Das verwandelte Paris

»Ah – qu’il était beau, mon village – mon Paris! – mon Paris!«
Pariser Gassenhauer

Und als ich wiederkam, als ich wiederkam, war alles ganz anders. Vierzehn Tage haben diese Stadt um und um gekrempelt – es ist beinahe nicht mehr dieselbe. Damit wir uns recht verstehen, eine kleine Anmerkung:
Schnupfen ist Schnupfen – das ist richtig; für den Arzt kehren viele Symptome immer wieder. Aber wie sie auf den einzelnen Organismus wirken, das hängt doch von dessen Beschaffenheit ab, wechselt also häufig genug … Und deshalb stimmen alle Vergleiche zwischen der französischen Inflation und der deutschen nur halb – ja, es kehrt vieles wieder, natürlich, die Zahlengespräche, die Nervosität, die Karikaturen … aber es sind eben französische Zahlengespräche, französische Nervosität … Nuancen sind schon da.
Hier ist – und das ist einmal sicher – dicke Luft.
Die Käufer sind gereizt, die großen Warenhäuser haben die Lage erfaßt (aber falsch) – die ersten Erkenntnisse vom Wesen der Inflation breiten sich aus. Vorläufig stehen die Franzosen dem Ding etwas fremd gegenüber – man findet die merkwürdigsten Dinge. Zum Beispiel: »Wir nehmen Ihre Bestellung auf Anfertigung entgegen!« sagt der Kaufmann, »aber ich weiß nicht, was die Geschichte bei Lieferung kosten wird. Preis freibleibend.« Gut. Was ist aber, wenn vorher bezahlt wird? Dann ist doch jedes Risiko ausgeschlossen? – »Auch dann nicht. Sie dürfen vorher bezahlen; wenn’s aber nachher mehr kostet, bekomme ich die Differenz nach.« Das ist nicht etwa ein Betrugsversuch, sondern vollendete Einsichtslosigkeit. Sie wissen es nicht.
Paris wimmelt von Fremden. Das tuts im Sommer immer, aber ein Blick auf die Boulevards belehrt, wer da herumgeht. Die Abneigung gegen die Fremden ist rasch entstanden und wächst. Mit Recht –?
Der Franzose hat sie passiv insofern immer gehabt, als er die Fremden niemals in sein Familienleben eindringen ließ. Er war von liebenswürdiger Reserve. Jetzt ist die Reserve zur Abwehr übergegangen, mit der Liebenswürdigkeit haperts, und manchmal setzt es Keile. Wer hat schuld –? Fifty – fifty – Mister Galagher, wie es in dem amerikanischen Lied heißt.
Ein Teil der Fremden – ohne jede Ausnahme der Nation – benimmt sich schlecht. Es ist eine taktlose Roheit, Leuten, die unter einer Inflation leiden, bei jeder Gelegenheit durch Auftrumpfen mit der höheren Valuta das Elend noch recht fest ins Herz zu hämmern. Das reisende Kleinbürgertum aller Länder, besonders die Frauen, fühlen das nicht; weder die von solchen Krisen verschonten Amerikaner noch Angehörige von Nationen, die es besser wissen müßten. Szenen vor Wechselschaltern, in Läden, auf den Straßen – Ton und Musik von Bestellungen, Unterhaltungen in Hotelhallen und Theatern in Paris gehören zum Widerlichsten, was die Erde heute herzugeben hat. Wenn ihrs nicht fühlt …
Kommt dazu, dass der Kompaß des französischen Menschen auf viel geringere Reizungen ausschlägt als der anderer Völker, kommt der in Frankreich überall ausgeprägte Sinn für die Nuance dazu, so kann man sich von dem eine Vorstellung machen, was sich hier zusammenbraut.
Man stelle sich das nicht falsch vor: die fetten Überschriften »Katastrophenstimmung in Paris!« – »Panik in Frankreich!« sind gute Schlagzeilen – weiter nichts. Wir wissen ja alle, dass die ehernen Regeln der Zivilisation die Leute uhrwerkshaft ihren täglichen Lebenslauf abschnurren lassen: sie fahren wie immer mit der Bahn, sie gehen ins Geschäft, wie immer, sie lesen Zeitungen, wie immer, sie liebeln und trinken und spielen Karten, wie immer. Nur ist eben ein neuer Ton dazugekommen, der Ton der Inflation.
Und aus dieser so beschaffenen Situation erklärt sich eine Fremdenabneigung, die kräftig spürbar und im Wachsen ist. Geschürt wird sie von einer gewissenlosen Presse, der der Fremde der willkommene »Baubau« ist. Du hast Gelbsucht? Schneid die gelben Hautflecke herunter, Bruder! Das hilft.
Man kanns den Franzosen nicht verdenken, dass sie die Fremden nicht mögen, und man muß es ihnen verdenken. Man kanns ihnen nicht verdenken, weil es ihnen nicht gut geht, weil die ersten Anfänge der Inkongruenz zwischen Gehalt und Lebensindex nunmehr akut werden – und man muß es ihnen verdenken, wie man jedem Menschen jede Borniertheit verdenken darf. Wie ich das kenne, wenn – immer die Frauen an erster Stelle – jemand vom Fremden im Coupé abrückt, wieviel Bilderbuchweisheit ist in den Augen dieser Musterschüler – wie erinnert mich das an jene Helden, deren ganzer Stolz darin besteht, nicht aus England, sondern aus Steglitz zu stammen!
Bei solchen Betrachtungen darf nicht vergessen werden, dass Paris niemals Frankreich war und ist – dass die Stimmung in der Provinz wesentlich ruhiger ist (worüber ich zu berichten hoffe) –, und dass hier überhaupt nicht mit großen dramatischen Ereignissen zu rechnen ist. Heute werden die Autocars der Fremden auf Montmartre umgeworfen; morgen gibt es eine heftige Prügelei in einem Warenhaus, und übermorgen kann es auch einmal ernster hergehen. Denn das französische Volk ist kein geduldiges Volk und wirft einen unwillkommenen Reiter gern rasch ab. Aber eins darf man nie vergessen:
Die Haupttugend dieser Nation hat immer darin bestanden, in den schlimmsten Augenblicken vielleicht Köpfe abzuschlagen, aber niemals den eigenen zu verlieren. Der tiefgewurzelte Rationalismus ist zu stark dazu. Das ungeheure Vertrauen, das die Franzosen heute noch zum Lande haben – nicht zum Franc – der tiefe Glaube an die Nation hat hier schon oft Dinge bewirkt, die ans Wunderbare grenzen. Das ist kein Chauvinismus, das ist etwas ganz anderes.
Es ist die fest verankerte Überzeugung eines Volkes, dass die Vernunft allemal siegt. Pessimistisch für die Ereignisse der nächsten Monate, teile ich diesen Optimismus für einen guten und glatten Ausgang der Inflationskrise nicht nur, weil ich ihn in Frankreichs und unser aller Interesse wünsche. Das Land wird darüber hinwegkommen.

Unter dem Pseudonym Peter Panter im Jahr 1926