»Das ist nämlich Herr Meyer –!«

Wenn man in Frankreich einen Regenschirm kaufen will, geht man in ein Regenschirmgeschäft und kauft ihn. Das heißt: ein Fremder tut so. Der kluge Franzose aber kennt jemanden, der jemanden kennt, der eine Frau hat, die einen Schwager besitzt, der Beziehungen zu einem Uhrmacher hat, der nebenbei mit Regenschirmen handelt. Und davon lebt eine Nation.
Wir Deutsche aber haben es mit der Sachlichkeit. Ernst und neutral rollt bei uns die Arbeit hin, dass es nur so raucht: die Schreibmaschinen klappern, es funkelt die Schreibtischgarnitur, die Schalter klappen herunter, die Rechenmaschinen rasseln – wir kennen keine Menschen mehr, wir kennen nur noch die Sache. Aber …
Aber manchmal erweicht auch das deutsche Herz, manchmal schleicht sich ein lindes Lüftchen zarter Menschlichkeit in die harten Beziehungen: Kunde – Geschäftsmann; Arbeitnehmer und Arbeitgeber; Arzt – Patient – manchmal menschelt es in Deutschland. Und wollt ihr wissen, was sich hierbei ziemt, so fraget nur bei schönen Frauen an.
Die Frau hat ja – trotz aller Willfüers und trotz allen Studiums – eine schöne und direkte Beziehung zum Arbeitspartner erfunden. Etwa so: »Also, Kiki, was war auf dem Termin – beim Arbeitsgericht? Was hast du erreicht?« – »Der Richter war reizend. Also ein netter Mensch … « – »Ja, gewiß. Aber was ist nun mit dem Mädchen? Müssen wir ihr den Lohn bezahlen?« – »Er hat gleich gesehen, mit wem er zu tun hat – er hat gesagt: Bitte, gnädige Frau, ereifern Sie sich doch nicht, wir werden das alles regeln. Ein ganz reizender Mensch. Er sah übrigens sehr nett aus. Ich weiß gar nicht, was ihr immer gegen die Richter habt.« – »Ja … aber was ist mit dem Lohn? Was hast du erreicht?« – »Ein reizender Mensch. Zu den andern war er lange nicht so nett.« – »Wer zahlt?« – »Wir.«
Denn die Frau liebt es nicht, wenn es gar so unpersönlich zugeht, und darin hat sie ja wohl auch recht.
Sieh – da steht nun die große Bank, und da hinein sollst du gehen, gnädige Frau, und einen Scheck einlösen. Einen ganz gewöhnlichen Barscheck; es ist nichts weiter nötig, als dass du deinen Namen hinten heraufschreibst und das Datum – das hat schon dein Mann getan? Um so besser – also gar nichts ist nötig, als dass du hingehst, den Scheck präsentierst, wartest … dann bekommst du dein Geld, das zählst du … es ist ganz einfach. Mitnichten ist es einfach.
So tut keine Frau. Eine Frau kennt in der großen Einöde der fremden Bank einen Mann. Sie kennt Herrn Meyer.
Sie kennt Herrn Meyer von einem Ball bei der Freundin; von einer Motorbootfahrt; aus Tirol; durch die Schwiegereltern – jedenfalls kennt sie ihn. Und nun kann ihr nichts mehr geschehen.
Nun geht sie frohen Gemütes in die Bank; den bösen Portier, diesen ersten und letzten Mann, sieht sie kaum an, was kann ihr der! Sie kennt doch Herrn Meyer! Und der ist mehr als der Portier. Sie hastet durch die große Halle – sie geht eigentlich gar nicht in die Bank, sie macht eher einen kleinen Privatbesuch: sie geht zu Herrn Meyer.
Da ist er, »Guten Tag, Herr Meyer!« – Guten Tag, sagt er sehr höflich – und es setzt ein kleines herzerfrischendes Schwätzchen ein … wie es denn so ist im menschlichen Leben … und wie es geht … und was die Kinder machen … und ob Gerlachs von sich haben hören lassen – nicht? Das ist aber schade … und wie es der Frau geht – gut? Das ist aber fein … und, ja, Herr Meyer, ich habe hier nämlich einen kleinen Scheck …
Herr Meyer prüft ihn. Der Scheck ist in Ordnung – aber Sie müssen nochmal an den Schalter sechs, weil es Dollars sind, gnädige Frau! Sie strahlt, sie geht, sie macht, sie tut. Hätte ihr das ein anderer gesagt, das mit dem Schalter sechs –: es wäre ihr als finstere Schikane erschienen. Aber Herr Meyer? Herr Meyer ist reizend – er hilft einem immer so nett … Hier ist der Scheck. Da das Geld. Auf Wiedersehen, Herr Meyer!
Solcher Meyer gibt es gar viele, und sie versüßen uns das Leben. In den Reisebüros, auf den Banken, in den Kliniken, auf den Redaktionen … überall laufen etwelche Meyers umher und sind freundlich zu denen, die sie nicht kennen, und noch freundlicher zu denen, die sie kennen, Korruption ohne Bestechung, und das Ganze schadet auch nichts – aber »es putzt ungemein«, wie Herr Grünlich sagt.
Herr Spitzweg! Alte Junggesellen, die in ihrer Dachwohnung an Kakteen riechen – die wirst du heute wohl nicht mehr malen können. Aber einen ernsten Beamten, wie er vor einer Privatbekanntschaft den Schalter aufzieht und das Amtsgesicht herunterläßt; wie Strenge und Milde sich lieblich in seinen Zügen paaren; wie er die Würde des Amtes mit einer gewissen parkettgebohnerten Höflichkeit zu vereinen weiß; wie er in den Geschäften um die Dünne eines Haares mogelt, andere grade nicht benachteiligend, seine Bekanntschaften aber doch vorziehend; wie er dies jedoch nicht eingesteht, sondern die Schwierigkeiten seines Tuns noch übertreibt, damit die Gefälligkeit nachher um so größer aussehe; wie er im Grunde mit seinen Bekannten genau das macht, was er auch sonst tut, durch den Ton der Musik aber anzeigt, er sei eine ›Beziehung‹ –: das, Herr Spitzweg, könntest du heute malen, und es wäre gewiß eine gute deutsche Zeichnung.

Unter dem Pseudonym Peter Panter im Jahr 1930