Der Anhänger

»Was nützt mich der Mantel,
wenn er nich jerollt is!«
Unteroffizier: 1848

 

Die Franzosen, welches, wie meine Freundin Grete Walfisch sagt, ein degeneriertes Volk ist, treiben mit ihren männlichen Mänteln Schindluder. Ich muß es einmal sagen – seit Jahren krampft sich mir das Herz zusammen, wenn ich sehe, was diese Mäntel leiden müssen. Sie werden zusammengefaltet wie Faltboote, zu dicken Paketen verunstaltet, das Paket wird hinter Stangen auf Bretter gelegt, in den Restaurants treiben sie es so, das heißt, in denen, wo nicht fein sind, ohne ›vestiaire‹, was Garderobe heißt – es ist furchtbar, mit anzusehen. »Ja, haben sie denn keine Aufhängedinger?« – Das ist es ja eben – die haben sie, aber wie sehen die aus! Meinen Sie, da sind richtige Haken dran? Oui, gâteau! Da ist so eine Art Haken, aber die enden in Knöpfen! In dicken, kugeligen Knöpfen! Hat man je so etwas …
Über diese Knöpfe hängt das degenerierte Volk die Männermäntel. Während ein richtiger Mantel doch an einem Henkel zu hängen hat, der zieht ihn dann so schön nach unten, er verliert leichter die Fasson, er muß öfter aufgebügelt werden, die Schneider verdienen daran – kurz; Volkswirtschaft. Die Franzosen aber … es ist zum Gotterbarmen.
Daher denn auch die französischen Schneider solche Anhänger gar nicht herstellen; sie liefern dir den Mantel sine sine. Davon habe ich zwei. Und mit denen bin ich neulich in die Heimat gekommen.
Wenn – im vorigen Frieden – der Blitz in eine marschierende Kompanie schlug und es fiel ein Mann um, dann besah sich der Hauptmann den Schaden und rief: »Natürlich, der Einjährige!« – Und der kam sich dann noch im Lazarett sehr dämlich vor, weil er eben immer das Karnickel war. So ging das mit mir und mit dem Anhänger. Mit dem Nicht-Anhänger. Ich habe gelitten wie Dante bei Solferino.
Es begann bei den Dienstmädchen der befreundeten Familien. »Darf ich abnehmen? … « – Bitte, Fräulein. (Pause.) »Da ist kein Anhänger dran!« (Spöttischer Blick, Melodie: Du armes Aas hast wohl keine Dame, die dir das annäht?) Ich traurig ab.
Die Kellner in den Restaurants waren schon strenger. Ich bin gerade noch ohne Arrest weggekommen.
Aber am schlimmsten waren die Garderobenfrauen in den Theatern. O weh – was habe ich da zu hören bekommen! »Na, is doch wahr! Nachher schimpfen die Herrschaften, dass man die Sachen nicht ordentlich hat aufgehängt – und denn haben sie nich mah Anhänger dran, wie es sich gehört!« –
Dieses Wort schlug wie ein Donnerhall in meine Seele. Nun hatte ich es heraus: es war nicht die kleine technische Unzulänglichkeit, die die Leute so aufbrachte: es gehörte sich nicht –! Das war es. Der fehlende Anhänger war ein Fehler in der Weltordnung.
Es regnete höhnische Anerbieten auf mich: ob man mir vielleicht den Anhänger annähen solle? Ich: »Ja.« Die Wachtmeisterin an der Garderobe: »Na, det hat jrade noch jefehlt!« mit der anschließenden Frage, ob ich vielleicht Löcher in den Hosen hätte, man könnte die ja auch … es wäre ein Aufwaschen oder vielmehr Aufnähen – aber aus der Näherei wurde nichts; es gab nur Krach.
Es gab soviel Krach, dass ich mich gar nicht mehr in die öffentlichen Kunstinstitute hineingetraut habe – auf diese Weise sind in meiner ohnehin kümmerlichen Bildung bedeutsame Lücken in der Abteilung ›Klassische Revue mit unruhigem Humor‹ entstanden – und ich wanderte ins Kino ab. Da war ich aber vom Regen unter Umgehung der Traufe direkt in die Schokolade gekommen.
Mit »Da hängen Sie sich doch uff!« fing es an. Ich floh, wie von Furien gepeinigt … gejagt … wie von Furien gejagt … und jetzt sitze ich da mit dem Mantel, und was nutzt er mir, wenn er keinen Anhänger hat.
»Nun sagen Sie – eine Frage. Das näht Ihnen keiner an? Da haben Sie keine … also kein weibliches Wesen in Ihrer Umgebung, die Ihnen diesen kleinen Freundschaftsdienst erweist? –« – Ach, wissen Sie, mit den kleinen Freundschaftsdiensten … das ist ein weites Feld. Die werden sehr überzahlt. »Na, und Lottchen?« – Das ist eine berufstätige Frau, wissen Sie. Sie sagt: »Warte, bis du wieder in Frankreich bist – da brauchst du keinen Anhänger.«
Und ich gehe umher, ein Ausgestoßener – ein Mann, der seinen … das kann man eigentlich nicht sagen. Immerhin: Peter Schlemihl. Wenn ein ganzes Volk, Mann für Mann, etwas besitzt, was ein einzelner nicht besitzt –: wahrlich, ich sage dir – aus solchem Holze werden die Märtyrer gemacht. Denn es ist die große Frage, ob die Mäntel wegen der Anhänger da sind oder die Anhänger wegen der Mäntel. Es ist beinah dieselbe Frage: ob man lebt oder ob man im Dienste eines Apparats gelebt wird. Ein weiser Mann des fernen Ostens, dem eine solche Frage vorgelegt wurde, sann lange nach. Und dann sprach er: »Wenn Sie mich so fragen – muß ich Ihnen antworten: Ja.«

Unter dem Pseudonym Peter Panter im Jahr 1930

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