Unsere Zeitgenossen, die Raffkes

Ganz Europa lacht über seine neuen Reichen. Wer das Rennen macht, ist noch nicht heraus, denn sie liegen alle in gerader Linie vorn: der »Gulaschkönig« (Dänemark) und der »Haifisch« (Italien) und »Raffke« (Deutschland). Und drumherum sitzt ein Riesenauditorium und ruft: »Schieber –!« – Warum eigentlich?
Reichtum reizt. Darum haben die Vertreter der guten alten Familien in der Öffentlichkeit immer jene leise Zurückhaltung geübt, die beinahe dafür um Entschuldigung zu bitten schien, dass einer so viel Geld haben könnte – und wer nicht grade zu neidisch veranlagt war, kam dann rasch über die Tatsache hinweg, dass der andere so sehr viel reicher war. Nicht so Raffke. Seit er die Weltjahrmarktspreise erreicht hat, ist er obenauf und »macht« die Sache. Er schlägt seine Schlachten am Telefon, in den Likörstuben, an tintenbefleckten Bürotischen – und siegt immer um eines Mundes Länge. Denn ein Gott gab ihm zu sagen, was er leidet … Hemmungen hat er nicht. Die Zitrone bis aufs letzte auspressen: das ist die Kunst. Raffke preßt. Und wenn er nach Hause kommt, tätschelt er Muttern zärtlich auf den Specknacken und sagt in unnachahmlich fettem Ton: »Na, Olle … !« Dieses »Na, Olle … « heißt: Wir haben ihn. „Unsere Zeitgenossen, die Raffkes“ weiterlesen

Sie lächelt wieder!

Die Gioconda – man sprach nie anders von ihr, wie wenn man mit ihr geschlafen hätte – lächelt wieder. Noch in Italien, bald wieder in Paris, wo man sie nun noch häufiger als bisher fotografieren wird, weil sie früher da war und weil sie dann nicht mehr da war, und weil sie nun wieder da ist. Man berechne, was sie im Lauf der Zeit kostete: Telegramme prasseln, Illustrationen klatschen auf die Lithographiersteine, Schmöcke schwitzen, und wieder ist ein Verbrauch in Adjektiven wie in den alten Zeiten, da sie gestohlen wurde. „Sie lächelt wieder!“ weiterlesen

Rin in die Escarpins!

Berlin liegt zwar an der Spree, aber wenn man so nach einer »Nacht der Bälle« die Zeitungen liest, könnte man denken, es sei an die Donau gerutscht.
Früher ging man tanzen, amüsierte sich und ließ Gott einen guten Mann sein. Dagegen ist nichts einzuwenden. Seit aber Tanzen eine Ehrensache geworden ist, bei der man nicht mehr aufs Mädel, sondern nur noch auf vier Beine sieht, geht das nicht mehr so einfach vonstatten. So ein Ball ist das, was der Berliner eine »Sache« nennt, man muß an die schönen Verse Peter Schers denken … »Wenn wir Berliner eine Lust entfachen, Denn jehn wir feste ran (Verschtehste: Schwung!) Natürlich aber doch mit Mäßigung – Da gibt es nischt zu lachen.« Gibt es auch nicht, es sei denn, man sieht sich am nächsten Morgen die Zeitungen durch.
In einer Reihe mit Ein- und Beinbrüchen, mit Kulturwerken und Klatschgeschichten stehen Ballberichte, die der selige Pietsch nicht besser hätte mit der Hand herstellen können. Ungeniert werden den Damen zweifelhaftester Provenienz – auf die niemand einen Stein werfen soll, solange sie bei ihrem Leisten bleiben – Kränzchen gewunden, und die Fräcke der Herren Schieber und Karikaturisten, die längst Modezeichner sind, werden hübsch genau abgemalt. Der Nachfolger des alten Pietsch in der Vossischen Zeitung – der Altmeister war berühmt wegen seines Schmalzes, das er gleichermaßen auf Gerechte und Ungerechte träufeln ließ – dieser Nachfolger ist tobsüchtig geworden ob des reizenden Anblicks, der sich ihm darbot. „Rin in die Escarpins!“ weiterlesen

Neue Sorgen der Bourgeoisie

Modedummheiten und Auswüchse der Mode hat es immer, in allen Schichten und zu allen Zeiten gegeben. Aber was die Modetorheiten vor allen andern so auszeichnet, ist, dass sie viel Geld kosten, Lebensenergien verschwenden und doppelt und dreifach aufreizend auf die wirken, die nicht das nötige Brot zum Leben haben. Nichts versinnbildlicht so die kapitalistische Gesellschaftsordnung wie einer dieser großen Ozeanriesen: unten schuftet bei Höllenglut der Trimmer am Kessel, unten liegen zusammengepfercht in schlechter Luft, bei Unglücksfällen am schnellsten von den Rettungswegen abgesperrt, die Leute vom Zwischendeck – und oben runzelt einer unzufrieden die Stirn, weil eine Granatfrucht nicht so geeist ist, wie er das wohl erwarten darf: Der Querschnitt durch so ein Schiff ist recht lehrreich.
Nun will ja jeder gescheite Gesellschaftsreformer die Nivellierung nach oben: das heißt, es soll allen nicht gleichmäßig schlecht, sondern allen gleichmäßig gut gehen. Und man muß bei den Modetorheiten wohl unterscheiden, was übermütiger Spieltrieb ist, der nur fehl am Ort arbeitet, und was aufreizende Vergeudung darstellt. „Neue Sorgen der Bourgeoisie“ weiterlesen

Kunst und Kaufmann

Seit ein paar Jahren fehlt es nicht an Bestrebungen, die darauf ausgehen, den unüberbrückbaren Zwischenraum zwischen Kapital und Kunst, zwischen Geld und Geist zu verwischen. Früher verdiente der Kaufmann sein Geld, und damit war es gut. Heute genügt das nicht mehr. Da hören sie so viel von Intellektuellen, und von Kunst und von Geist … und allen solchen schönen Dingen … Das müssen sie auch haben. Man läßt sich doch nicht lumpen. Nun aber ergibt sich, dass man das nicht so einfach kaufen kann wie einen Packen Baumwolle. Man bekommt ja viel fürs Geld heutzutage, auch Schmöcke, Kunsthändler, Zeitungen, die dem Kaufmann bestätigen, dass er viel mehr tut als nur sein Geld verdienen. Er erfüllt eine Kulturarbeit!! Jawohl!! Wenn man vielleicht denkt, es ist ihm um die Bilanz zu tun, so irrt man. Er ist kein Krämer, er ist ein Pionier! „Kunst und Kaufmann“ weiterlesen

Kasernenhygiene

Der Verein zur Erregung europäischer Zwistigkeiten, vulgo Wehrverein, gibt ein Blättchen heraus. Lehrreich immerhin …
Da berichtet zum Beispiel einer über die preußischen Kasernen. Nein, wirklich, diese Notiz ist keinem Parteiblatt entnommen, sie stand wirklich in der »Wehr«, so heißt das Papier. Ein schärferes Urteil über die hygienisch-miserable Einrichtung dieser unmodernen Häuser kann nicht gefällt werden. Warum, fragt der Schreiber, werden heute noch Kasernen ohne Wasserleitung gebaut? – Da empfindet selbst der freudigste Soldat das Wassertragen als eine Schinderei. Warum, fragt der Schreiber, wird noch immer soviel an alten Uniformen herumgeflickt? Das ist unnötig, spart kein Geld, weil es zuviel kostbare Zeit kostet, und erbittert die Gemüter. Warum, fragt der Schreiber, gibt es noch überall in den Kasernen Ungeziefer? – Weil man keinen Beton mit Linoleumbelag hat, weil man noch Scheuerleisten hat, die unpraktisch sind … „Kasernenhygiene“ weiterlesen

Eine feile Dirne?

In der Charlottenburger Stadtverordnetenversammlung hat ein Redner in der Hitze des Gefechts die bürgerliche Presse »eine feile Dirne« genannt. Darob gab es ein Hallo, und die angegriffenen Blätter durften feststellen, dass sich eine solche Rempelei von selber richte.
Ich weiß doch nicht recht. Ist die bürgerliche Presse wirklich mit einem Straßenmädchen zu vergleichen? Nein. Leider nein. Die deutsche Bürgerpresse ist nicht in dieser Weise korrupt. Ihr Wesen ist nicht zu treffen durch den Hinweis auf kleine Bestechungen und Käuflichkeiten, die mit dem Inseratengeschäft und der Kunstkritik zusammenhängen. Sie ist keine feile Dirne, die man sich für ein paar Mark kaufen kann. Sie ist etwas viel Gefährlicheres. Verglichen kann sie vielleicht werden mit einer großen Kokotte, die ein gutes Herz hat und, wenn sie nicht gerade Grafen und Barone rupft, wohl auch einmal einen Tee für Minderbemittelte einlegt. Sie ist unberechenbar: sie schenkt heute diesem ihre Gunst und morgen jenem, verlangt von einem viel, vom anderen alles, vom dritten nichts. Sie hat ihre Lieblinge, und sie hat ihre Feinde, und in ihrem Frauengehirn spiegelt sich die Welt auf wunderbare Weise. „Eine feile Dirne?“ weiterlesen