Das Lied vom Piepmatz

In ihrem Zimmer stand ein Bauer klein,
darin hüpft auf und ab ein Vögelein.
Die Federn sind schneeweiß, der Schnabel rot,
die Jungfrau ihm ein Stückchen Zucker bot.
Weil sie nun öfter mit was Süßem kam,
so wurd ihr Vogel langsam lieb und zahm –
er hüpft im Zimmer, zierlich und gewandt auf ihre Hand.
Läßt er was fallen nonchalant und weiß,
so droht sie mit dem Finger und spricht leis:
Piepmatz, du kleines Tier! Du kannst ja nichts dafür!
Putz deine Feder, mal muß ja jeder;
fällt auch von dir weg ein dünner Kleck, Kleck,
Piepmatz, du kleines Tier, du kannst ja nichts dafür!
Ich seh dirs an: dir fehlt ein Mann!
Ach Piepmatz, du kleines Tier!

Die Jungfrau hatte nicht nur ihren Matz,
die Jungfrau hatt auch leider einen Schatz.
Der Schatz war richtig ein Kommerzienrat,
der furchtbar viele dicke Gelder hat.
In jener sagenhaften großen Zeit
gab man ihm auf sein schlichtes Bürgerkleid
für die »Verdienste« um das Vaterland ein Ordensband!
Weil man dergleichen heute nicht mehr kriegt,
sieht er sein Knopfloch öfter an und spricht:
Piepmatz, du kleines Tier! Du kannst ja nichts dafür!
Jetzt kommt kein neuer, du warst mir teuer,
warst doch der Klack auf meinem Frack, Frack,
Piepmatz, du kleines Tier, du kannst ja nichts dafür!
Reiche vergehn! Orden bestehn!
Ach Piepmatz, du kleines Tier!

Die Jungfrau hatte leider noch ‘nen Schatz,
auch dieser hatt in ihrem Herzen Platz.
Und wie das manchesmal im Leben geht:
als sie es sah, da war es schon zu spät.
Wie sie nun morgens in ihr Bauer sah,
auf ihren Vogel mal genauer sah,
sitzt er in seinem Käfig mit Geschrei auf einem Ei!
Und weil er drauf gemütlich sitzen blieb,
spricht seine Herrin, die so vogellieb:
Piepmatz, du kleines Tier! Du kannst ja nichts dafür!
Putz dir die Feder, mal muß ja jeder,
fällt auch von dir weg ein kleiner Kleck, Kleck,
Piepmatz, du kleines Tier, wir könn’n ja nichts dafür!
Ahnen wir zwei, woher das Ei?
Ach, Piepmatz, du kleines Tier!

Unter dem Pseudonym Theobald Tiger im Jahr 1920