt er immer noch im Bagno, schon 45 Jahre!
Ulmo – ein Schiffsleutnant, der vor dem Kriege geheime Militärdokumente an das Ausland verkaufen wollte –, er sitzt schon seit zwanzig Jahren auf jener Insel, auf der einst Dreyfus gewesen. Und so noch viele, viele. Es gibt Leute, die wegen ihrer Fluchtversuche bis zu sechs Jahren Einzelhaft verbüßt haben! Einer wurde entlassen, weil seine Unschuld erwiesen war: er bekam – für zehn Jahre Bagno – 5000 Francs Entschädigung!
Nun ereignet sich etwas sehr Merkwürdiges.
Es steht ein Mann auf, mit einem sehr guten Kopf, sehr energischem Unterkiefer, leicht gebräunter Gesichtsfarbe … und das ist der Kommandant, unter dem Dieudonné seinen Fluchtversuch gemacht hat. Es war eine sehr merkwürdige Szene.
Auf der einen Seite der ehemalige Flüchtling; auf der andern der Mann des Gesetzes! Und durchaus bezeichnend für die große innere Freiheit dieser Leute und für die tiefe Anständigkeit der Beteiligten war dies:
Der Kommandant Michel drückte dem ehemaligen Sträfling seine volle Sympathie aus! Er hatte sich stets für dessen Freilassung eingesetzt; nun bestätigte er alles, alles, was Dieudonné über das Bagno erzählt hatte, und ergänzte es. Er nahm wohl die Wächter, die einen sehr schweren Dienst tun, etwas in Schutz – aber er gab zu, dass der Zweck des Bagno verfehlt sei: als Bestrafung für Unverbesserliche ist es unwirksam, weil diese Leute trotz aller Leiden immer noch dieses Leben im Freien mit ein paar winzigen Freiheiten dem Leben in den Zellen vorziehen; das Land wird nicht kolonisiert, und von einer moralischen Besserung sei überhaupt nichts zu spüren. In den neunzig Jahren des Bestehens dieser Kolonie sind bisher 60000 Menschen herübergeschafft worden – und das Allerschlimmste ist jene Bestimmung aus dem Jahre 1854, wonach diejenigen, deren Strafe acht Jahre übersteigt, auf Lebenszeit – auch nach ihrer Freilassung – drüben bleiben müssen! Wie? Das ist ihre Sache. Und es gibt viele französische Geschworene, die das nicht wissen. Diejenigen, die weniger als acht Jahre bekommen, müssen dieselbe Zeitspanne noch einmal als Freigelassene in Cayenne verbringen …
Beide – der Bagnokommandant und sein ehemaliger Gefangener – sagten, es seien durch die ständigen Pressekampagnen tatsächlich gewisse Fortschritte in der Behandlung der Leute erzielt worden; aber es sei noch immer fürchterlich genug.

Unter dem Pseudonym Peter Panter im Jahr 1928

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