Brief an den Staatsanwalt

Hierdurch tue ich Dir kund und zu wissen, dass ich am neunundzwanzigsten Februar dieses Jahres gegen den § 184 (Verbreitung unzüchtiger Schriften) ein bißchen habe verstoßen helfen. Ich habe mir nämlich in der Buchhandlung Hujahn in der Rügenwalder Straße 29 ein großes Buch mit durchaus unerlaubten Bildern gekauft. Das Buch ist zweihundertvierundsiebzig Seiten stark, gutes Friedens-Velinpapier, bedruckt mit mattgetönten farbigen Lithographien eines in Bayern wohnhaften Malers. Es ist im Jahre 1919 in München erschienen. Herr Hujahn gab es mir im kleinen Hinterzimmer unter einer sausenden Gasflamme, aus einem Geldschrank; er blinzelte stark dabei, putzte sich schämig die Brillengläser und nahm zweihundert Prozent Teuerungszuschlag. „Brief an den Staatsanwalt“ weiterlesen

Biographie für viele

Das merkte man eigentlich schon auf der Schule. Seine Aufsätze waren nicht besser als die der anderen – aber sie waren so geschrieben, dass jeder neue Ordinarius zu fragen pflegte: »Wer hat Ihnen dabei geholfen? Selbständig arbeiten!« Aber er hatte sie ganz allein gemacht.
Er sonderte sich nicht eigentlich von den anderen ab – das konnte man nicht sagen. Er war immer mitten unter ihnen – aber er gehörte niemals richtig zu ihnen, und sie fühlten das auch und ließen es ihn fühlen. Er war nicht einsam. Er lebte in zahlreicher Gesellschaft, sprach er mit den Schatten? Davon sagte er nichts.
Er bestand nun sein Examen: gleichmütig, wie er alles tat, fast aufreizend gleichmütig. Er bestand es schlecht und recht – aber es war etwas in seinen Antworten, das den alten weißhaarigen Schulrat aufhorchen machte – er hatte schon so viele durch seine Hände gehen sehen – dies war wieder einmal einer von jenen, die er nur widerwillig passieren ließ. Stille Revolutionäre. Oh, er hatte ein feines Gefühl dafür, der Herr Schulrat! Ja, also dann bestand er das Examen. Und war frei. „Biographie für viele“ weiterlesen

Bei Stadtzauberers

Der Herr Städtische Oberzauberer Jakob Gischtschiner nahm seinen Frühkaffee ein. Er war sichtlich guter Laune – aus dem dicken Tabaksqualm, der sein Haupt umwölkte, klang melodisches Pfeifen. Denn erstens hatte er von der Stadt eine Gehaltszulage von einhundertfünfundzwanzig Talern bekommen, und zweitens sah ihm das eigene Antlitz aus der illustrierten Beilage seines Leibblattes entgegen, und das freut einen braven Mann immer. Ja, wahrhaftig – so sah er aus, wie er da als ›Unsre Zeitgenossen XXVII‹ im ›Berliner Guckkasten‹ abgebildet war: er saß am Tisch in seinem Labor; ungezwungen und doch ernst hielt er wägend ein weißes Büchschen in der Hand. Im Hintergrund spiegelte sich Flasche an Flasche, vor ihm auf schwarzem Sammet lagen fein säuberlich eine Reihe Zauberstöcke, darunter auch der, den er vom Schah von Persien bekommen hatte. Es war eine herrliche Aufnahme. Jakob Gischtschiner schmunzelte. Immer und immer wieder las er den darunterstehenden Text: „Bei Stadtzauberers“ weiterlesen

Die fünf Sinne

Fünf Sinne hat mir Gott, der Herr, verliehen, mit denen ich mich zurechtfinden darf hienieden:
Fünf blanke Laternen, die mir den dunkeln Weg beleuchten;
bald leuchtet die eine, bald die andre –
niemals sind alle fünf auf dasselbe Ding gerichtet …
Gebt Licht, Laternen –!

Was siehst du, Walt Wrobel –?

Ich sehe die entsetzliche obere Häuserfront der berliner Straßen, unerbittlich, scharf liniiert, schwärzlich kasernenhaft;
ich sehe neben dem unfreundlichen Mann am Schalter die kleine schmutzige Kaffeekanne, aus der er ab und zu einen Zivilschluck genehmigt;
ich sehe das Skelett des Tauchers, ausgestreckt auf dem Meeresgrund, der Taucherhelm ist aufgeplatzt, und durch die Luken des untergegangenen Schiffs fliegt ein Schwarm Fische an die ehemalige Bar, sie rufen: »Sherry-Cobler –!«;
ich sehe den ehrenwerten Herrn Appleton aus Janesville (Wisconsin) auf der Terrasse des Boulevard-Cafes sitzen, lachende Kokotten bewerfen ihn mit Bällchen, er aber steckt seinen hölzernen Unterkiefer hart in die Luft;
ich sehe das blonde Gesicht des jungen Diplomaten, der mit nachlässigem Monokel erzählt: »Seinerzeit, während der sojenannten Revolution … «;
ich sehe den kleinen Jungen vor der Obsthandlung stehen und sein Pipichen machen, nachher stippt er den Finger hinein und malt Männerchen aufs Trottoir, das ist nicht hübsch von dem Kind –
Das sieht mein Gesicht. „Die fünf Sinne“ weiterlesen

Alle Welt sucht

An Walt Whitman

Von oben gesehen, sieht das ungefähr so aus:

Alle gehen um einander herum und suchen,

Fressen.
Der Bär tappt nachts durch den Wald und brummt, weil er hungrig ist – er sucht ein Bienenloch oder etwas andres zur Aufplusterung seiner Speckhülle;
der Arbeitslose wickelt mit frostzitternden Händen ein zerfetztes Zeitungspapier auseinander – vielleicht ist ein angebissenes Brot darin?
der Japaner rülpst höflich und nimmt noch ein hochwohlgebornes Schüsselchen Reis – mit den Augen sucht er das minder schöne, weil er wohlerzogen ist;
der Säugling stößt ungeduldig an der Mutter Brust.

Liebe.
Der Bankprokurist schwätzt schon zwei Stunden über Picasso und überhaupt die moderne Kunst – dabei zieht er sie mit den Augen aus;
Feldwebel greifen dem Bauernmädchen unter die Röcke;
ein Herr fragt zwinkernd den Hotelportier, wo man denn hier mal repunsieren könne;
ein Weicher sucht einen Weichen;
die harrende Lehrerin bestellt ihren inzwischen erwachsenen Schüler auf Dienstag abend;
die Tänzerin wirft während des Tanzes merkwürdige Blicke in die Loge, wo die Frau des Warenhausbesitzers geschmückt strahlt;
Hans sucht Grete;
Mätzchen, der Kanarienvogel, hüpft aufgeregt auf der
Stange hin und her und schlägt mit den kleinen Flügeln, er muß mal.

Geld.
Millionen strömen morgens aus den grauen, rußigen Vorortbahnhöfen in die Stadt, ihre Schritte schlurren, eine Wolke von Menschendunst liegt auf ihnen; „Alle Welt sucht“ weiterlesen

Affenkäfig

Der Affe (von den Besuchern): »Wie gut, dass die alle hinter Gittern sind –!«Alter ›Simplicissimus‹

In Berlins Zoologischem Garten ist eine Affenhorde aus Abessinien eingesperrt, und vor ihr blamiert sich das Publikum täglich von neun bis sechs Uhr. Hamadryas Hamadryas L. sitzt still im Käfig und muß glauben, dass die Menschen eine kindische und etwas schwachsinnige Gesellschaft sind. Weil es Affen der alten Welt sind, haben sie Gesäßschwielen und Backentaschen. Die Backentaschen kann man nicht sehen. Die Gesäßschwielen äußern sich in flammender Röte – es ist, als ob jeder Affe auf einem Edamer Käse säße. Die Horde wohnt in einem Riesenkäfig, von drei Seiten gut zu besichtigen; wenn man auf der einen Seite steht, kann man zur andern hindurchsehen und sieht: Gitterstangen, die Affen, wieder Gitterstangen und dahinter das Publikum. Da stehen sie.

Da stehen Papa, Mama, das Kleinchen; ausgeschlafen, fein sonntag-vormittaglich gebadet und mit offenen Nasenlöchern. Sie sind leicht amüsiert, mit einer Mischung von Neugier, vernünftiger Überlegenheit und einem Schuß gutmütigen Spottes. Theater am Vormittag – die Affen sollen ihnen etwas vorspielen. Vor allem einen ganz bestimmten Akt. „Affenkäfig“ weiterlesen

Hände an der Schreibmaschine

Meine Schrift kann niemand lesen,
nicht mal ich. Nur noch Chinesen
pinseln wichtig.
Ich will kein solch Pinseler bleiben.
Mit acht Fingern laßt mich schreiben!
Aber richtig!
Hebel rauscht, und Glöckchen klingt,
und die Schreibmaschine singt:

Firma Anton Eiermann
sel. Nachfolger
Würzburg an der Würze

Berlin NW 87, den heutigen

Sehr geehrter Herr!
Auf Ihr gefl. wenn auch ausverschämtes Schreiben vom 16. d. M. erlauben wir uns, Ihnen mitzuteilen, dass von einer unpünktlichen Zahlung unsrerseits überhaupt keine Rede sein kann.
Sie haben uns bisher erst 9mal (in vier Wochen) gemahnt, und kann das in Anbetracht der allgemeinen Geldknappheit nur als völlig
normal

Übung kommt so mit den Jahren.
Und ich schalte wie beim Fahren
dritten Gang ein.
Hoppla, Kurve! Achtung, Liebe!
Und ich schalte wie beim Fahren
jeden Klang ein.
Hebel rauscht, und Glöckchen zirpt,
und die Schreibmaschine wirbt:

Dir nur sagen, dass ich Dich so leidenschaftlich liebe, dass es schon allen meinen Bekannten auffällt, wie schlecht ich aussehe. Ich habe im letzten Monat 8 (acht) Pfund abgenommen, und das alles auf Dich herauf. Mein kleines Mäuseschwänzchen, wenn Du es irgend einrichten kannst, dann komm doch Sonnabend schon ein bißchen früher, aber zieh Dir nicht die Schlüpfer an, weil ich Dir etwas Wichtiges

Tausend Finger laufen eilig
amtlich, dienstlich, polizeilich
auf den Tasten.
Aufgebote für die Heirat,
das Gesuch beim Polizeirat,
Steuerlasten.
Hebel schnattern, Walze steht,
und die Schreibmaschine fleht:

An den Herrn
Regierungspräsidenten
Magdeburg

In Erneuerung meines Gesuchs vom 5. 4. 23 erlaube ich mir ergebenst auf beregte Angelegenheit zurückzukommen und um eine Namensänderung nochmals dringendst zu bitten. Die Tatsache, dass ich Schlotterhose heiße, hat mir bereits im geschäftlichen sowie auch im privaten Leben außerordentlich geschadet, und bitte ich, mir wenigstens durch einen Gnadenakt das
L
zu erlassen, wovon ich mir eine wesentliche
Besserung

Unser Leben, eingefangen,
ist durch dich hindurchgegangen,
Guillotine!
Unsere Freuden, unsere Sorgen,
gestern, heute, übermorgen –
o Maschine!
Hebel wirbeln, Wagen knackt,
und die Schreibmaschine tackt:

Sie dämliches Luder nur davor warnen, sich noch einmal im Geschäft so mausig zu machen. Wo doch Ihre Tochter Lottchen in der ganzen Straße bekannt ist als Rumtreibersche und auch Ihre Frau abends immer sehr spät und nicht immer allein nach Hause komt wenn Sie mal auf Geschäftstuhr sind Dass Ihr Sauberer Herr Sohn ein Verfahren wegen der kleinen Wechselsache bei seiner Firma auf dem Hals hat, wird er Ihnen wohl nicht gesagt haben aber ich sage es Ihnen Sie Ochsenpantoffel!

Ein Freund des Hauses!

Alles weißt du, Maschine, immer stehst du startbereit!
In dir ist unser Beruf, unser Leben und unsre ganze Zeit.
Sogar auf Reisen kommst du mit, praktisch und gut verpackt,
bis eines Tages zum letzten Male dein Hebel knackt.

Millionen Konzerte steigen täglich auf aus Stahl und Papier.
Was wären wir ohne dich, du Geschäftsklavier –!

Unter dem Pseudonym Theobald Tiger im Jahr 1928