Das Fach-Adverbium

»Die Superklugheit ist eine der
verächtlichsten Arten von Unklugheit.«
G. Chr. Lichtenberg

Wenn man wissen will, wie sich das Tagesdeutsch, die Sprache für alle Tage, wandelt, so braucht man nur die Zeitungen, die Witzblätter, die kleinen Broschüren aus dem Jahre 1890 mit denen von 1900 und beide mit unserer Umgangssprache zu vergleichen. Es sind nicht nur Modewörter, die wechseln, jene Ausdrücke von »Äh – kolossal schneidig!« bis zur berüchtigten »Einstellung« – leise, leise ändern sich Sprache, Grammatik, Satzbau, Terminologie. Und die hervorstechendste Unart jeder Zeit offenbart die ganze Epoche.
Wenn du an einem Sonntagnachmittag gar nichts Besseres zu tun weißt, auf einer grünen Wiese, oder auf einem vor Regen geschützten Balkon oder auf einem Ort, wo – wie Lichtenberg sagt – »ich meine Aufzeichnungen gemacht, sonst aber keine solchen vorgenommen werden«, dann guck einmal in die Zeitung, in eine Wochenschrift, in eine Broschüre und paß auf, ob du das Fach-Adverbium bemerkst.
Das Fach-Adverbium ist eine überflüssige Einschaltung, die den gehaltvollen Fachmann und Denker dartun soll, als der sich der Verfasser fühlt. Zum Beispiel so: »Ich bin mit der Wasserleitung ganz zufrieden – sie ist wasserbautechnisch ausgezeichnet.« Oder: »Die elektrische Bahn in Berlin steht mehr als sie geht – da liegen wohl verkehrspolitisch große Fehler vor.« Oder: »Flugsportlich betrachtet, muß denn doch diese Erscheinung als recht bedenklich bezeichnet werden.« Zähl diese Adverbien nicht – du wirst sprachtechnisch damit kein Glück haben. Was geht hier vor –?
Deutschland besteht aus Fachleuten und Laien.
Der Fachmann hat die Kenntnisse seines Arbeitsgebiets gepachtet, ein für allemal – er ist ein konzessionierter Rechthaber; das Leben machte ihm übrigens keinen Spaß, wenn es keine Laien auf der Welt gäbe. Der Laie hinwiederum fühlt sich niemals als solcher – er ist es nur vom Fachmann aus gesehen. Der Laie weiß es nämlich noch besser als der Fachmann, der es genau weiß. Während aber der Fachmann einen chronischen Größenwahn sein eigen nennt, hat der Laie einen akuten, weil er sich mit der Sache »beschäftigt« hat. (Stammtischgespräche, Lektüre von Zeitungsaufsätzen, es genügt auch schon grundsätzliche Opposition gegen den Fachmann, die ja mitunter sehr heilsam ist.)
Der Ordnungssinn gebietet nun, alle Behauptungen einer Diskussion von Anfang an zu klassifizieren, sie einzuordnen in die gigantische Kartothek des Wissens. Früher begnügte man sich, zu behaupten, dass eine Eisenbahnstrecke der Provinz nützlich sei. Niemand wäre auf den Gedanken gekommen, etwa zu sagen, dass die Eisenbahn die Provinz bewässerte oder ihre Grundschulen förderte. So einfach sind wir nicht mehr. »Die Eisenbahn ist wirtschaftspolitisch ein Faktor« – unter dem tun wirs nicht. Besieht man sich den Satz bei Licht des gesunden Menschenverstandes, so heißt er ungefähr: »Die Eisenbahn ist nützlich« – denn der Rest versteht sich ja von selbst. Aber es klingt so nett, und wenn die alte berliner Schneiderin einst sagte: »Nehm Se jrien, Madameken – det hebt Ihnen –!« so läßt sich hier raten: Nimm ein Fach-Adverbium – es verleiht dir den intellektuellen Vollbart. Und man nimmt es.
Der Unfug hat angefangen, als sich in die Kriegsdiskussionen neben den militärischen und politischen Erwägungen immer mehr die wirtschaftlichen mischten, und als die Generalstäbler, um nicht hinter ihrer Zeit zurückzubleiben, sich anschickten, wenigstens ihr Vokabularium zu erweitern. Da wurde genau eingeteilt, wann aus militärischen, wann aus parlamentarischen und wann aus »wirtschaftspolitischen Erwägungen heraus« eine Maßnahme getroffen worden war … Aber man sollte dieses Zeugs in anastatischem Druck, fertig gegossen, in den Setzereien vorrätig halten – so oft wird es verwandt.
Von der Fachsprache will ich gar nicht reden. Das ist eine Seuche, deren Diagnose in dem Buche von Bry »Verkappte Religionen« so enthalten ist: »Jeder Beruf, ja, jede Passion entwickelt ihren eigenen Wortschatz. Es ist durchaus nicht gesagt, dass diese Fachwörter des Jägers, des Kartenspielers, des Buchdruckers, des Zimmermannes bezeichnender sind als die gewöhnlichen Ausdrücke – obgleich auch das häufig vorkommt – ihr Urwesen beruht vielmehr darin, dass sie nicht jeder versteht, dass sie den nicht dazu Gehörigen, den Nichteingeweihten ein Buch mit sieben Siegeln sind. Und dass sie letzten Endes … ein Mittel sind, um sich gegen die Menschheit überlegen zu fühlen.«
Und nun ist jeder, erdrückt von dem schauerlichen Gefühl, in Wahrheit nur einmal Fachmann, aber dreitausendneunhundertmal Laie zu sein, »Auch-Fach-mann« – und das drückt sich in den Fach-Adverbien aus. Das Fach-Adverbium ist schön und schmückt alle Welt: es klingt voll, es klingt würdig, es klingt leidenschaftlich.
Man sagt vom Französischen, es sei eine phrasenreiche Sprache. Aber wie wichtigkeitsgeschwollen unser Neudeutsch ist, sieht man, wenn man einmal so einen modernen deutschen Essay ins Französische übersetzt. Das gibt es alles in der fremden Sprache gar nicht, diese Schnörkel, diese wissenschaftlichen Windungen, dieses Pseudospezialistentum. Was da die Kunsthistoriker angerichtet haben, das ist nicht zum Blasen.
Dieses Barock eines Maschinenzeitalters ist eine recht dumme Sache. Es ist schließlich nicht einmal wirkungsvoll – es wirkt ja nur auf einen Leser, der sich von ihm imponieren läßt, also nicht immer auf den besten. Man lese etwa einen Aufsatz von G. K. Chesterton, wie der still und einfach (nicht simpel) die schwierigsten Dinge bespricht, wie die Worte »Problem« – »Faktor« – »Element« – »sprachwissenschaftlich« kaum bei ihm zu finden sind, und wie sich doch Stein an Stein fügt, lückenlos, ornamentlos, klar- eine rechte Freude.
Zeitungstechnisch gesehen, müßte dieser Aufsatz jetzt wohl schließen, da er polemisch-taktisch sowie populär-wissenschaftlich nur anregen, aber nicht Thema und Leser erschöpfen will. Welchen Erfolg wird er haben? Er wird, vom Standpunkt der Nahrungsmittelchemie aus gesehen, einen nicht zu unterschätzenden speditionswissenschaftlichen Wert haben: der Fachmann kann sich seinen Käse darin einwickeln.

Unter dem Pseudonym Peter Panter im Jahr 1925