Die Insel

Ich konnte kaum die Nacht erwarten,
nun war sie da.
Eintrat ich in den Liebesgarten –
und bin dir nah.

Die Skala der Gefühle spielen wir:
ein Duett.
Du exzellierst in allen Stilen –
adrett… kokett…

Scham. Abwehr. Weichen. Überfließen.
Ermattung. Schlaf.
Wie wir uns lose treiben ließen…
Du schlummerst brav.

Der Morgen graut. Da rutscht die Zeitung
leis durch den Spalt.
Die böse Mittlerin, die Leitung –
Das Schlagwort knallt.

Im Dämmern les ich eine Zeile:
“Herr Müller spricht.”
Hart tickt die Uhr in dummer Eile.
Wir bleiben nicht.

Wir treiben fort. In das Gerinsel
blick ich zurück.
Du gabst auf einer kleinen Insel
ein kleines Stundenglück.

Die “deutsche Neigung” Mitglied in mindestens einem Verein zu sein

In mein’ Verein bin ich hineingetreten,
weil mich ein alter Freund darum gebeten, ich war allein.
Jetzt bin ich Mitglied, Kamerad, Kollege –
das kleine Band, das ich ins Knopfloch lege, ist der Verein.
Wir haben einen Vorstandspräsidenten
und einen Kassenwart und Referenten und obendrein
den mächtigen Krach der oppositionellen
Minorität, doch die wird glatt zerschellen
in mein’ Verein.

Ich bin Verwaltungsbeirat seit drei Wochen.
Ich will ja nicht auf meine Würde pochen –
ich bild mir gar nichts ein…
Und doch ist das Gefühl so schön, zu wissen:
sie können mich ja gar nicht missen in mein’ Verein.
Da draußen bin ich nur ein armes Luder.
Hier bin ich ich – und Mann und Bundesbruder
in vollen Reihn.
Hoch über uns, da schweben die Statuten.
Die Abendstunden schwinden wie Minuten
in mein’ Verein.

In mein’ Verein werd ich erst richtig munter.
Auf die, wo nicht drin sind, seh ich hinunter
was kann mit denen sein?
Stolz weht die Fahne, die wir mutig tragen.
Auf mich könn’ Sie ja ruhig »Ochse« sagen,
da werd ich mich bestimmt nicht erst verteidigen.
Doch wenn Sie mich als Mitglied so beleidigen…!
Dann steigt mein deutscher Gruppenstolz!
Hoch Stolze-Schrey! Freiheil! Gut Holz!
Hier lebe ich.
Und will auch einst begraben sein
in mein’ Verein.

Der Kopf im Walde

Ein Neunzehnjähriger ist von der Feme
ermordet worden. Der Leichnam ist im
Walde verscharrt. Wildernde Hunde
haben an der Stelle gegraben und den
Kopf freigelegt. Der Kopf spricht:

Hinter Buckow, etwas westlich vom Alten See,
liege ich, dreißig Schritte von der Chaussee.
Meine Kleider sind schon ganz verfault und welk wie Zunder.
Bei dem hiesigen Boden ist das kein Wunder.
Hier ists moorig.
Ich kenne das recht gut.
Ich war doch hier Freiwilliger… ich hatte einen Südwestafrikaner-Hut,
und wir hatten Abzeichen und waren national.
Wie kam das doch so auf einmal?

Ja, der Lübecke hatte aufgebracht, dass ich ein Spitzel wäre.
Das ging gegen meine Ehre,
und das war von ihm eine große Gemeinheit.
Er war bloß eifersüchtig auf meine Reinheit.
Denn er machte immer was mit Völckner hinter der Scheune.
Und eines Sommerabends, so gegen halb neune,
da faßte er mich an und wollte mit mir auch einmal.
Aber ich sagte: »Ich melde es dem Korporal –!«
Denn seit zwei Monaten war ich anständig geworden.
Ich war fast der einzige im ganzen Orden…
Mir war gleich so komisch…
Da! – Wie sie mich wieder umkreisen:
die Ameisen! Die Ameisen!

Mir war gleich so komisch… Denn Lübecke wußte das von Bern …
(der hat damals bei Rathenau mitgemacht – mit Fischer und Kern),
und Lübecke war furchtbar mächtig in unserm Bund.
Und was er mal gesagt hatte, das tat er auch, und
da habe ich beim nächsten Appell gefehlt.
Und da hat der Lübecke sicher was Gelegenes erzählt.
Und Bröder, unser Kompanieführer, war leider nicht hier –
der war nämlich früher Offizier –
der war nicht da. Das war sehr schade.
Aber der war in Halle auf Parade.

Und da haben sie eine Übung angesetzt im Wald,
damit es nicht auffällt, wenn eine Patrone knallt.
Und da waren auf einmal vier da.
Lübecke nicht. Und sie haben kein Wort gesagt. Und sie kamen ganz nah
auf mich zu und sahen mich bloß an
und sagten: »Du bist kein deutscher Mann –!
Du bist ein Verräter –!« Und dann kam ein Schlag.
Und einer rief: »Das wird dein letzter Tag,
du Hund!« Und dann waren sie ganz stumm.
Und ich fiel hin, und sie trampelten noch auf mir herum.
Und dann weiß ich nichts mehr. Doch. Einer hat gerufen: »Was kann da
sein?
Wir fallen ja doch nicht rein!«

Herrgott, ich bin mein ganzes Leben lang fromm gewesen.
Laß mich doch hier nicht ungerächt verwesen!
Laß es doch herauskommen! Sicher steckt der Lübecke dahinter.
Jetzt war schon einmal Sommer, und nun kommt Winter.
Meine Mutter weiß nicht, wo ich geblieben bin…
Sie lassen mich sicher suchen, in Amerika oder Tientsin.

Lieber Gott, dir kann ichs sagen:
Wos zu spät ist, weiß ichs jetzt:
Siegreich wolln wir Frankreich schlagen –
alle haben so gehetzt!
Das Hakenkreuz, Gott, ich umkrall es!
Lieber Gott, mein Rufen gellt:
Deutschland, Deutschland über alles!
Über alles in der Welt –!

Im Jahr 1929

Das erdolchte Heer

Die Generale habens gesagt
und haben die Heimat angeklagt.

Die Heimat – heißt es – erdolchte das Heer.
Aber die Heimat litt viel zu sehr!

Sie schrie und ächzte unter der Faust.
Es würgt der Hunger, der Winterwind saust.

Ihr habt der Heimat erst alles genommen
und seid noch besiegt zurückgekommen.

Besiegt hat euch euer eigener Wahn.
Dreimal kräht jetzt der biblische Hahn.

Und nach so viel Fehlern und falschen Taten:
habt ihr nun auch die Heimat verraten.

Die Heimat, die Frauen, die Schwachen, die Kranken –
Wir danken, Generale, wir danken!

Im Jahr 1919

Canzonetta

Das Elend Berlins ist von der Stadtbahn aus nicht zu sehen.

Bellevue. Fahrt Ihr einmal auf euern Wegen
durch das Gewirr der Häuser in Berlin –
es dampft der Zug durch grauen Großstadtregen,
Ihr seht den Droschkentrott, die Bahnen ziehn -,
fahrt ihr da oben, seht Ihr in die Zimmer
der Hinterhäuser, seht die Wäsche wehn
Doch wer da wohnt – da habt Ihr keinen Schimmer,
Das kann man von der Stadtbahn aus nicht sehn.

Fahrt Ihr da oben, seht Ihr die Paläste,
die goldene Kuppel unsres Reichstagbaus,
den Friedrichstrich … die Friedrichstraßengäste
und hier und da ein großes Pressehaus.
Da sitzt der Chef und informiert die Leute.
Er kann für Wilhelm, Kapp und Nosken grade stehn
Und welche Überzeugung hat er heute?
Das kann man von der Stadtbahn aus nicht sehn.

Fahrt Ihr da oben, seht Ihr in die Stuben.
»o Ein Mädchen zieht sich scherzend grad herum
mit einem blonden, langen, frischen Buben –
vorbei. Nun gar nichts mehr. Wie ist das dumm!
Man sieht so gern, wenn andre Leute lieben.
Wie mag das wohl mit jener Kleinen gehn?
War sie noch keusch? War sie noch unbeschrieben?
Das kann man von der Stadtbahn aus nicht sehn.

Da liegt Berlin. in öligen, bunten Flecken
zieht Mutter Spree, andante wie zumeist.
Wo mag sich Kapp & Lüttwitz wohl verstecken?
Und wo ist nun der neue saubre Geist?
Wir bauen um, hörst du den Kanzler sagen.
Was ist denn nur bis jetzt dazu geschehn?
Und wann wird man sich an die Achselstücke wagen?
Das kann man von der Stadtbahn aus nicht sehn.

Bürgerliche Wohltätigkeit

Sieh! Da steht das Erholungsheim
einer Aktiengesellschafts-Gruppe;
morgens gibt es Haferschleim
und abends Gerstensuppe.
Und die Arbeiter dürfen auch in den Park…
Gut. Das ist der Pfennig.
Und wo ist die Mark -?

Sie reichen euch manch Almosen hin
unter christlichen frommen Gebeten;
sie pflegen die leidende Wöchnerin,
denn sie brauchen ja die Proleten.
Sie liefern auch einen Armensarg…
Gut. Das ist der Pfennig. Und wo ist die Mark -?

Die Mark ist tausend- und tausendfach
in fremde Taschen geflossen;
die Dividende hat mit viel Krach
der Aufsichtsrat beschlossen.
Für euch die Brühe. Für sie das Mark.
Für euch der Pfennig. Für sie die Mark.

Proleten!
Fallt nicht auf den Schwindel rein!
Sie schulden euch mehr als sie geben.
Sie schulden euch alles! Die Ländereien,
die Bergwerke und die Wollfärbereien…
sie schulden euch Glück und Leben.

Nimm, was du kriegst. Aber pfeif auf den Quark.
Denk an deine Klasse! Und die mach stark!
Für dich der Pfennig! Für dich die Mark!
Kämpfe -!

Im Jahr 1929

Blumentag

Der dicke Bürger greift in seine Weste:
»Da nimm! mein Kind!« –
Er gibt den Sechser mit gerührter Geste –
die Träne rinnt! –

Das Auge tropft. Der dicke Bauch schlägt Wellen.
Er schenkte was!! – –
In solchen Patriotenrummelfällen
da tut er das!

Er sorgt für Veteranenpensionierung
von Stolz geschwellt –
Bei uns hat nämlich dafür die Regierung,
weiß Gott! kein Geld.

Denn sie muß eifrig auf die ††† Roten fahnden –
sie darf nicht ruhn.
Sie muß politische Verbrechen ahnden –
sie hat zu tun –!!

Das leert vor allem andern ihre Kassen. –
Fürs Kriegerpack
da betteln sie derweil auf allen Gassen –
Kornblumentag …

Der Bürger denkt bei Tisch, nach süßen Torten
und blauem Aal,
(Hupp! stößt’s ihm auf – ): »Wie sind wir allerorten
christlich-sozial!« –

Im Jahr 1911

Bekehrung

Du spuckst und beißt und bist so böse
und runzelst Stirn und Augenbraun –
und wenn ich dir das Schuhband löse,
willst du mir nicht ins Auge schaun.
Du bist sonst lieb, ein weiches Schätzchen –
jetzt aber Feind im Séparée …
Und alles durch das erste Sätzchen:
On n’est jamais le premier.

Das ist kein Schimpf. Es gibt so viele,
so viele Männer auf der Welt.
und es gibt viele Liebesspiele
(was jedem Mädchen wohl gefällt).
Da reißt nun nichts. Man bleibt wie immer,
man weiß das Liebes A-B-C,
ein Jungfräulein … und doch ein Schimmer …
On n’est jamais le premier.

Man wills auch nicht.
Von Blondheit trunken
will man vergessen, wer man ist.
In eine weiße Brust versunken
pfeift man auf alle Liebeslist.
Man hat dich lieb. Du sollst nicht grollen,
du Schrumpelhexe, Zauberfee -,
laß ab vom Mäulchenziehn, vom Schmollen:
Man glaubts.
On est le premier. –

Auf einen Ring

Ring einer Frau, du funkelst an meiner Hand,
grüßt du herüber, von ihr, aus dem weiten Land?
Zauberring, ich drehe dich nur ein Mal –
und da steht deine Herrin vor mir im Saal.

Zauberring, ich trage dich Nacht und Tag,
und wir lauschen auf jeden langsamen Glockenschlag.
Was ich las und lebte und sah und litt,
alles liest und erlebst und siehst du mit.

Peitscht der Hagel und pfeifen die Winde ums Haus,
gab ich hochatmend das letzte der Kräfte aus,
fühl ich nur deinen kantig geschliffenen Stein,
und du läßt mich ruhig und ganz geborgen sein.

Einmal aber geb ich dich zurück.
Was ist dann? Eine Ehe? Ein blondes Glück?
Du bist da und das, was ich nie verlor.
Tiefer glüht dein Rot, hell blitzt dein Gold empor.