Der Wagen

Auf einem Wagen saßen Vertreter aller politischen Parteien. Als der Wagen stecken blieb, geschah folgendes: Der Deutschnationale schoß den Führer nieder, der Zentrumsmann sagte: »Mit Gott!« und blieb sitzen, der Demokrat schlug vor, die große Koalition zu bilden, der Mehrheitssozialist wollte den Karren aus dem Dreck schieben, ließ aber keinen aussteigen, die Unabhängigen schimpften und schoben mit, und die Kommunisten gaben gute Ratschläge, brüllten aber so, dass sie kein Mensch verstand.
Und wenn den Wagen keiner herausgezogen hat, dann steht er noch.

Unter dem Pseudonym Ignaz Wrobel im Jahr 1922

Der Chauffeur

»Wat’n? Ick soll Ahlemann noch ma angaschiern? Bei mir – ocke! Ahlemann! Mensch! Wat mit den is –? Det wissen Se nich? – Der hat valleicht rumjespielt mit ‘ne Klingelleitung – aber wat ‘n richtjer Schofför is, davon weeß der nischt! Der is ja schonst dreimal umjekippt mit seine Nuckelpinne! – Ja, ‘n feiner Herr iß er – fährt imma mit ‘n Anlassa – wie son Herrenfahra – und weeß det allens besser – aber sone Maschine – det is ‘n Orjanismus! Det muß man vastehn!
Det erschte Mal wa er rausjemacht nach’t Rennen – na, und da hatte er einen jehoben – und denn, jleich hinter die Olympia-Bahn – mein Ahlemann – rums – rumm mit den Kasten, und alles lach in ‘n Dreck! Wa ja noch jut abjejangen – aber der Schreck! Der Wahrn natürlich hopps. Nö – bessahlt hat a nich.
Det zweete Mal is a bein Umbiejn jejen ‘n Mast jefahrn – da hat ‘n ‘n Jrina aufschreihm wolln – und denn wollt a auskneifen – und denn is a nochmal wo jejenjefahren, und denn hatten sie ihm. Sie ham denn Anzeije astattet – und er hat denn … ick weeß nich jenau – so acht Wochen hat a wohl abjemacht.
Na, und det dritte Mal – diß war hier janz in meine Nähe! Da hat er een kleenet Kind totjefahrn. – Ja. Na – nu sitzt a. Und den soll ick wieda angaschiern? – So wie icke –? Sie, der kann ja noch nich mal richtich abölen kann ja der! „Der Chauffeur“ weiterlesen

Der Bürgergeneral

Der Redner (Haeusler, General): Unsere Dienstzeit ist zu lang. Wenn auch Frankreich die seine hinaufsetzt, wir können die unsere geruhig beibehalten, ja, wir können sie sogar heruntersetzen!! –
Das Zentrum (murmelnd): Wat denn?! Wat denn??! –
Der Redner: Wozu sollen die Leute so lange gedrillt werden? Da wird so viel überflüssige Arbeit getan … Da ist die Kavallerie: Drei Jahre machen sie da Dienst, das kann man auch in zweien leisten …
Das Zentrum (murmelnd): Wat’n? Wat’n??!! – Der Redner: Und Urlaub müssen die Leute haben! Viel mehr Urlaub! Und da ist die Ersatzreserve: auch hier genügt eine dreimonatige Ausbildung!! Es ist in kei … „Der Bürgergeneral“ weiterlesen

Das Reichsamt für…

Eines Sonnabend abends ging der stellvertretende Rektor des Stadtgymnasiums in Groß-Hainichen, Herr Professor Stellwagen, ein Pfeiflein schmauchend, durch die schmalen Gänge seines Nutzgärtleins. Da blühten artig und verschämt einige rote Rosen, denen der Herr Rektor hier zu blühen erlaubt hatte, da lag das gute grüne Gras im Abendsonnenscheine – Herr Professor Stellwagen hatte es selbst gesät –, da steckten die Kartoffeln und die Rüben demütig in der Erde und warteten darauf, dass man sie herausziehe, die Sonnenblumen nickten in den Himmel, fast ein wenig zu stolz, fast ein wenig zu übermütig – und da … Was war das?
Da rankten sich die Bohnenpflanzen – aber eine rankte sich nicht. Eine kroch an der Erde herum, gerade über den Weg, der da vorbeiführte, und wenn man nun nicht achtgab, dann konnte sie am Ende zertreten werden … Ärgerlich brummend hob sie Herr Professor Adalbert Stellwagen auf und band sie an den zugehörigen Stock, von dem sie so treulos abgefallen war. Dann ging er weiter und verdaute das ihm auf Grund seiner Lebensmittelkarten zugestanden habende Abendbrot und dachte so an allerhand. Merkwürdig: er kam immer wieder auf die Bohne zurück. „Das Reichsamt für…“ weiterlesen

Salut au monde!

Frei nach Walt Whitman

O nimm meine Hand, Walt Wrobel!
All das Gleiten solcher Wunder! All solche Gesichte und Töne!
All solche Verknüpfung unendlicher Glieder, ein jedes an das nächste gekettet;
Jedes allen andern entsprechend; jedes die Erde mit allen andern teilend!

Was hörst du, Walt Wrobel?
Ich höre den Mimen vor seinem Auftritt leise flöten, während er sich in die historischen Beinkleider stopft.
Ich höre die Hypothekenzinsen des Theaterdirektors auf den Tisch rollen und dazu den Gläubiger seufzen und sagen: »Sechzig Prozent – da sind Sie wieder billig weggekommen!«
Ich höre, wie in den Kammerspielen alle durcheinanderschreien und behaupten, es sei eine Generalprobe.
Ich höre, wie der gute alte Pariser vor Gericht vorwurfsvoll kreischt: »Herr Staatsanwalt, was fallt Ihnen ein? Bin ich vielleicht ein Wucherer?«
Ich höre, wie der Geisteskranke in seiner Zelle tobt, er wolle partout ins Deutsche Schauspielhaus gehen. Ich höre, wie die alten Meistersinger-Dekorationen im
Opernhaus knistern, und das ist ihr gutes Recht. Ich höre in der ›Jungfrau von Orleans‹, wie die Dürjöh mit den Füßchen aufstampft, weil sie nicht alle Rollen zugleich spielen kann.

Was siehst du, Walt Wrobel? Wer sind die, die du grüßt?
Ich sehe, wie die Leute in den Kinos sehen, dass sie nichts sehen, was sie nicht schon anderswo gesehen hätten.
Ich sehe, wie die Telefondamen auf dem Amt Norden zittern und flüstern: »Der Hollaender kommt wieder!«
Ich sehe, dass er wiederkommt.
Wo sehe ich schon, dass er wiederkommt?
Wenn ich schon sehe, dass er wiederkommt!
Ich sehe noch immer viele auf den Zetteln des Deutschen Theaters, die gar nicht spielen.
Ich sehe, wie Reicher die Rolle von den Lippen der Souffleuse abliest, und das ist nicht so einfach.
Ich sehe, wie Holzbock’n drei Haare aus dem Kopfe herauswachsen.
Ich sehe die Reporter, die Philologen, die Nigger in den Goldminen und alle Sklaven der Erde.
Ich sehe, wie ein Theaterkassierer das Geld des Besuchers in der Hand hin- und herwendet und fragt: »Ist das Ihr Ernst?«
Ich sehe, wie aus dem Verlag Georg Müller die Büchers herausgespieen werden – den Verleger selbst gibt es gar nicht mehr, aber noch ist da kein Ende.

Salut au monde!
Ein jeder von uns unvermeidlich!
Ein jeder von uns, seis Mann oder sonst ein Weib, mit seinem recht an die Erde!
Ein jeder von uns mit seinem Teil hier ebenso göttlich wie irgend einer!
Salut au monde!

Unter dem Pseudonym Ignaz Wrobel im Jahr 1913

Saisonbeschluß

Nun reibt der Heldenvater sich mit Margarine
die Schminke aus dem fetten Doppelkinn,
und auch im Silberhaar die Heroine
legt alles ab und hin.

Verstaubt und leer steht nun der Kassenschalter;
sie schieben alle nacheinander ab:
das Personal und der Konkursverwalter
und Herr von Glasenapp.

Und es erheben sich so manche Fragen:
Da Hollaender nicht immer schweigen kann,
– der Speichel rinnt auch in den warmen Tagen –
wo läßt es dieser Mann?

Wovon soll der Gerichtsvollzieher leben?
Es bleibt nicht immer, wie es einstens war …
und wohin soll er nun den Kuckuck kleben?
O einziger Lothar!

Und kurz und gut: Nicht immer gings dem süßen Kinde
Thaliens gut, und meistens nur so so …
Nun aber kommen Wiesen und die Sommerwinde –
Rideau!
Rideau!

Unter dem Pseudonym Ignaz Wrobel im Jahr 1913

Säcksche Festspiele

Jeder Stadt streicht ein Nabolium sich die schwarze Locke
aus seiner Stirn –
jedweder Bürger prangt in prallem Waffenrocke
und einem blanken Pappmache-Theaterhirn.

Zweihundert Pferde machen Staub und andre Sachen –
ein Böller kracht…
Handlungsgehilfen, Handwerksmeister wachen
lang hingestreckt, auf Posten, in der Sommernacht.

Ein Orden winkt; laut klopfen aller Herzen –
bengalisch Feuer flammt…
Ein Sängerchor greift tief erregt in falsche Terzen,
Nabolium schwitzt, und Porckn rutscht die Hose – au verdammt!

Die Brücke fliegt! Gehulter und Gepulter…
Ein lebend Bild – wer hätte das gedacht!
Und nachher kloppt der Zar dem Friedrich Wilhelm auf die Schulter:
“Das hammer ganz fermost gemacht!”

Unter dem Pseudonym Ignaz Wrobel im Jahr 1913

Parkett

Das Stück hat Weltanschauung. Neben mir Ottilchen
hat weit die grauen Augen aufgemacht:
Der, nach dem Spiel, erhofft ein Kartenspielchen,
Der eine Nacht…

Der Diener meldet die Kommerzienräte,
die Gnädige empfängt, ein Sektglas klirrt.
Ich streichle ihre Hand, die sonst die Hüte nähte…
Ob das was wird?

Da oben gibt es Liebe und Entsetzen,
doch so gemäßigt, wie sichs eben schickt.
»Ottilie«, flüstre ich, »vermagst du mich zu schätzen?!«
Sieh da: Sie nickt!

Nun läßt mich alles kalt: Die ganze Tragik
ist jetzt für mich verhältnismäßig gleich.
Und nimmt Madameken ihr Gift, dann sag ick:
»Ich bin so reich…«

Was kümmern mich die blöden Bühnenränke!
Nu sieh mal, wie sie um die Leiche stehn!
Genug
… »Ottilie«, spreche ich, »ich denke
wir wollen gehn…«

Unter dem Pseudonym Ignaz Wrobel im Jahr 1913

Kritik

Da oben spielen sie ein schweres Drama
mit Weltanschauung, Kampf von Herz und Pflicht:
Susannen attackiert ein ganz infama
Patron und läßt sie nicht.

Ich sitze im Parkett und zück den Faber
und schreibe auf, ob alles richtig sei;
Exposition, geschürzter Knoten – aber
ich denk mir nichts dabei.

Mein Herz weilt fromm bei jenem lieben Kinde,
das lächelnd eine Kindermagd agiert:
ich streichle ihr im Geiste sehr gelinde,
was sie so lieblich ziert.

Nun sieh mal einer diese süßen Pfoten,
dies Seidenhaar mit einem Häubchen drauf –
es gibt da sicher manch geschürzten Knoten:
ich löst’ ihn gerne auf.

Wer sagte da, daß ich nicht sachlich bliebe?
(Nu sieh mal einer dieses schlanke Bein!)
Begeisterung, Freude am Beruf und “Liebe” -:
So soll es sein!

Unter dem Pseudonym Ignaz Wrobel im Jahr 1913

Kino

Wird Gustav, der Kommis, entlassen?
Seit einer halben Stunde weiß ichs nicht…
Die greise Mutter löffelt, was sie kriegt,
aus dicken Untertassen.

Nun kommt der Chef! Mit schüttern Bartkoteletten
und einem Mimenmund und uhrgeschmücktem Bauch…
Dumpf buchstabiert das Publikum: “Nee – ü-ber – Ihnen – a-ber- auch…”
Da gibt es nichts zu retten.

Hier stehen Mutter, Tochter, Hund und Chef und seine Leiche!
Nun aber steigt auf einer Geige jählings himmelan
ein Lauf, der seinerseits im Baß begann…
Die nächste Nummer: “Jacob auf der Eiche.”

Humor! Man lacht! Wes Auge blieb da trocken?!
Die Hose – denken Sie – zer-hi-zerriß!
Vergessen ist die Tränenkümmernis
und jene Totenglocken…

Doch jetzt erblick ich einen Fürsten oben,
der weiht mit seinem Helmbusch etwas ein –
ja, sollt dies wirklich Herzog Albrecht sein?
Und kurz und gut: Hier fühl ich mich erhoben!

Unter dem Pseudonym Ignaz Wrobel im Jahr 1913