‘Dienstlich’

In Diedenhofen hat ein Leutnant einen Fähnrich erschossen. Bei einer nächtlichen Sauferei: der Leutnant erklärte schlucksend, er wolle sich nunmehr das Leben nehmen. Nun, das sagt man schon so des Nachts um halber zwölf. Aber dem da schien es ernst zu sein, denn er zog einen Revolver und fuchtelte damit herum. Der Fähnrich, der das Unheil kommen sah, nahm seinem betrunkenen Vorgesetzten das Schießgewehr weg. Darauf wurde der nüchtern und »befahl wiederholt dem Fähnrich dienstlich«, ihm den Revolver zurückzugeben. Was dieser auch tat, – der Leutnant holte sich von seinem Burschen Patronen und schoß den Fähnrich tot.
Es wird Sache der Gerichte sein, sich mit diesem Tatbestand näher zu befassen. Wir haben uns bloß mit dem Wort ›dienstlich‹ zu beschäftigen. Es steht immer in diesen Berichten, die wir zur Genüge kennen. Wenn ein Offizier eine Weibergeschichte hat, einen Zusammenstoß mit Vorgesetzten aus privaten Gründen, – immer wird die Sache irgendwo dienstlich. Bis dahin stand man sich als Mitmensch und Gegner gegenüber, – wenn man aber nicht mehr weiter kann, befiehlt man ›dienstlich‹. Praktisch: die Kommandogewalt gilt immer. Das ist eine gefährliche Waffe in Händen von Leuten, die noch nicht weit genug sind, um zwischen Privatverhältnissen und dem Dienst zu unterscheiden. Im Gegenteil: nachts um zwei, wenn man nicht mehr gerade stehen kann, hört die Gemütlichkeit, aber auch der Dienst auf. „‘Dienstlich’“ weiterlesen

Vorsätze

Ich will den Gänsekiel in die schwarze Flut tauchen. Ich will einen Roman schreiben. Schöne, wahre Menschen sollen auf den Höhen des Lebens wandeln, auf ihrem offenen Antlitz soll sich die Freiheit widerspiegeln …
Nein. Ich will ein lyrisches Gedicht schreiben. Meine Seele werde ich auf sammetgrünem Flanell betten, und meine Sorgen werden kreischend von dannen ziehen …
Nein. Ich will eine Ballade schreiben. Der Held soll auf blumiger Au mit den Riesen kämpfen, und wenn die Strahlen des Mondes auf seine schöne Prinzessin fallen, dann …
Ich will den Gänsekiel in die schwarze Flut tauchen. Ich werde meinem Onkel schreiben, daß ich Geld brauche.

Anonym im Jahr 1907

Märchen

Es war einmal ein Kaiser, der über ein unermeßlich großes, reiches und schönes Land herrschte. Und er besaß wie jeder andere Kaiser auch eine Schatzkammer, in der inmitten all der glänzenden und glitzernden Juwelen auch eine Flöte lag. Das war aber ein merkwürdiges Instrument. Wenn man nämlich durch eins der vier Löcher in die Flöte hineinsah – oh! was gab es da alles zu sehen! Da war eine Landschaft darin, klein, aber voll Leben: Eine Thomasche Landschaft mit Böcklinschen Wolken und Leistikowschen Seen. Rezniceksche Dämchen rümpften die Nasen über Zillesche Gestalten, und eine Bauerndirne Meuniers trug einen Arm voll Blumen Orliks – kurz, die ganze moderne Richtung war in der Flöte.
Und was machte der Kaiser damit? Er pfiff drauf.

Anonym im Jahr 1907

Guckkasten

Damals, als eine Hofdame noch eine Hofdame war, veranstaltete ein sehr vornehmes Komitee in Greiz-Reiz-Schleitz einen Wohltätigkeitsabend. Zur Gene-ralprobe hatte man auch die erste Hofdame Ihrer Fürstlichen Durchlaucht gebeten, die das Programm auf Stubenreinheit prüfen sollte. Es wurde getanzt und gesungen, so unter anderm das hübsche, alte Lautenlied Otto Julius Bierbaums:

Ach, mein Schatz ist durchgegangen, Laridah!
Erst wollt ich ihn wiederfangen, Laridah!

mit den Versen:

Also, Herze, sei zufrieden, Laridah!
Viele Hasen gibts hienieden, Laridah!
Ist der eine dir entlaufen, Laridah!
Kannst du einen andern kaufen, Laridah!

Einen schönen weißen, weichen, Laridah!
Mucki-Nucki soll er heißen, Laridah! –
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Der Portier vom Reichskanzlerpalais spricht

»Ja, man hat ja so allerhand erlebt in der letzten Zeit. Früher – Gott! war diß jemietlich! Da kam wirklich mal hier und da Majestät zu Bethmann zum Frühstück, aber sonst war alles still, janz still. Und wenn ick noch an den Pudel von ollen Bülow zurückdenke, denn wird mir janz schwummrig, und ick muß jleich ‘n Schnaps trinken … Ja, früher … Also diß is nu vorbei. Schon in ‘n Krieg jing die Aufrejung los. Da kam eines Tages ein Mann her, das war der neue Reichskanzler Michaelis, der bekam son mächtigen Schreck bei seine Ernennung, dass er sich die janze Zeit nich davon erholen konnte … Und denn kam son alter Herr, der wackelte immer mit ‘n Kopp, und denn dachten die Leute, er sacht: Ja – und da machte jeder, wat er wollte. Na, und denn kam Prinz Max von Baden – und denn jing der Klamauk los … Sehn Se ma, früher, da stand ick morjens um neune auf, und denn fegten die Frauen det Jächtchen und den Flur, und ick sah mir das alles mit an, und wenn nicht jrade een Besucher kam, den ick anschnauzen mußte – denn jing es mir soweit janz gut. Aber nu? Also am neunten November – det weeß ick noch wie heute – da kamen auf einem Male Autos anjesaust, und denn kamen solche Kerls hier rin, die guckten an die Decke, fühlten sich mächtig unbehaglich, und ick sachte: ›Zu wen wünschen Sie?‹ sachte ick. Aber die sachten: ›Nu regieren wir!‹ Und ick jing denn janz ruhig in meine Portierklause und dachte: Immer regiert ihr man! Ihr werdet det schonst über kriejen! Und denn regierten die. Und einmal, einmal, da stand Liebknecht vor die Türe und hielt eine große Rede – und ick dachte schon, nu kommt der mir hier ooch noch rin – aber dann schrien se alle ›Hoch‹ und ›Nieder‹, und denn war es ja wieder jut. Na – und eines Morgens – ick sahre noch zu meine Olle: ›Du‹ sahre ick, ›mir is heute so merkwürdig‹ – da kam denn son Herr an, so einer mitn Bart und ‘n Jesicht wie ‘n Bürovorsteher – der sachte: ›Morgen! Ich bin hier nu Reichskanzler!‹ Na, ick jing denn janz ruhig in meine Klause und dachte: Mach man! Diß wird dir bald über werden! – und denn jing det so ne janze Weile. So fein wie früher war es ja nu nich. Die feinen Leute, die noch so manchmal so von früher herkamen, die lachten mir denn immer so vertraut an, so, als wollten sie sahren: Was? Wir zwei beide haben doch schon bessere Tage gesehn! Aber ick sachte janischt und stand mit meine Olle auf den Boden der gegebenen Tatsachen. Na – und neulich, am dreizehnten März – ick sahre noch zu meine Olle: ›Du‹, sahre ick, ›jib mir mal ‘n Kümmel – mir is heute so komisch‹ – da kloppt et janz frühmorgens zu nachtschlafende Zeit an mein Guckfenster, und draußen steht ‘n Herr – und lacht und sagt: ›Nu regieren wir hier!‹ Na, ick jing denn janz still in meine Klause und dachte: Macht man! Diß wird euch bald über werden! Und richtig: das wurde sie auch. Erst liefen ja hier mächtig ville Offiziere rum, mit Monokel, und Ludendorff kam auch, und ick riß die Knochen zusammen und jrüßte ihm, und er winkte jnädig ab – und denn rejierten sie da. Aber wie das so is: eines Morgens – da waren sie weg – und zwei Stunden später – da kloppt et an meine Türe, und da stand der Herr von früher und sachte: ›Morgen! Morgen!‹ sacht er. ›Ja – nu rejieren wir hier!‹ Und ick jing janz still in meine Klause … Und jeden Morgen, wenn ick uffstehe un meine Olle sich die Zeppe uffstecken tut, denn die hat se, denn steh ick ans Fenster und gucke so uff die leere Wilhelmstraße, wo die Spatzen in die Pferdeäppel picken, und denn denk ick mir so: Wer kommt nu –?«

Anonym im Jahr 1920

Lützolfs wilde Jagd

Was glänzt dort vom Walde im Sonnenschein?
Hörs näher und näher brausen.
Es zieht sich herunter in düstern Reihn,
und gellende Hörner, sie schmettern drein
und erfüllen die Seele mit Grausen.
Und wenn ihr die schwarzen Gesellen fragt:
Es ist
eine Formation, die nicht existiert, deren Angehörige lediglich die Ertüchtigung der Jugend betreiben, Waffen nicht besitzen und mit denselben äußerst vorsichtig umgehn, sodass von einer unmittelbaren Gefahr für die Republik nicht gesprochen werden kann
Lützows wilde verwegene Jagd.

Was streift dort rasch durch den finstern Wald
und jaget von Bergen zu Bergen?
Es legt sich in nächtlichen Hinterhalt;
das Hurra jauchzet, die Büchse knallt,
es stürzen die jüdischen Schergen.
Und wenn ihr die schwarzen Jäger fragt:
Es ist
leider nicht möglich, Ihnen Auskunft zu geben, bester Herr: sie sind das Land, und das Land darf man nicht verraten, denn die Richter, die Reserveoffiziere gewesen sind, erinnern sich gern an die Schlacht bei Sedan, wissen aber noch nicht, dass sie schon aus ist, und schließen sich von der Öffentlichkeit aus
Lützows wilde verwegene Jagd.

Die wilde Jagd und die deutsche Jagd
auf Henkersblut und Tyrannen!
Drum, die ihr uns liebt, nicht geweint und geklagt!
Das Land ist ja frei, und des Reimes wegen der Morgen tagt,
wenn wirs auch erst sterbend gewannen!
Und von Enkeln zu Enkeln seis nachgesagt:
Das war
in Döberitz, im Monat Mai, deinen Großvater haben sie beschlagnahmt, deinen Onkel eingesperrt, deine Tante in Schutzhaft genommen, ich laß sie grüßen, deinen Bruder auf der Flucht erschossen und deinen Vater verhaftet, er lahmt heute noch. Die Republikaner? Gehirnattrappen, die nicht einmal merken, wie verprügelt sie sind, Leute, egalweg gerecht von einer Niederlage zur andern, immer gerecht, Gefahren einrichtend und sie hinterher beschwörend, taktisch von Malheur zu Malheur taumelnd, besiegt, geschlagen, zurückgeworfen und noch stolz darauf, im tiefsten Wurstkessel, und wissen es nicht und wissen es nicht einmal, und wer bleibt den Jeistigen gegenüber Sieger, Triumphator über Millionen Geknechteter –?
Lützows wilde verwegene Jagd.

Unter dem Pseudonym Theobald Körner im Jahr 1926