»Machen Sie das mal den ganzen Tag –!«

Von außen sieht alles ganz anders aus als von innen.
Nimmt einer auf dem Bahnhof Abschied, dann zieht er das Taschentuch, wenn der Zug anruckt, und macht Winke-Winke, und dann sieht er noch eine Hand, und dann geht er ab. Es war ein richtiger Abschied. Der Stationsvorsteher aber guckt gar nicht mehr hin; der sieht das nämlich alle Tage. Und da sieht das ganz, ganz anders aus … !
Sitzen Sie mal in dem kleinen Käfig und knipsen Billetts! »Die Fahrkarte!« – »Die Fahrkarte, die Dame!« – Und knips, knips, knips … und dann ziehts – und dann kommt eine Kontrolle – und dann hat einer sein Billett verloren, und wir sollen die Schuld haben – und dann kommt gar keiner – und dann ziehts – „»Machen Sie das mal den ganzen Tag –!«“ weiterlesen

Lottchen wird saniert

»Also sind das jetzt alle Schulden, die du hast?«
»Das sind alle.«
»Lottchen, dass du mir aber nicht hinterher mit neuen kommst – du weißt: im vorigen Jahr, in Lugano, habe ich auch alles bezahlt, und wie ich fertig war … «
»Daddy, ich schwöre dir – diesmal habe ich wirklich alles gebeichtet! Meine Kassen sind überhaupt tadellos in Ordnung – also wirklich!«
»Gut. Also gib noch mal die Aufstellung her; ich will das mit deinen Kassenbüchern vergleichen … allmächtiger Gott, das sind deine Kassenbücher?«
»Na, was denn?«
»Diese traurigen Fetzen?«
»Selber trauriger Fetzen! Geh mal weg! Gib mal her – bring mir das nicht durcheinander – ich hab mir das so schön geordnet … ! Soll ich vielleicht doppelte Buchführung machen mit Hauptbuch in Kaliko und sonem Quatsch … gib mal her!«
»Was ist denn das?« „Lottchen wird saniert“ weiterlesen

Lottchen besucht einen tragischen Film

»Setz dich nicht auf meine Tasche. Laß mich mal dahin. Ist das noch Wochenschau? Was? Wie? Das ist noch Wochenschau, was? Also wie ich dir sage: ich würde die Möbel nicht in Holland kaufen. Du kennst das da nicht so, guck mal! ne Feuerwehr! – und überhaupt: hier in Berlin hab ich meine Quellen, mein Freund Käte sagt auch … Wieso? Ich sage: mein Freund Käte – die ist wien Mann. Sag ich dir. Bloß viel netter.
Guck mal: noch ne Feuerwehr. Warum sind in den Wochenschaun soviel Feuerwehren? Was? Und was kostet überhaupt son Möbeltransport … ich hab mich erkundigt, was das macht, wart mal … ich hab mir das aufgeschrieben … So! jetzt ist mein Notizbuch runtergefallen, heb doch mal auf!
Na, laß mich mal … geh mal weg … geh doch mal weg! Aua! … Ich komm ja gar nicht wieder hoch … war hier was inzwischen? Nee – was? Das is ja Zimt, was die da spielen, unter uns gesagt … ich hab mir das aufgeschrieben: vierzehn Pfennig pro … jetzt weiß ich nicht mehr, ob es pro Kilo oder pro Zentner war … aber jedenfalls waren es vierzehn Pfennig. „Lottchen besucht einen tragischen Film“ weiterlesen

Lottchen beichtet 1 Geliebten

»Es ist ein fremder Hauch auf mir? Was soll das heißen – es ist ein fremder Hauch auf mir? Auf mir ist kein fremder Hauch. Gib mal ‘n Kuß auf Lottchen. In den ganzen vier Wochen, wo du in der Schweiz gewesen bist, hat mir keiner einen Kuß gegeben. Hier war nichts. Nein – hier war wirklich nichts! Was hast du gleich gemerkt? Du hast gar nichts gleich gemerkt … ach, Daddy! Ich bin dir so treu wie du mir. Nein, das heißt … also, ich bin dir wirklich treu! Du verliebst dich ja schon in jeden Refrain, wenn ein Frauenname drin vorkommt … ich bin dir treu … Gott sei Dank! Hier war nichts.
… Nur ein paarmal im Theater. Nein, billige Plätze – na, das eine Mal in der Loge … Woher weißt du denn das? Was? Wie? Wer hat dir das erzählt? Na ja, das waren Plätze … durch Beziehungen … Natürlich war ich da mit einem Mann. Na, soll ich vielleicht mit einer Krankenschwester ins Theater … lieber Daddy, das war ganz harmlos, vollkommen harmlos, mach doch hier nicht in Kamorra oder Mafia oder was sie da in Korsika machen. In Sizilien – meinetwegen, in Sizilien! Jedenfalls war das harmlos. Was haben sie dir denn erzählt? Was? Hier war nichts. „Lottchen beichtet 1 Geliebten“ weiterlesen

Liebespaar in London

Es ist Sonnabend mittag und auf dem Piccadilly Circus dreht sich der Verkehr langsamer, man kann beinah sein eignes Wort verstehn, denn eine gewaltige Zentrifugalkraft hat die Londoner nach außen geschleudert –: Wochenende. Es ist das einzige Mal in der Woche, wo du sagen darfst: der Verkehr zappelt an dir vorüber, sonst zappelt hier gar nichts. Aber nun haben wohl alle große Sehnsucht, herauszukommen. Auf Wiedersehen, City!
Immerhin, viele sind noch da. Da hätten wir in den Theatern der Shaftesbury Avenue herzzerreißend schöne Schauspiele ›Herbstkrokus‹ oder ›Wie schön sind doch die Tränen einer Braut‹, vielleicht heißt das Stück auch anders, aber die Fotos, die da in den Schaukästen hängen, sehen aus, als hieße es so. Und vor dem Theater sitzen auf kleinen Stühlchen lange Reihen von Frauen und Mädchen und auch ein paar Männer, sie sitzen da Schlange, weil sie unnumerierte Plätze und Ruhe und Zeit haben, und da warten sie, bis die Türen aufgemacht werden. Damit sie sich nicht langweilen, haben sie sich Zeitungen mitgebracht und Zigaretten und Bonbons und Freundinnen, und dann ist da auch ein alter Straßensänger, der singt ihnen etwas vor, und mitten auf dem Damm, da, wo die Taxis warten, steht mit Verlaub zu sagen ein Mann auf dem Kopf und wackelt mit den Beinen. Übrigens sieht kaum einer danach hin, und man muß nun nicht denken, dass alle Londoner immer auf dem Kopf stehen und mit den Beinen wackeln, Reisebeschreibungen verfallen oft in diesen Fehler. Dieser Mann tut das gewiß nicht zu seinem Vergnügen – wie sagte neulich ein Steptänzer im Varieté? »Es muß doch noch eine weniger anstrengende Art geben, sein Geld zu verdienen!« Sicherlich. Dieser also steht kopf. „Liebespaar in London“ weiterlesen

Küche in der Hochsaison

»Musch«, sage ich, »hast du Papa lieb?« Musch antwortet nicht, sitzt da und tut schlank. Ich überlege blitzschnell, ob ich sie so liebe, wie sie mich zu lieben glaubt – weil wir sonst keine Sorgen haben … Wir sitzen in Prag in einem Eßladen, der bummvoll ist, die weißen Schaumhauben auf den Pilsenern erglänzen. Das Lokal hat seine acht Meter im Geviert …
Die Küche nur drei. Es ist eine ganz kleine Küche; Herd, Köchinnen-Kopf und Kellner-Backen glühen. Rufe, Schreie, zornige Befehle – deutsch und tschechisch, das geht alles durcheinander. Der Köchin perlt die Stirn, ihre Haare hängen herunter, einmal wischt sie sich energisch die Nase, zieht hoch, man hört es deutlich durch all den Lärm. Die Kellner schreien, jeder will zuerst bedient werden, um zuerst zu bedienen. Die Küche kocht, sozusagen. „Küche in der Hochsaison“ weiterlesen

Kreuzworträtsel mit Gewalt

Der Arzt versank in meinem Bauch. Dann richtete er sich hochaufatmend wieder auf. »Es sind die Nerven, Herr Panter«, sagte er. »An den Organen ist nichts. Ruhe – Ausspannen – Massage – Rohkost – Gemüse – Gymnastik – kohlensaure Bäder … passen Sie auf: wir kriegen Sie schon wieder hoch. Schwester –!«
Da saß ich in dem Klapskasten, und nun war es zu spät. Man soll nie auf das hören, was einem die guten Freunde raten. Das konnte heiter werden.
Es wurde sehr heiter. Ich absolvierte täglich ein längeres Zirkusprogramm, von morgens um sieben bis mittags um halb eins. Der Turnlehrer; die Wiegeschwester; der Bademeister; der Masseur; der Assistenzarzt; die Zimmerschwester … sie alle waren emsig um mich bemüht. Ich kam mir recht krank vor, und wenn ich mir krank vorkam, dann schnauzten sie mich an, was mir wohl einfiele – es ginge mir schon viel, viel besser. Was war da zu machen? „Kreuzworträtsel mit Gewalt“ weiterlesen

Konversation

Magda spricht. Arthurchen hört zu.

Magda (presto)
»Gott, Sie verstehen doch was vom Theater – endlich mal einer, der was vom Theater versteht. Ich werde Ihnen das also ganz genau erzählen.

Die Leute hatten zunächst die Straub engagiert, die sollte den Dragonerrittmeister spielen. Ich die Lena. Ich habe gesagt, neben einer Hosenrolle komm ich nicht raus. Ich komme doch nicht neben einer Hosenrolle raus –! Mit mir kann man das nicht machen. Wenn ich mir mal was in den Kopf gesetzt habe, alle meine Freunde sagen, ich bin so eigensinnig, und das ist auch wahr. So bin ich eben. Nicht wahr, Sie finden das auch –? Nicht wahr? Ja. Und da habe ich dem Direktor gesagt, ich sage, wenn ich die Lena nicht spielen darf, dann schmeiß ich ihm seinen Kram vor die Füße. Papa sagt auch … Finden Sie richtig, nicht wahr –? Ja. Da hat der Direktor natürlich nachgegeben, soo klein war er, ich kenn doch die Schwester von dem Kammergerichtsrat Bonhoeffer, der der Onkel von seinem Geldgeber ist – wissen Sie übrigens, dass Klöpfer die neue Rolle nicht spielen will? „Konversation“ weiterlesen

Kleine Station

»–’menau!« rufen die Schaffner. »–’menau!« Mit dem Ton auf der letzten Silbe. Wir sehen hinaus.
Da rauschen ein paar Bäume, der Stationsvorsteher hat sich Sonnenblumen gezogen, die aus der Zeit herrühren, wo er noch nicht Fahrdienstleiter hieß, da steht ›Männer‹ dran und da ›Frauen‹, und für die Zwitter ist auch noch ein Güterschuppen da. Die Lokomotive atmet. Niemand steigt aus. Niemand steigt ein. Aber hier ist: Aufenthalt.
Von »–’menau« ist nichts zu sehen, das liegt wohl hinter den Bäumen. Doch, hier ist ein kleines Stückchen Straße, wenn nicht alles täuscht: die Bahnhofsstraße, maßlos häßlich, hoffen wir, dass es da hinten hübscher aussieht. Sicherlich tut es das. „Kleine Station“ weiterlesen

Johanna vom Bogen

Sie hieß Jeanne, also Jeanne d’Arc, also Johanna vom Bogen. Sie war aus Toulouse und machte mir die Zimmer rein. Sie war eine zweite heilige Johanna: sie hörte Stimmen.
Morgens, wenn die ersten pariser Bankkrachs die Boulevards erschütterten und der zarte Morgenhimmel die zierlichen Kaminschornsteine … na, lassen wir das – morgens hantierte das Kind mit Besen und Schaufel und Bürste, heizte die Ofen – und dabei hörte sie Stimmen. Das war erweislich wahr, denn ich hörte sie auch.
In den ersten Tagen, als Johanna vom Bogen mir noch neu war, dachte ich, es sei Besuch da, oder sie hätte sich eine Schwester mitgebracht, oder ein kleiner Hund hätte sich eingeschlichen … irgend etwas war da los. Man konnte sie leise sprechen hören; halb unterdrückte Lacher und kleine Aufschreie … für wen? mit wem? zu wem sprach sie?
Sie sprach mit sich selbst. „Johanna vom Bogen“ weiterlesen