Das Land der Parzellen

Nämlich Frankreich.
Ich bin nun in der Provence gewesen und in den Pyrenäen; in der Normandie und in der Bretagne, und ich werde mich gewiß hüten, zu sagen, dass ich »Frankreich kenne«. Aber ein Eindruck verdichtet sich mehr und mehr: dies ist ein parzelliertes Land.
Daß wir in Deutschland zwischen Erkner und Woltersdorfer Schleuse gerade keinen indianischen Urwald haben, ist mir noch ganz gut erinnerlich. Und dass man schon bis zum Bayerischen Wald oder in grenzmasurische Wälder fahren muß, um auf lange Wegstunden mutterseelenallein zu sein, wissen wir auch. Nur ist da doch ein gewaltiger Unterschied.
Die französische Landschaft ist lieblich, freundlich, malerisch, getönt, was Sie wollen – aber sie ist zivilisiert. Immer ist sie das. Daran ist erst in zweiter Linie die Parzelle schuld – in erster der immanente Charakter der Landschaft, die durch Geschichte und Frieden, durch Stetigkeit der Lebensführung und Konservativismus der Bevölkerung etwas Beglänzt-Liebes bekommen hat, wie eine ältere gute Frau, nett, freundlich, ja.
Damit wir uns richtig verstehen: das ist weder eine Kritik, die kindlich wäre, noch ein Ruf nach falscher Romantik. Es ist nicht das »Großartige«, das fehlt – es ist etwas, das sich mit Worten schwer ausdrücken läßt –. Vielleicht so: dies muß schon Heimat sein, damit man sich an die Erde legt und sie, wenn es einmal im Feld sehr heiß ist und gut nach Heu riecht, streichelt. Es gibt aber Landstriche, wo auch der Fremde dies tut, ohne sich nachher zu schämen. (Zum Beispiel: Kurland.)
Dazu kommt fast überall der vollkommene Mangel an weitem Wald, besonders in Mittelfrankreich, in den Seeprovinzen, nicht im Osten und nicht in den Pyrenäen. Und was an Wald da ist, hat meist einen parkartigen Charakter, etwas Gepflanztes, Überwältigtes, nichts Überwältigendes. Die Natur kuscht. Die Vernunft hat triumphiert. Ein Knick, ein Busch, der Ansatz zu einem Wäldchen – – aus.
Der Rest ist parzelliert.
Es entspricht durchaus dem französischen Charakter, der ja bei aller Soziabilität etwas sehr Reserviertes hat, wenn sogar Bauernhöfe von hohen Mauern eingefaßt sind, »clos de murs« ist der Vorzug eines Besitzes. Die Mauern sind, wenn es sich um ältere Besitzungen handelt, beträchtlich dick und übermannshoch – die modernen Besitzungen sind häufig mit scheußlich dünnen Ziegelwändchen eingekastelt. Hain und Wiese, Wäldchen und Feld – sie sind entweder eingeschlossen, oder sie sind zu klein, um der Landschaft ein kräftiges Aroma zu geben. Die französische Landschaft sieht sehr oft aus wie ein französisches Menü: von jedem ein Häppchen, manchmal ein Kosthappen – aber das Thema wird nur eben angeschlagen, nie ausgeführt, nie schlägt die Quantität in die Qualität um. Etwas, das auch nur aussieht wie Grenzenloses, gibt es mit Ausnahme des Meeres in diesen Teilen Frankreichs nicht. Es ist übersichtlich, und gezirkelte Übersicht ist das scharfe Gegenteil der Naturpoesie.
Hierbei schließe man nun ja nicht auf Aggressivität der Bewohner, auf wilden Eigentumssinn, der da aus dem Betreten einer Wiese eine große Geschichte machte – davon kann überhaupt keine Rede sein. Und ich möchte die Gelegenheit benutzen, um darauf hinzuweisen, wie gastfreundlich, wie unbeeinflußt-anständig, wie ruhig in allen Ecken Frankreichs der Fremde behandelt wird, wenn man nun gerade von den Brennpunkten des Inflationsverkehrs absieht, wo die Leute nervös geworden sind. Nein, Offensivgeist des Bauern ist es nicht.
Es ist die Vernunft, die diese Landschaft so gemacht hat; nun erscheint sie jemandem, der aus dem Osten nach Frankreich gefahren kommt, auf die Dauer ein klein wenig reizlos. Diese Urteile und Empfindungen sind so subjektiv … Mein Italien liegt zum Beispiel im Norden, und wer das stumpfe Grün der Oliven in der Provence sieht, mit dem abgelaufenen Billet aus Verona in der Tasche, der siehts anders an. Aber Strand, Sandfeld, Getreidefeld und Knick sind liebenswürdig – der Schnee auf den Pyrenäenbergen – auf der französischen Seite – diskret, und dabei ist das noch der Teil Westfrankreichs, wo die Natur uns viel sagt. Weil sie kräftig ist und sehr oft sich in voller Einsamkeit präsentiert.
Die gesellschaftliche Ursache der Parzellen ist klar. Jeder hat ein Gütchen, ein Häuschen, ein Besitzchen – wenn man immer von Franzosen hört: »Mein Onkel hat auf dem Lande eine Besitzung«, so verschlucke man ruhig das bewundernde »Sieh mal an!« – Das Ding ist meist so groß wie eine Zigarrenkiste, hat drei Zimmerchen wie Streichholzschachteln und verkörpert nur den durchaus gesunden und gescheiten Wunsch des Besitzers, den Mietlasten entronnen für sich zu leben. Ein Zäunchen läuft um Omama ihr Häuschen – und wenn die alte Frau kräftig niest, werden die Nachbarn naß. Aber sie hat ein Haus, und das ist die Hauptsache.
Es ist ein Land der Parzellen, Frankreich. Ich freue mich jeden Tag, dass es wenigstens kein Land der absperrenden Gitter ist.

Unter dem Pseudonym Peter Panter im Jahr 1926

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