Die Morgenpost

Was bringt mir morgens so die Post?
Da liegt ein kleines Häuflein Briefe –
ich tue noch, als ob ich schliefe
und dreh mich brummelnd wieder um…
Noch nicht, du Tag! Noch kein Spektakulum!
Es tickt die Uhr. Da kommts aus West und Ost…
Was bringt mir morgens so die Post?

Ganz oben liegt ein großes Dings.
Ich öffne. »Bürger!« muß ich lesen,
»Sie sind doch auch Soldat gewesen!
Einwohnerwehr! Schützt euer Haus!«
Ach, Spiegelberg, so siehst du aus!
Mein kleiner Tisch – er wackelt links –
ich stütz ihn nachher mit dem Dings.

Ein blaues Brieflein. Zarte Hand…
O Minnie, ist es dir gelungen?
Verlobt? So fingst du dir den Jungen?
Mein Segen ruht auf diesem Paar.
Ich sage nichts von dem, was war.
Wie schön ist Hymenaios Band
(für andre). Liebe zarte Hand…

Da nahts. Der Aufdruck so vertraut –
»Ich habe«, schreibt S. J., »gebeten
um ein Gedicht – Sie schickens nie!
Gebt ihr euch einmal für Poeten,
so kommandiert die Poesie!«
Und kommandiere ich auch noch so laut:
Die Muse ist doch schließlich keine Braut!

Ein Schreiben noch. Im Eifer des Gefechts
fiels auf den Boden. Viele Listen.
Verein der Antibolschewisten…
Nun steh ich auf. Ich weiß Bescheid:
Nach jener winzigen, großen Zeit
sei dies der Wahrspruch des Geschlechts:
Der Feind steht rechts! Der Feind steht rechts!

Unter dem Pseudonym Kaspar Hauser im Jahr 1919

Die blonde Dame singt

Für Gussy Holl

Ich habe mir mein Deutschland angesehen
in seiner großen, in der kleinen Zeit.
Ich sah den Kaiser in die Oper gehen;
der Hermelin war diesem Mann zu weit.
Und dann die Schranzen! und die Generäle!
Grau an Humor, am Rock indianerbunt …
Und leicht enttäuscht fragt meine liebe Seele:
“Na und …?”

Das wühlt und wimmelt in den großen Städten.
Der Proletarier schuftet wie ein Tier.
Der deutsche Bürger läßt sich ruhig treten,
er macht Geschäfte und schluckt biedres Bier.
Und Kunst und immer diese selben Jungen,
nur Not und Kummer hält die Brut gesund.
Erfolg? Dann haben sie bald ausgesungen.
Ich frage mich, wenn all der Lärm verklungen:
“Na und …?”

Dann gab es Krieg und hohe Butterpreise.
Es deliriert das Hand. Revolution!
Dem ganzen deutschen Bürgerstand geht leise
der Stuhl mit Grundeis, nun, man kennt das schon.
Es rufen hier und da Idealisten,
man gründet Räte, Gruppen, einen Bund …
Ich sehe Bolschewiki, Spartakisten –
Na und …?

Und steh ich einstmals vor dem Weltenrichter,
(der liebe Gott ist schließlich auch ein Mann),
streckt er sein Flammenschwert steil hoch und spricht er:
“Dich böses Mädchen seh ich nicht mehr an!
Hinweg! du sollst ins Fegefeuer pultern!
Werft sie mir in den tiefsten Höllenschlund!”
Dann sag ich leis und hebe müd die Schultern:
“Na und…?”

Unter dem Pseudonym Kaspar Hauser im Jahr 1919

Der zwanzigjährigen ‘Fackel’

Du hast zwanzig Jahr ins Land gestrahlt.
Du hast manchen Schatten an die Wand gemalt –
Rauchlos helle Flamme!
Und wir sprachen zu den feinen Röcken,
und wir sprachen zu den kleinen Schmöcken:
»Daß dich Kraus verdamme!«

Gottseidank hast du noch nicht geendet!
Mancher schrie, von deinem Licht geblendet,
manches Equipagenpferd ward scheu.
Viele kippelten im bloßen Gleiten.
Du hingegen – auch in großen Zeiten –
bliebst dir selber treu!

Unter dem Pseudonym Kaspar Hauser im Jahr 1919

Der Mann am Spiegel

Plötzlich fängt sich dein Blick im Spiegel
und bleibt hängen.
Du siehst:

Die nackt rasierten Wangen
– »Backe«: das ist gut für andere Leute –
den sanft geschwungenen Mund, die glatte Oberlippe,
die Krawatte sitzt – nein, doch nicht:
zupf!

Jetzt bist du untadlig.
Haare, Nase, Hals, Kragen, Rockschultern sind ein gut komponiertes Bild –
tief bejaht dich dein Blick.

Wohlgefällig ruhst du auf dir,
siehst die seidigen Ränder der Ohrbrezeln,
unmerklich richtest du dich auf –
du bist so zufrieden mit dir
und fühlst das gesunde Mark deines Lebens.
Übrigens haben die Fliegen auf dem Spiegelglas gesessen,
oder ein chemischer Vorgang hat das Quecksilber bepickelt:
kleine blinde Pupillen sitzen darauf …

Nun stell den innern Entfernungsschätzer der Augen wieder um:

An der rechten Schläfe
– aber nur, wenn man schärfer hinsieht –
stehn ein paar kleine Runzeln,
Schützengräben der Haut –
nein, es sind noch keine Runzeln,
doch da, an dieser Stelle, werden sie einst stehen.

Dann bist du ein alter Mann;
dann sagen die Leute: »Der alte Kaspar – «;
dann wird ein Mädchen leise ausgelacht, der du etwas zuflüsterst –
»Mit dem alten Mann … ?« sagen ihre Freundinnen.
Alter Mann.

Wie ihr euch anseht:
der Glasmann und du!
Nie
nie wird dich jemals ein anderer Mensch so ansehen,
ohne Beigeschmack von Ironie.
Du kannst dich gar nicht im Spiegel sehn.
Tat twam asi –?

Glatt ist dein Gesicht, sauber gewaschen und frottiert.
Zeit ist darüber hingespült.
Dein Gesicht, den Schuttplatz deiner Gefühle, hast du zusammengelogen, zusammengelacht,
geküßt, geschwiegen, gelitten, geseufzt: zusammengelebt –
sieh, unterhalb des linken Auges bist du leicht fleckig.

Mach dein Spiegelgesicht!
Was in den letzten Jahren alles gewesen ist,
nichts davon ist dir anzusehen.
Alles ist dir anzusehen.

Fakire sollen sich manchmal allein hypnotisieren.
Wenn man sich lange in den Spiegel sieht, steht im Lexikon,
verfällt man in Trance …
du siehst den Spiegelmann an,
der sieht, wie du siehst –
du siehst, wie er sieht, wie du …
Reiß deinen Blick zurück! Erwache.

So, mit dem aufgestützten Arm, ergäbe das eine gute Fotografie für die illustrierten Blätter:
ernst blickt der Dichter den Abonnenten an,
Ehrfurcht erheischend und einen zerstreuten Blick lang auch zugebilligt; unnahbar, sehr sicher,
wie aus gefrorenem Schmalz gehauen – ein fertiges Ding.

In den zwei glitzernden Pünktchen, die
in der Mitte deiner Augen angebracht sind,
funkt das Leben.
Eigentlich sind wir ganz schön, wie –?
Du betrachtest dich, wie sich die Männer in den Friseurläden betrachten, wenn sie, haargeschnitten, aufstehn:
»Es ist, Gott sei Dank, alles da, und wir sind repräsentative Erscheinungen –!«
Mit einem langen Blick sehen sie sich im Spiegel an:
Kontrollversammlung der Kompanie, vorgenommen durch den
Feldwebel Auge –
nicht losreißen können sie sich,
dann ziehen sie ihre Weste herunter
und gehen neu gestärkt auf die Straße,
durchaus bereit zum Kampf mit den andern, denen man nicht die Haare geschnitten hat.

Aber auf einmal
ist die glatte Sicherheit deines gebügelten Rockes dahin;
die Angst ist da.
Angst sitzt in den dunkeln Vertiefungen deiner Nase,
mit der du die Luft einschaufelst;
das Blech am Kamin erzittert leise,
du hörst mit den Augen –

Sag etwas!
Sprich!
Prophezeie, wie es weiter werden wird!
Ob ich gepflegt sterbe, im Bett: umgeben von einem ernsten Professor, einer weißen Krankenschwester und süßlich riechenden Flaschen;
oder ob ich auf kalter Chaussee verrecke, ganz allein –
zu den andern Landstreichern habe ich manchmal französisch
gesprochen, weil ich doch etwas Besseres gewesen bin;
ob ich mich zerhuste oder sacht im Sessel zurücksinke …
In das Weiße der Augen steigt langsam Rot auf – welch ein Mitleid hast du mit dir!
Du betest dich hassend an.

Sprich!
Prophezeie:
Erfolg – Ansehen – Vergessenheit – Geldmangel – Demütigung; es gleiten die wohlgenährten Kameraden vorbei und klopfen dir ermunternd auf die Schulter, in leiser Schadenfreude.

Flocke. Geküßter Mund. Belebte Kopfkugel.
Mit mobilisierten Muskeln seht ihr euch beide an.
Noch ist nichts zu sehn. Noch seid ihr beide schön.
Tief unten knistert die Angst.

»Sie haben«, so sagt der Spiegelmann zu dem andern Mann,
»da ein Haar auf Ihrem Rockkragen!
Sehn Sie? es glänzt im Schein der abendlichen Lampe – das darf, merkwürdigerweise, nicht sein; nehmen Sie es bitte herunter –!«
Sorgsam entfernt ihr das Haar.

Ich gehe vom Spiegel fort. Der andre auch –
Es ist kein Gespräch gewesen.
Die Augen blicken ins Leere,
mit dem Spiegelblick –
ohne den andern im Spiegel.

Allein.

Unter dem Pseudonym Kaspar Hauser im Jahr 1928

Dein Lebensgefühl

Dein tiefstes Lebensgefühl –
wann hast du das gehabt?
Mit einem Freund?
Immer allein.

Einmal, als du an der Brüstung des Holzbalkons standest,
da lag das Schloß Gripsholm, weit und kupplig,
und da lag der See
und Schweden,
und die staubige Waldecke –
und auf der dunkelgrün etikettierten Platte sang ein
Kerl im Cockney-Englisch: »What do you
say… ?«
und da fühltest du:
Ich bin.

So war dein Lebensgefühl.
Mit einer Frau?
Immer allein.

Einmal, als du nachts nach Hause gekommen bist
von einer vergeblichen Attacke
bei der großen Blonden,
elegant-blamiert, literarisch hinten runtergerutscht,
gelackt, abgewinkt: danke, danke!
da standest du vor deinem runden Nachttisch
und sahst in das rosa Licht der Lampe
und tatest dir leid, falsch leid, leid
und fühltest:
Ich bin.

So war dein Lebensgefühl…
In der Masse?
Immer allein.

Es ist so selten, das Lebensgefühl.
Casanova hatte es einmal.
Vierter Band.
Er sieht bei seiner Geliebten Rosalinde
zwei Kinder, die er ihr vor Jahren gemacht hat,
schlafend, in einem Bett, Mädchen und Knabe.
Sie zeigt sie ihm,
hebt die Bettdecke hoch, die junge Sau,
die Mutter,
um ihn anzugeilen,
um ihm Freude zu machen,
was weiß ich.
Und er sieht:
wie der Knabe im Schlummer seine Hand auf den
Bauch des Mädchens gelegt hat.
»Da empfand ich«,
schreibt Casanova,
»meine tiefste Natur.«
Das war sein Lebensgefühl.

Verschüttet ist es bei dir.
Du wolltest leben
und kamst nicht dazu.
Du willst leben
und vergißt es vor lauter Geschäftigkeit.
Du willst das spüren, was in dir ist,
und hast eifrig zu tun mit dem, was um dich ist –
Verschüttet ist dein Lebensgefühl.

Wenn du tot bist, wird es dir sehr leid tun.
Noch ist es Zeit –!

Unter dem Pseudonym Kaspar Hauser im Jahr 1930

Das Lied vom Kompromiß

Manche tanzen manchmal wohl ein Tänzchen
immer um den heißen Brei herum,
kleine Schweine mit dem Ringelschwänzchen,
Bullen mit erschrecklichem Gebrumm.

Freundlich schaun die Schwarzen und die Roten,
die sich früher feindlich oft bedrohten.
Jeder wartet, wer zuerst es wagt,
bis der eine zu dem andern sagt:

»Schließen wir nen kleinen Kompromiß!
Davon hat man keine Kümmernis.
Einerseits und andrerseits,
so ein Ding hat manchen Reiz…

Sein Erfolg in Deutschland ist gewiß:
Schließen wir nen kleinen Kompromiß!
Sein Erfolg in Deutschland ist gewiß:
Schließen wir nen kleinen Kompromiß!«

Seit November klingt nun dies Gavottchen.
Früher tanzte man die Carmagnole.
Doch Germania, das Erzkokottchen,
wünscht, daß diesen Tanz der Teufel hol.

Rechts wird ganz wie früher lang gefackelt,
links kommt Papa Ebert angewackelt.
Wasch den Pelz, doch mache mich nicht naß!
Und man sagt: »Du, Ebert, weißt du was:

Schließen wir nen kleinen Kompromiß!
Davon hat man keine Kümmernis.
Einerseits und andrerseits,
so ein Ding hat manchen Reiz…

Sein Erfolg in Deutschland ist gewiß:
Schließen wir nen kleinen Kompromiß!
Sein Erfolg in Deutschland ist gewiß:
Schließen wir nen kleinen Kompromiß!«

Seit November tanzt man Menuettchen,
wo man schlagen, brennen, stürzen sollt.
Heiter liegt der Bürger in dem Bettchen,
die Regierung säuselt gar so hold.

Sind die alten Herrn auch rot bebändert,
deshalb hat sich nichts bei uns geändert.
Kommts, daß Ebert hin nach Holland geht,
spricht er dort zu seiner Majestät:

»Schließen wir nen kleinen Kompromiß!
Davon hat man keine Kümmernis.
Einerseits und andrerseits,
so ein Ding hat manchen Reiz…«

Und durch Deutschland geht ein tiefer Riß.
Dafür gibt es keinen Kompromiß!
Und durch Deutschland geht ein tiefer Riß.
Dafür gibt es keinen Kompromiß!

Unter dem Pseudonym Kaspar Hauser im Jahr 1919

Das Königswort

Dies ergötzte Hoch und Niedrig:
Als der edle König Friedrich,
August weiland von ganz Sachsen,
tat zum Hals heraus erwachsen
seinem Volk, das ihn geliebt,
so es billigen Rotwein gibt –
als der König, sag ich, merkte,
wie der innre Feind sich stärkte,
blickt er über die Heiducken,
und man hört ihn leise schlucken…
Und er murmelt durch die Zähne:
“Macht euch euern Dreck alleene!”

Welch ein Königswort! Wahrhaftig,
so wie er – so voll und saftig
ist sonst keiner weggegangen.
Wenn doch heute in der langen
langen Reihe unsrer Kleber,
Wichtigmacher, Ämterstreber,
einer in der langen Kette
nur so viel Courage hätte,
trotz der Ehre und Moneten
schnell gebührend abzutreten!
O, wie ich sein Wort ersehne:
“Macht euch euern Dreck alleene!”

Edler König! Du warst weise!
Du verschwandest still und leise
in das nahrhafte Civil.
Das hat Charme, und das hat Stil.
Aber, aber unsereiner!
Sieh, uns pensioniert ja keiner!
Und wir treten mit Gefühle
Tag für Tag die Tretemühle.
Ach, wie gern, in filzenen Schuhen
wollten wir gemächlich ruhen,
sprechend: “In exilio bene!
Macht euch euern Dreck alleene!”

Unter dem Pseudonym Kaspar Hauser im Jahr 1919

Das Heil von außen

Was wir bereits gestorben glaubten,
ist, hols der Teufel, wieder da:
die alten achselstückberaupten
Kommis der Militaria.

Das wandelt wie in alten Tagen,
für alles Neue gänzlich taub:
man trägt nur manches auf dem Kragen
und ist ein Kerl mit Eichenlaub.

Das sind doch alles Kleidermoden:
der Ärmelschmuck und wie das heißt…
Man stellt sich einfach auf den Boden
der neuen Welt – im alten Geist.

Und haben wir den Krieg verloren:
die Herren, silberig besternt,
verschließen ihre langen Ohren –
sie haben nichts dazugelernt.

Und nur ein Friede kann uns retten,
ein Friede, der dies Heer zerbricht,
zerbricht die alten Eisenketten –
Der Feind befreit uns von den Kletten.
Die Deutschen selber tun es nicht.

Unter dem Pseudonym Kaspar Hauser im Jahr 1919

Dantons Tod

Bei Reinhardt wogte der dritte Akt.
Es rasten sechshundert Statisten.
Sieh an – wie das die Berliner packt!
Es jubeln die Journalisten,
Mir aber erschien das Ganze
wie eine kleine Allegorie.

Es tost ein Volk: »Die Revolution!
Wir wollen die Freiheit gewinnen!«
Wir wollten es seit Jahrhunderten schon –
laßt Herzblut strömen und rinnen!
Es dröhnt die Szene, Es dröhnt das Haus.
Um neune ist alles aus.

Und ernüchtert seh ich den grauen Tag.
Wo ist der November geblieben?
Wo ist das Volk, das einst unten lag,
von Sehnsucht nach oben getrieben?
Stille. Vorbei. Es war nicht viel.
Ein Spiel. Ein Spiel.

Unter dem Pseudonym Kapsar Hauser im Jahr 1920

Berliner Kämpfe

Revolution? Aber kein Gedanke!
Es brodelt im Hexenkessel der Panke,
es hupen die Autos, es knattern die Flinten,
Demonstrationen vorne und hinten –
Tun sie auch so wie die Menschenfresser:
die Panke war stets ein stilles Gewässer.

Jahrelang – bängliches Zögern und Drehen.
Jahrelang – wir werden ja sehen!
Jahrelang – Krupp und Tirpitz sollen leben!
Jahrelang – rin in die Schützengräben!
Jahrelang – Reklamiertenschiß.
Kompromiß… und Kompromiß…
Jahrelang – Ausverkäufe an Sieg…
Sozialisierung? Krieg ist Krieg.

Und nun ist auf einmal Friede auf Erden.
Und nun soll das alles anders werden.
Wir hassen den bauchigen Kassenschrein.
Wir wollen alle glücklich sein!

Man kann sich über das Tempo zanken,
Nicht so bei uns an der blauen Panken.

Wenn die Regierung einen wie Liebknecht hätt!
Die Regierung aber sitzt auf dem Klosett
und berät wie früher in der Reichskanzlei,
was nunmehr und ob es zu tun sei.
Es erinnert an schlechteste alte Zeiten:
das Gesellschaftsspiel der Verantwortlichkeiten,
der deutsche Streit um die Kompetenz –
der alte politische Zirkus Renz.
Unterdessen schwillt der Spartakus
zur Macht empor, weil er will und muß.

Und der Bürger? Du liebe Güte!
Es wackeln im Wind die Zylinderhüte.
Er ist gegen jede Volksempörung.
Politik ist geschäftliche Störung.
Spartakus will seine Rasse bedrohn?
Das geht zu weit mit der Revolution.
Und wenn der Bürger noch zuschlagen wollte!
Es schläft Tante Minchen, es schläft Onkel Nolte…
Spartakus packt die Geschichte beim Schopf.
Der Bürger wackelt empört mit dem Kopf.

Und so stehn wir am Anfang und stehn am Ende.
Deutsches Blut floß über deutsche Hände.
“Lumpen! Deserteure! Proleten!”
So kann man dem Ding nicht entgegentreten.
Ist Ruhe die erste Bürgerpflicht,
die von Empörern ist es nicht.
Gewalt gegen Gewalt, Kraft gegen Kraft:
das ist die alte Wissenschaft.
Weißt du, Deutscher, wie die neue heißt?
Gegen Gewalt den Geist!
Nur der Geist kann die Streitaxt begraben!

Wie munter ist das in Berlin!
Der Hauswirt, schwer gepeinigt,
läßt freitags warmes Wasser ziehn,
und jeder wird gereinigt.
Es baden sich zu gleicher Zeit
wohl hunderttausend Beine,
die Bürgerschaft, die Obrigkeit
und selbst Herrn Heine seine.
Fern Andra wäscht sich. Ebert auch.
Er spült sich heiter seinen Bauch
und denkt: Es kann nichts schaden –
du könntst mal wieder baden…
Und nun sitzt er in der Wanne und nun wäscht er sich
und bürstet nicht zu knapp.
Und planscht und manscht und seift sich ein
und schwemmt sich wieder ab!

Frau Durieux plätschert. Rauscher braust
(viel Strahlen – wenig Wasser).
Kahl fürchtet, dass sein Bart zerzaust –
er ist ein Badehasser.
Die Orska wird im Bad rasiert.
Bei Veidtens filmt es einer.
Nur Mäxchen Pallenberg markiert –
es sieht ja schließlich keiner!
Auch Noske spricht zum Adjutanten:
»Verpatzen Sie derweil das Land!«
Und denkt: Es kann nichts schaden –
du könntst mal wieder baden…
Und nun sitzt er in der Wanne und nun wäscht er sich
und bürstet nicht zu knapp.
Und planscht und manscht und seift sich ein –
doch die Flecke gehn nicht ab!

Es baden Fuhr- und Bassermann,
frottiert wird zart Frau Porten.
Ein Fischer trieft als nasser Mann –
sie baden aller Orten.
Gar manche sehr bekannte Frau
montiert sich ab die Locken.
Auch Klöpfer nimmts nicht so genau –
er sitzt nicht gerne trocken.
Selbst Ludendorff steigt tapfer rein;
weil er das kann, seift er sich ein.
Und ganz Berlin denkt: Schaden
kanns nichts, wir wolln mal baden…
Und sie sitzen in der Wanne und sie waschen sich
und nehmen Bad an Bad.
Die Sintflut tät es schließlich auch!
Gott segne diese Stadt –!

Aber freilich: man muß einen haben.

Unter dem Pseudonym Kaspar Hauser im Jahr 1919