Das Recht des Fremden

Der Fremde in Europa ist rechtlos.
Die Staaten, verschuldet, ausgehalten, geduldet von der Hochfinanz und vom heimischen Unternehmertum, in ihrer Existenz nur möglich durch Zollbarrieren; die Staaten, deren Grenzen keine Rassen umschließen, ja, nicht einmal mehr feste Wirtschaftsgebiete – die Staaten spielen gern: mittelalterliche Burg, Vaterland, Heimat. Und weil die Autorität zu Hause nicht weit reicht, weil der Bauer keine Steuern bezahlt und der Grubenbesitzer nicht pariert, sondern parieren läßt, deshalb regiert sichs so schön auf wehrlosen Individuen herum, auf den einzigen, die nicht mit einem Fußtritt antworten, wenn die ›höchste Gewalt‹ regierend eingreift. Hier fühlt sich der Staat. Das arme Luder will auch einmal wissen, wie das tut: etwas durchsetzen. Und da hats der Fremde nicht leicht.
Vergnügungsreisende werden im allgemeinen nur schikaniert, aber nicht ernsthaft bedroht, besonders nicht, wenn sie den besser gekleideten Ständen angehören. Abgesehen von den Flapsigkeiten der Polizeistuben, von den Rüpeleien der Zollbeamten läßt man sie von dieser Seite her ungeschoren, das übrige besorgen später die Hoteliers. Nur Amerika vergreift sich auch an harmlosen Besuchern, die nichts wollen als Geld ausgeben: die ganze Dummdreistigkeit geschäftetreibender Kleinbürger liegt in seinem System, zu moralischer Überwachung pappene Gesetzestafeln aufzurichten, hinter denen jemand geschobenen Whisky trinkt.
Bei Auswanderern liegt die Sache anders.
Das kapitalistische System handelt folgerichtig, wenn es neben den Waren auch den freien Verkehr menschlicher Arbeitskräfte verhindert, der ja alle Staatssysteme im Nu ins Wanken brächte. Durchbrochen wird dieser Grundsatz nur mit Genehmigung von herrschenden Klassen: so haben die deutschen Grundbesitzer das Recht, die Arbeitslöhne durch die Einfuhr polnischer Arbeiter zu drücken; in diesen Kreisen wird dann gern von ›Landflucht des deutschen Arbeiters‹ gesprochen. Was richtig ist: der Arbeiter flieht Schweinekoben, Schweinefraß und schweinische Behandlung.
Die Komik moderner Staaten offenbart sich am klarsten in der Heidenangst vor reisenden Kommunisten. Die politische Situation ist einfach: Fährt Frau Zetkin nach Frankreich, um dort Propaganda gegen Kolonial-Politik zu betreiben, so ist sie ein Feind des französischen Staates, und der wehrt sich. Das ist sein gutes Recht. Der Fall liegt selbstverständlich in allen Ländern gleich. Und nicht gegen die Ausweisungen, Auslieferungen, Vertreibungen, Maßregelungen wende ich mich, sondern gegen zwei andere Dinge.
Zunächst gegen ihren Modus.
Der Fremde ist rechtlos, weil es in keinem ›zivilisierten‹ Staat ein kontradiktorisches Verfahren, ja überhaupt eine Rechtsordnung für Ausweisungen gibt. Wehrlos jeder Denunziation preisgegeben, vollständig in der Hand der Polizeiorgane von meistens höchst zweifelhaftem Wert, weiß der Fremde gewöhnlich nicht einmal, weshalb er denn ausgewiesen wird. Neben der großen Zahl begreiflicher Fälle, wo überführte Verbrecher, Mittellose, Landstreicher ausgewiesen werden, die sonst der fremden Armenpflege zur Last fielen, liegen jene Zehntausende von Fällen, die jede Schutzorganisation, jede Liga für Menschenrechte kennt.
Klatsch der Nachbarn; böswillige Mißverständnisse; anonyme Anzeige – kein Ding ist zu dumm, als dass die Polizei nicht freudig danach griffe. Sie wird selten von oben korrigiert. Sieht man von den Bestechungsfällen ab, so bleibt die völlige Verständnislosigkeit dieser obern Stellen, ihre sture Dumpfheit, ihr schlechter Wille, sich überhaupt in die Einzelheiten zu versenken. Nichts hilft: zehn Jahre Aufenthalt nicht, keine ehrliche Arbeit, kein neu begründeter Hausstand – es ist ein ›Fremder‹, und er muß hinaus.
In Deutschland, wie in manchen andern Staaten, greift dieses empörende System auch noch auf die Rechtsprechung über –: man muß erlebt haben, wie in Moabit Kleinbürger im Talar das ›Ausland‹ erziehen, das ihnen da vorgeführt wird. »Wir sind hier in Deutschland, und Sie haben sich … « Wobei auch sieben Semester Jura und die Ausbildungszeit als Referendar noch nicht die Erkenntnis ermöglicht haben, dass im Hyde Park die Leute nicht nackt herumlaufen, und dass selbst in Kowno, Bukarest und Konstantinopel wenig Kinder gefressen werden.
Denn stramm sind alle der Meinung: der ›Fremde‹ ist ein Fremder.
Waren werden ausgetauscht und haben die Welt so mechanisiert, dass einer, der vom Mond herunterfiele, zunächst nicht sagen könnte, wo er ist: Straßenbahnen, Kino, Presse, Giletteklingen und Whiskyplakate sind überall gleich, uniformiert von der für alle gültigen Produktion. Das hindert sie nicht, immer noch zu glauben, der Fremde bemale sich seinen Körper mit wilden Farben, säße nachts auf den Bäumen und fletsche grimmig die Zähne, man kann sich alles von ihm gewärtigen. Und so pauken sie denn munter auf ihm herum, mit dem Horizont von Talbewohnern, die nicht über die Berge zu blicken vermögen, und sind wer weiß wie stolz, wenn sie die Gnade haben, sein Geld zu nehmen.
Manchmal nehmen sie auch das nicht einmal.
Und zwar dann nicht, wenn, zweitens, der Kommunist zu Besuch kommt. Man darf ohne Übertreibung sagen, dass bekannte kommunistische Führer heute in Europa behandelt werden wie Sträflinge, selbst wenn sie im fremden Land nicht politisch tätig sind. Die Komödie der Paßverweigerungen, der Verhaftungen, der Ausweisungen läßt sich nicht beschreiben. In die wahnwitzige Angst schlechter Gewissen mischt sich ein Pomp, ein Pathos, eine gereckte Würde des Staats, die man diesem armseligen Popanz gar nicht zutraut, wenn man ihn nur kennt, wie er vor den Banken kuscht. Hier ist er Herr, hier darf ers sein! Und er ists.
Was dabei so besonders widerwärtig wirkt, ist die unaufhörliche Beteuerung aller dieser Länder, dass und wie demokratisch sie seien. Sie sind für Pressefreiheit – und sehen zu, wie sich die Presse in den Händen der Wirtschaftskonzerne befindet. Sie sind für politische Freiheit – und unterdrücken jede Betätigung, die ihnen auch nur gefährlich erscheint.
Und nicht, dass sies tun, ist das niedrige. Daß sie nicht den Mut haben, es einzugestehen, richtet sie.
Wie die Erde zu ändern ist, steht dahin. Ob wir eine Sowjet-Internationale haben werden, die auch in der Produktion jedes Land möglichst unabhängig vom andern erhalten will – das ist zu diskutieren. Was aber gar nicht zu diskutieren ist, das ist der augenblickliche Zustand eines halbinternationalen Kapitalismus, der de facto die Grenzen verwischt und sie lächerlich macht – und willkürlich, aber mit allen Kräften den kleinbürgerlichen Instinkt unterstützt, der ja seiner Zeit immer nachhinkt, als hätten wir noch ein ›Vaterland‹ mit dicken Mauern.
Keine Gemeinde ist mehr Herr auf ihren Wiesen. Verschuldet bei amerikanischen Bankiers, die Fabriken verpfändet und im Besitz von Menschen, die das Land und seine Produktion niemals gesehen haben und es auch nicht zu sehen brauchen, weil der Besitz durch die Aktien mobil geworden ist; geknechtet und verprügelt an allen Börsen, ein Spielball jeder Industrie –: so spielen sie Heimat. Das unfreieste aller Wesen veranstaltet einen Karneval, Saturnalien, wo sich auch der letzte Sklave noch für frei hält. Ein Bürgerspaß.
Aber ein trauriger für die Opfer.
Im Kriege haben sich die Staaten benommen wie die Räuber; die Enteignung von Privatvermögen, der Ruin Hunderttausender von Existenzen durch gemeinen Vertrauensbruch um des Passes willen ist heute noch nicht gutgemacht. England voran – die Prozesse hageln. Was die Deutsche Republik von den fremden Staaten zurückbekommen hat, wird in voller Höhe auf das Reparationsguthaben abgeschrieben; das Reich behält die Summen ein und zahlt den unschuldigsten Kriegsopfern ein paar Pfennige. Ein gutes und nationales Geschäft.
Im Frieden siehts ähnlich aus, solange man unterhalb einer gewissen Vermögens- und Einkommensgrenze bleibt. Darüber hinaus gilt plötzlich alles nicht mehr: Gesetze, Verfügungen, Sperren neigen sich, fallen matt zu Boden. Der Weg ist frei.
Es gibt kein Asylrecht, keine Freiheit, keine Sauberkeit für den Fremden. Er sitzt auf dem Pulverfaß und darf warten, bis etwas knistert. Fliegt er in die Luft, so werden die Erben eingesperrt: wegen Abhaltens einer öffentlichen Lustbarkeit ohne behördliche Genehmigung. Und diesen Taumeltanz tanzen sie alle mit: die großen Staaten und die kleinen, die Schweiz, die nordischen Staaten, Finnland – alle.
Da hats dann vielleicht eines Tages der Fremde satt. Angewidert von den Parlamentsphrasen, in denen geschäftige Minister über Grundsätze schwätzen, die sie im Ernst niemals anwenden, die Anarchie zwischen diesen künstlichen Gebilden, denen sie vorstehen, künstlich verhüllend; gelangweilt durch die trübe Phantasielosigkeit seiner Quäler kehrt der Fremde nach Hause zurück. In die Heimat, in die Heimat …
Und tritt hier in Dienst, verdient sich sein Brot, merkt, dass alles, alles genau dasselbe ist wie draußen, läßt die Arme sinken und sieht sich um.
Ein Fremder.

Unter dem Pseudonym Ignaz Wrobel im Jahr 1926

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