Dollar = 2000 Mark

Wir heulten, schrien und fackelten
vom armen Proletarierpack;
inzwischen aber wackelten
die letzten Taler aus dem Sack.

Gottfried Keller (1847)

Dollar zweitausend – bald ist es soweit. Und das Katastrophale ist nur, dass die Entwertung des Geldes nicht gleichmäßig mit dem Dollar Schritt hält – sondern dass alles bunt durcheinander geht: der eine steigert um hundert Prozent und der andere um zweihundert, und der um die Hälfte und der wenig, und der gar nicht, weil er die Macht nicht hat.
Der erste ist der Mann mit den Lebensmitteln. Und er kann das, weil die andern müssen. Die sofortige Steigerung der Butter, der Milch, des Fleischs ist in keiner Weise gerechtfertigt – hier ist der Dollarkurs nur Anlaß, nicht Ursache. Eine bessere Ausrede können die Leute gar nicht finden. Nun bekenne ich ja beschämt, dass ich gar nichts mehr von der Volkswirtschaft verstehe, seit mir neulich ein großer Getreidehändler auseinandergesetzt hat: Wucher gibt es gar nicht. »Wucher« – das ist nur ein Schlagwort für Versammlungsredner. Schade – wenn er nicht in die Theaterloge hätte gehen müssen, so wäre er mir vielleicht gefolgt, und ich hätte ihm die Arbeiterquartiere gezeigt, in denen es keinen neuen Stuhl gibt, keine neuen Kleider, keine Schuhe, kein ganzes Stück Wäsche – – Wucher … nein, den gibt es nicht. Den haben wir uns ausgedacht.
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Die Kartoffeln

Ich las eines dieser patriotischen Bücher, die das deutsche Heer einer genauem Betrachtung unterziehen. Da stand auch eine historische Erinnerung, die es wert ist, dass wir sie uns aus der Nähe ansehn.
Bei der Belagerung von Paris im Jahre 1870, erzählt der Autor, haben sich die feindlichen Vorposten ganz gut gestanden. Man schoß durchaus nicht immer aufeinander, o nein! Es kam zum Beispiel vor, daß man sich mit Kartoffeln aushalf. Meistens werden es ja die Deutschen gewesen sein, die den Retter in der Not gemacht haben. Aber einmal näherte sich ein französischer Trupp von ein paar Mann, die Deutschen nahmen die Gewehre hoch, da sagte jemand auf deutsch: »Nicht schießen! Wir schießen auch nicht!« und man begann sich wegen auszutauschender Getränke zu verständigen. „Die Kartoffeln“ weiterlesen

Die Feuerwehr

Auf der Insel Truchany gegenüber Kiew befindet sich die Reparaturwerkstatt des Dampfschiffahrtsunternehmens auf dem Dnjepr. Die freiwillige Feuerwehr der Werkstatt hatte seit Jahren nichts zu tun. Aus Besorgnis vor dem Schicksal der freiwilligen Rettungsgesellschaft zündeten sechs Feuerwehrmänner im vorigen Jahre ein Gebäude der Werkstatt an. Das Feuer wurde durch die freiwillige Feuerwehr gelöscht. Nachdem ein halbes Jahr wieder nichts geschah, zündeten dieselben sechs Mitglieder der Feuerwehr ein neues Gebäude an. Es wurden ein Mitglied der Feuerwehr, Korolski, und der Gehilfe des Brandmeisters, Dezenke, die unmittelbaren Anstifter des Verbrechens, zum Tode verurteilt, drei weitere Angeklagte zu je zehn Jahren Freiheitsstrafe, ein anderer zu acht Jahren Freiheitsstrafe.

Anonym im Jahr 1927

Die Aufpasser

Wenn ich aus meinem Fenster sehe, so erblicke ich drüben auf der anderen Straßenseite die ziegelrote Front einer berliner Gemeindeschule. Im Sommer, und wenn es warm ist, auch im Frühling – dann machen wir beide, die Gemeindeschule und ich, unsere Fenster auf. Ich höre dann so, wie dreiundfünfzig Kinderkehlen versichern, dass sie preußisch seien und auch preußisch sein wollten, und ich höre, wie man den ganzen Tag ununterbrochen zum lieben Gott Choräle hinaufschickt, so dass der alte Mann beinahe glauben muß, Preußen sei wirklich eine große Kinderstube.
Aber am ergötzlichsten ist es doch um 10 Uhr und um 11 Uhr, kurz, immer dann, wenn drüben gerade die Pause zu Ende gegangen ist. „Die Aufpasser“ weiterlesen

Der Kontrollierte

Da ist die berliner Straßenbahn … Aber es wird ja auf den anderen Bahnen nicht viel anders sein … Also da sitzen nun die Leute da und träumen und glotzen und unterhalten sich und manche lesen – –. Auf einmal betritt ein uniformierter Mann den Wagen und sagt: »Die Fahrscheine bitte!« – Das ist ein Beamter, der hauptsächlich zur Kontrolle der Schaffner angestellt ist.
Pflichtschuldig wühlt alles in den Taschen. Alle reichen das Stückchen Papier dem Beamten hin. Nur einer hat seinen Fahrschein verloren.
Es ist doch ein Bedientenvolk, das deutsche. Denn nun sehen alle den Mann an, als ob er ein Verbrechen begangen habe. Denn sie bilden sich ein, der Beamte kontrolliere sie. Dabei ist der Beamte höflich und tut eigentlich nichts, was diesen Aberglauben bestärken könnte. Aber sie denken sich das so und sind voller Ehrfurcht und verabscheuen alle den Mann, der seinen Fahrschein verloren hat. Einen Augenblick hat er den ganzen Wagen gegen sich. Manche mögen ja ein bißchen teilnahmsvoll zusehen, wie er sich abmüht, und sie denken sich schaudernd in seine entsetzliche Lage … „Der Kontrollierte“ weiterlesen

Der Gerichtsdiener

Die Verhandlungen vor den Strafgerichten sind in Deutschland öffentlich. So? Da gehen Sie einmal nach Moabit und versuchen Sie die Probe aufs Exempel. Da sitzt vor jeder Tür ein bissiger Höllenhund und belfert. Und im Gerichtssaale wirft er Sie zwar nicht heraus, aber er gibt doch deutlich zu erkennen, dass eigentlich er hier Recht spricht …
Natürlich sind es kleine Unteroffiziere mit einem dreckigen Gehalt. Aber statt etwas dafür zu tun, daß es besser wird, schlagen sie sich auf die Seite ihrer Brotgeber – die übrigens so viel Kulanz gar nicht verlangen – und behandeln die Zuhörer, wie sich nur Deutsche behandeln lassen. „Der Gerichtsdiener“ weiterlesen

Der Dichter der “Weber” bei Ullstein und Mosse

Erst hieß es schüchtern, Hauptmann beschäftige sich momentan mit einer Bearbeitung der Parzivalsage für die Jugend. Nun kommt heraus, dass diese Bearbeitung bei Ullstein erscheinen wird.
Es ist nicht hübsch, dass der Hauptmann mit seiner Uniform handeln geht. Wenn auch das Dichten bei ihm kein Geschäft war, so wird es ihm doch niemand übelnehmen, wenn er seine Werke so günstig wie möglich verkauft. Aber ein Mann wie Hauptmann hat doch die Pflicht, zu sehen, an wen. Er mußte wissen, dass Ullstein ihn zu dieser Arbeit nur aufgefordert hat, um mit dem Namen zu protzen. Wie er mit anderen auch protzt. „Der Dichter der “Weber” bei Ullstein und Mosse“ weiterlesen

Der alte Fahrer

Da sagen die Leute immer, der moderne Verkehr hebe alle Poesie auf. Das ist gar nicht wahr. Ich meine nicht die Romantik der Eisenbahnen, eines Bahnhofs bei Nacht und all der Dinge, in denen Gott Maschine eine beängstigende Rolle spielt. Nein, auch die Idylle ist noch nicht ausgestorben.
Ich stand vorn auf der Plattform eines Wagens der elektrischen Straßenbahn zu Berlin. Ich war mit dem Fahrer allein, – und wir sausen so die schnurgerade Straße herauf bis zur Haltestelle. Da stieg ein Mann auf, mit einem fröhlichen, roten Gesicht, blauen Augen, in ganz anständiger Kleidung. Wir fuhren weiter … »Na«, sagte auf einmal der Mann zu dem Fahrer, »ick habe auch ma jefahren bei euch!« – Das durfte er aber gar nicht sagen, denn die Unterhaltung ist strengstens verboten. Er tats aber doch. Und der Fahrer überschritt seinerseits auch die Schweigevorschrift, drehte sich interessiert um und sprach: »So? – Wo denn?« Der andere nannte die Linie, und gleich begannen sie sich über die Einzelheiten des Dienstes zu unterhalten, über die strengen Vorgesetzten, über die Gewohnheiten, die Handgriffe des Personals, – und es hagelte Fachausdrücke und mir unverständliche Abkürzungen … „Der alte Fahrer“ weiterlesen

Das Gebet für die Luftschiffer

Der liebe Gott wird sich schön wundern. Bis jetzt hat es jeden Sonntagmorgen antelefoniert, und eine Stimme hat gesagt: »Beschütze das königliche Kriegsheer und die gesamte deutsche Kriegsmacht zu Lande und zu Wasser.« – »Ach so, Preußen!« hat dann der liebe Gott gesagt und hat abgehängt. Aber nachdem nunmehr der Generalsynodalvorstand die Dringlichkeit einer königlichen Verordnung anerkannt hat, wird der liebe Gott wieder aufhorchen. Denn nun heißt es: » … gesamte deutsche Kriegsmacht zu Lande und zu Wasser, insonderheit die Schiffe und die Luftfahrzeuge, welche auf der Fahrt sind.« – »Insonderheit«, wird der liebe Gott sagen, »ist kein deutsches Wort. So was schreibt man nicht einmal, geschweige denn betet man es. Aber meine lieben Preußen da unten haben so bürokratische Vorbeter, da bin ich dergleichen gewohnt.« Und wird wieder abhängen. „Das Gebet für die Luftschiffer“ weiterlesen

Berlin! Berlin! (Der berliner Volkshumor hat in wenigen Jahrzehnten…)

Der berliner Volkshumor hat in wenigen Jahrzehnten große Wandlungen durchgemacht. Bewußt ist den Berlinern dieser Humor eigentlich erst seit der Mitte des neunzehnten Jahrhunderts, seit Glaßbrenner, und aus dieser Zeit datiert sein Niedergang.
Es ist eine merkwürdige und oft beobachtete Tatsache, wie dem kernhaften Volkshumor die Literatur schadet, und wie das Lachen gleich dünner wird, wenn mans im Grammophon auffängt. Glaßbrenner hatte es noch verhältnismäßig leicht: er hörte scharf, schrieb gut, und der Weg vom Ohr bis zur Hand war bei ihm kurz. Ganz abgesehen von seiner politischen gut demokratischen Gesinnung (man darf da nicht an unsre heutigen Demokraten denken, sondern an Männer), ganz abgesehen von seiner politischen Gesinnung, hatte er wie kaum ein zweiter den humoristisch trockenen Ton der Berliner weg. Er hörte förmlich die Musik, die darin lag, dass ein berliner Eckensteher den Versuchen des Droschkenkutschers, sein gefallenes Pferd wieder in die Höhe zu bekommen, still und pomadig zusah, keine Hand aus der Tasche nahm und schließlich das fachmännische Urteil abgab: »Dies Ferd scheint hinjefallen zu sin!« – Ehe der Kutscher zu Fluch und Peitsche greifen konnte, war er schon eine Ecke weiter geschlendert … „Berlin! Berlin! (Der berliner Volkshumor hat in wenigen Jahrzehnten…)“ weiterlesen