Absage

Noch einmal? Ich dächte, wir hätten jetzt Frieden?
Über Gesetze wird friedlich entschieden…
Ein Straßensturm auf ein Parlament
ist kein Argument.

Diese Matrosen sind keine Matrosen.
Dazwischen Schwärme von Arbeitslosen.
Kämpfer. Banausen. Neugierige. Mob.
Nun aber stop –!

Das Parlament ist ein Spiegel des Landes.
Da sitzen Vertreter jeden Standes.
Will euch die Politik verdrießen –:
Wählen! Nicht schießen!

Eine Gasse der Freiheit – nicht eine Gosse!
Rückt ab von jenem Lärmmachertrosse!
Wir brauchen Ruhezeit. So wird das nie
eine Demokratie –!

Unter dem Pseudonym Theobald Tiger im Jahr 1920

Abendlied

Auf den Bergen liegt der Schatten,
und der See ist dunkelgrün.
Von den Sechs-Mark-fünfzig-Platten
singt Maria Ivogün…
Horch, die schöne Melodie:
»Tralahü – lahü – lahi!«
Dumpf tönts von der Kegelbahn – – –
… Was hast du am Tag getan –?

Hast du einen Brief geschrieben?
Hast du im Büro gepennt?
Hast du Unkeuschheit getrieben?
Nahmst du 10½ Prozent
als Bankier der Industrie…
Tralahü – lahü – lahi –
Singt sie nicht wie Marzipan!
… Was hast du am Tag getan?

Hast des Staates du im stillen
dankbar-demutsvoll gedacht?
Hast du Margot Abführpillen,
die sie wollte, mitgebracht?
Dachtest du, wie Hitler schrie…
Tralahü – lahü – lahi –
mit dem bierigen Organ – – –
Was hast du am Tag getan?

Morgen, denkst du, bin ich schlauer.
Morgen fang ichs richtig an.
Jeder – Städter oder Bauer –
ist zur Nacht ein kluger Mann.
Aber welche Ironie –
Tralahü – lahü – lahi –:
Morgen leben alle Leute
egalweg genau wie heute.

Unter dem Pseudonym Theobald Tiger im Jahr 1930

Abend

Jetzt ziehen zwanzig Männer
die Unterhosen aus.
Gute Nacht, Marie – ein Kenner
von Pechstein sitzt zu Haus

und schreibt auf lange Bogen
von wegen: ›steht im Raum‹;
sein Bett wird frisch bezogen.
Sie ruft – er hört es kaum.

Verleger ruft: »Ich fahre!«
und steigt ins Auto schlicht.
Bezahlte er Honorare,
dann hätte er das nicht.

Jetzt sagt Charlotte grade:
»Liebst du mich wegen so?«
Er streichelt ihre Wade
und klopft sie…

Zu Bette geht ein Dichter,
die Nachttischtür macht: schnapp.
Sogar der deutsche Richter
montiert die Würde ab.

Und morgen wieder:
Treten
von Armen und Verdrehten –
lohnt sich das Ganze? Nein.
Lieber Gott, hör du mein Beten:
Laß ewig Abend sein!

Unter dem Pseudonym Theobald Tiger im Jahr 1925

50% Bürgerkrieg

Wenn der Stahlhelm anrückt, wenn die Nazis schrein:
»Heil!«
dann steckt die Polizei den Gummiknüppel ein
und denkt sich still ihr Teil.
Denn auf Deutsche schießen, in ein deutsches Angesicht:
Das geht doch nicht!
Das kann man doch nicht!

Wenn die Arbeiter marschieren, wenn die Arbeitslosen schrein: »Hunger!«
dann schlägt die Polizei mit dem Gummiknüppel drein –
Hunger –?
Dir wern wa! Weitergehn! Schluß mit dem Geschrei!
Straße frei!

Wenn Deutschland einmal seufzt unter einer Diktatur,
wenn auf dem Lande lasten Spitzel und Zensur,
ein Faschismus mit Sauerkohl, ein Mussolini mit Bier…
wenn ihr gut genug seid für Militärspalier –:
dann erinnert euch voll Dankbarkeit für Uniformenpracht
an jene, die das erst möglich gemacht.
An manchen Innenminister. Und ein Bürogesicht…
Es ging nun mal nicht anders.
Sie konnten es nicht.

Unter dem Pseudonym Theobald Tiger im Jahr 1930

400 000 Invaliden und 1 Gesunder

Dein eines Bein ist in Flandern,
das andre mit dir in Berlin;
du kannst aber mit dem andern
nicht die Bettelwege ziehn.
Du hast keine gute Prothese.

Deine Lungen sind dir zerschossen
du brauchtest eine Kur,
auf Inseln, meerumflossen,
und sei es auf Monate nur…
Du hast aber kein Geld.

Du tastest dich tappend weiter,
Blinder. Du lachst nie mehr, und
du ersehnst so einen Begleiter –
du hast nur deinen Hund.
Mit dem sprichst du.

Eure Gesundheit, Kuren, Prothesen
frißt einer für sich allein.
Er ist euer Kaiser gewesen
und (von hinten) die Wacht am Rhein.

Hört ihr die Zahl, Verdammte?
Sechshunderttausend im Jahr
zahlen kaisertreue Beamte
dem Feigling mit Kaiseraar!

Er führt sein altes Leben,
er ist der alte Fex,
von teuern Nullen umgeben:
Imperator Rex.

Er kann sich Pelze kaufen,
sein Vermögen steigt hoch, hoch, hoch!
Ist einer von euch entlaufen,
der sitzt im Zuchthausloch.

Ihr und eure Frauen,
elender Abfall vom Krieg –:
Bedankt euch bei dieser flauen
bei dieser Republik –!

Unter dem Pseudonym Theobald Tiger im Jahr 1925

§ § § §

In der Großstadt, auf dem Lande, in den Städtchen
gibt es schöne, aber tugendhafte Mädchen.
Still! Still!
Man kann nicht alles sagen, was man will.
Denen gleich das Herze schmilzt, die haben keinen.
Die du gern erobern willst, die haben schon einen…
Kommt ne leere Droschke an,
ist sie meist besetzt.
Hat die Frau einen andern Mann,
dann flüsterst du zuletzt:
Soll ich dir mal sagen,
wie mein Herz tanzt?
Soll ich dir mal sagen,
was du mir kannst?
Wenn ich dich seh, gibts mir nen Stich,
mein ganzes Sehnen kreist um dich –
Könnt ich dir doch sagen:
O küsse mich –!

Schau ich mich so um in unsrer lieben Runde:
jedem Deutschen hängt ein § am Munde…
Still! Still!
Man kann nicht alles sagen, was man will.
Schreibst du: »Dieser Bursche ist total besoffen«,
gleich fühlt irgend ein Minister sich getroffen.
Seh ich mir die Gegner an,
wie kommen die mir vor!
Ich ginge gern zu jedem ran
und flüstert ihm ins Ohr:
Soll ich dir mal sagen,
wie mein Herz tanzt?
Soll ich dir mal sagen,
was du mir kannst?
Wenn ich dich seh, gibts mir nen Stich,
mein ganzes Sehnen kreist um dich:
Könnt ich dir doch sagen:
O küsse mich –!

Und so sei es denn hiermit gesagt.

Unter dem Pseudonym Theobald Tiger im Jahr 1932

7,7

Sieben Jahre und sieben Minuten
mußten zwei Arbeiterherzen bluten.

Sieben Jahre?
Zellenenge,
Nächte – Luft! – Visionengedränge.
Zehnmal in die Todeskammer –
zehnmal den allerletzten Jammer –
zehnmal: jetzt ist alles aus.
Zehnmal: Grüßt uns die zu Haus!
Zehnmal: vor der eignen Bahre.
Zum Tode verurteilt sieben Jahre.

Sieben Minuten:
Das Blut gerinnt.
Wißt ihr, wie lang sieben Minuten sind –?
Sieben Minuten Krampf und Qual,
Muskeln zucken noch ein Mal –
Blut kocht in Venen – Hebelgekreisch –
es riecht nach angesengtem Fleisch –
irr drehn sich Pupillen – das Ding sitzt gebunden
420 lange Sekunden…
Strom weg. Tot? Hallelujah!
Bravo! Bravo, U.S.A. –!

Sieben Jahre und sieben Minuten
mußten zwei Arbeiterherzen bluten.
Sieben Minuten und sieben Jahre –

Diesen Schwur an ihrer Bahre:

Alle für zwei. Ihr starbt nicht allein.
Es soll ihnen nichts vergessen sein.

 

Unter dem Pseudonym Theobald Tiger