Das Reich und die Länder

»Die Juristen und Räte, das ist die Pest; treiben ihre Herren in Unrat und Verderben.«
Gerhart Hauptmann, »Florian Geyer«

In den deutschen Bürgerwohnungen stand vor dem Kriege gewöhnlich ein Raum ganz leer. Darinnen befanden sich unsagbar scheußliche Seidenmöbel, die die sorgliche Hausfrau mit Tüchern zu verhängen pflegte, von den Wänden grüßte der süßeste Kitsch, und die Nippesfiguren, die da herumstanden, riefen die Sehnsucht im Beschauer wach, sie einzeln abzuschießen. Das war der »Salon« oder die »gute Stube«. Die »gute Stube« war nur für sonntags. Sie saßen auf kleinen goldlackierten Stühlchen, unter die der Gast, wenn er ein feiner Mann war, seinen Zylinder zu setzen pflegte – und ganz wohl wurde allen erst wieder, wenn sie nebenan im gemütlichen Eßzimmer saßen und sich Vater nach Tisch mit einem »Sie erlauben wohl« die Weste aufknöpfte …
Das Reich ist die gute Stube der Republik. Es ist nur für sonntags da. In den Ländern wird wochentags über geschoben und sabotiert, was das Zeug hält. Das Reich strahlt in sonntäglicher republikanischer Reinheit.
Der Artikel 14 jenes Papiers, das die Deutschen lustigerweise Verfassung nennen, obwohl sich außer den Verfassern noch kein Mensch mit ihr befaßt hat, besagt:
»Die Reichsgesetze werden durch die Landesbehörden ausgeführt, soweit nicht die Reichsgesetze etwas anderes bestimmen.« Und hier liegt das Malheur der ganzen Republik.
Man braucht gar nicht an Bayern zu denken. Es liegt in der Tat so, dass solche Reichsgesetze, die durch die Länder angewandt werden, jedesmal ein Lotteriespiel bedeuten: wenns trifft, ists gut, und wenns nicht trifft, kann man auch nichts machen. Der Reichstag beschließt, und die Landesregierung feixt sich eins.
Der Revolutionsersatz vom 9. November hat ja alle Bundesstaaten getreulich übernommen, ohne zu bedenken, dass ein großer Teil von ihnen gerade nur so begrenzt ist, wie die Dynastien einmal geheiratet haben. Nahm ein Großherzog von Hessen die Tochter eines Herzogs von Greiz-Reiz-Schleiz zur Frau, so bekam er drei Dörfer und ein Kloster zur Mitgift, und die betreffenden Bauern und Städter hatten ihren Landespatriotismus umzustellen, daher denn nichts lächerlicher ist als der kindliche Stolz der Länder auf ein Vaterland, dessen Gestalt sie im wesentlichen der Schieberpolitik ihrer Fürsten verdanken.
Ich habe den leisen Verdacht, dass manche Länder ihre »bodenständige Eigenart« allemal dann betonen, wenn ihnen die Republik zu republikanisch ist, und dass die Betonung jenes bekannten »gesunden Föderalismus« allemal dann einsetzt, wenn man von Reiches wegen der Reaktion wirklich zu Leibe gehen will. Denn das Wesen eines Reiches besteht doch gerade darin, dass sich die Vertreter aller örtlichen Kreise auf eine mittlere Linie einigen, die sie dann aber auch alle innezuhalten haben. Davon ist bei uns gar keine Rede.
Nun ist das Mißtrauen besonders der süddeutschen Bundesstaaten gegen Preußen von früher her verständlich: Preußen hatte mit seinen siebzehn Stimmen im damaligen Bundesrat ein solches Übergewicht, dass es oft genug den anderen seinen Willen aufzwang. Und dieser Wille war nicht immer gut. Aber heute liegt das doch anders, und man muß feine Ohren haben, um aus dem Geschrei gegen den »Zentralismus« die richtigen Töne herauszuhören.
Jeder Gewerkschaftler wird wissen, wie schwer es mitunter ist, die übereifrigen Leiter von Lokalsektionen in Einklang mit den Interessen des Ganzen zu bringen. Und er wird ebenso wissen, dass die Beweggründe zu solch eigenmächtigem Vorgehen manchmal etwas dunkler Natur sind.
Die Ministerien in ganz Deutschland schimpfen auf die Wilhelmstraße. Ich habe auch schon mal freundlichere Straßen gesehen und weiß, dass vieles, was von da kommt, auf ähnlicher geistiger Höhe steht wie der Namenspate der Straße. Aber das große Geschrei gegen Berlin ist in vielen Fällen nichts anderes als der brennende Ehrgeiz der Lokalgötzen, selber Wilhelmstraße zu spielen. Oder, um mich gebildet auszudrücken, der Wille, für das große angefeindete Organisationszentrum lauter kleine Organisationszentren zu setzen. Und es sollte mal ein Dorfschulze wagen, gegen seinen Landesminister so zu stänkern wie der gegen das Reich, dann würde ihm sehr schnell beigebracht werden, dass »nur eine straff zentralistische Verwaltung ihren Aufgaben genügen könne«.
Wilhelm hat seinen Krieg verloren, und Deutschland ist nicht größer geworden. Aber was wir noch alles haben, und wofür in diesem Lande, das von der Tuberkulose durchseucht ist und dessen Säuglingssterblichkeit nicht kleiner wird, noch Geld übrig ist, das ist schon ganz lustig. Hamburg hat einen Gesandten in Berlin (ob der auch einen Dolmetscher hat, ist noch nicht ganz heraus), – Preußen hat einen Gesandten in Dresden, jedes kleine Ländchen hat den ganzen Aufbau der großen Ministerialmaschine noch einmal, und ich kann mir die von Stolz und Wichtigkeit geschwellte Brust eines solchen Mannes vorstellen, wenn auch er ganz wie ein richtiger Erwachsener Minister spielt. Daß es im Lande Behörden geben muß, ist ja selbstverständlich. Unmöglich kann auch der beste Reichsminister des Innern wissen, wie die Durchführung einer Verfügung, die für das platte Land ganz erträglich sein mag, an der Wasserkante aussieht. Aber was bei uns getrieben wird, läuft heute letzten Endes in vielen Fällen auf eine Sabotage der Republik hinaus.
Das Reich ist machtlos. Und daher ist die Republik machtlos. Hat ein Land nicht zufällig eine arbeitsfähige sozialistische Mehrheit, wie Sachsen, dann ist es einfach dem guten Willen der betreffenden Landesregierung überlassen, wie sie ein Reichsgesetz durchführt. Denn der Aufsichtsrat des Reiches aus dem Artikel 15 der Verfassung sieht doch in der Praxis recht kümmerlich aus.
Was sich früher vielleicht durch ein Handschreiben des Kaisers an seinen »lieben Vetter« jenseits der schwarz-weißen Grenzpfähle hinten herum schieben ließ, ist heute einfach undurchführbar. Und daher sieht es denn so aus:
Der Reichstag beschließt, eine Rede im ganzen Reich anschlagen zu lassen: einzelnen Ländern paßt das nicht, und entweder kommen die Plakate gar nicht bis zu den Dorfgemeinden herunter, oder der Gendarm wischt sich – die Augen damit aus. Die Republik wünscht ein Verfassungsfest: die Länder blasen ihr eins. Die Republik ordnet dieses an, will jenes, verlangt Entwaffnung, Meldung, Durchführung einer Verfügung des Reichskabinetts: die Länder sabotieren. Und berufen sich immer dann auf ihre Stammeseigenart, wenn und weil ihnen die Republik nicht paßt.
Wenn früher einer mit der Postkutsche von Hamburg nach Kassel reiste, mußte er vor achtundzwanzig Schlagbäumen halten und zahllose Zollplackereien über sich ergehen lassen. Er kam nur beschwerlich durch. Solch Reisender ist heute sehr oft ein Reichsgesetz. Man muß sich nur wundern, dass die in Bayern noch einen Meter haben und nicht den bayerischen Fuß, und dass Ostpreußen trotz seiner Stammeseigenart dieselbe Spurenweite für die Eisenbahnen zuläßt wie Schlesien.
Auf vielen Gebieten haben wir überhaupt noch kein Reich. Der Widerstand, die in der deutschen Seele stets schlummernde Oppositionslust und ihr Hang zur Eigenbrödelei überwuchern alles praktische Bedürfnis. Und der Widersinn geht so weit, dass sich die Bayern von landfremden Preußen in ihrer Obstruktion gegen die Republik unterstützen lassen. Das Reich ist häufig guten Willens. Es hat nicht die Macht. Es hat nicht die Macht, die nötig wäre, um mit dem Zwiespalt von Salon und Wohnstube aufzuräumen, und eine einheitliche, sauber gelüftete und für alle praktischen Bedürfnisse verwendbare Behausung herzustellen.
Reformiert wird bei uns im Salon: im Reich. Und da, wo es am nötigsten wäre, bleibt alles beim alten. Reformen, die nur am Haupt geschehen und nicht an den Gliedern, taugen nichts. Denn gerade die kleineren und kleinsten Gruppen eines Staatskörpers sind die wichtigsten: die Länder, die Kreise, die Dörfer und die Familie.
Berlin hißt Schwarz-Rot-Gold. Krähwinkel weiß nichts davon. Und so viel kann das Reich auf allen Gebieten gar nicht gutmachen, wie die Länder sabotieren.

Unter dem Pseudonym Ignaz Wrobel im Jahr 1922

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