Also wat nu – ja oder ja?

Wie ick noch ‘n kleena Junge wah,
da hattn wa auffe Schule
een Lehra, den nannten wa bloß: Papa –
een jewissen Doktor Kuhle.
Un frachte der wat, un der Schieler war dumm,
un der quatschte und klönte bloß so rum,
denn sachte Kuhle feierlich:
»Also – du weeßt et nich!«

So nachn Essen, da rooch ick jern
in stillen meine Sßijarre.
Da denk ick so, inwieso un wiefern
un wie se so looft, die Karre.
Wer weeß det … Heute wähln wa noch rot,
un morjen sind wa valleicht alle tot.
Also ick ja nich, denkt jeda. Immahin…
man denkt sich so manchet in seinen Sinn.
Ick bin, ick werde, ich wah jewesen…
Da haak nu so ville Bicher jelesen.
Und da steht die Wissenschaft uff de Kommode.
Wie wird det mit uns so nachn Tode?
Die Kürche kommt jleich eilich jeloofn,
da jibt et ‘n Waschkorb voll Phillesophen…
Det lies man. Un haste det hinta dir,
dreihundert Pfund bedrucktet Papier,
denn leechste die Weisen
beit alte Eisen
un sachst dir, wie Kuhle, innalich:
Sie wissen et nich. Sie wissen et nich.

Unter dem Pseudonym Theobald Tiger im Jahr 1931

All people on board!

Das ist nämlich so in Berlin:
Einer ist plötzlich für Biographien.
Und aus einem Grunde, grad oder krumm,
gefällt diese Sache dem Publikum.
Das Publikum mag das Neue gern kaufen…

Nun kommen sie aber alle gelaufen!

Jetzt schießen, mit und ohne Komfort,
die Biographien aus dem Boden hervor:

Kaiser Gustav der Heizbare; Fürstenberg;
der Herzbesitzer von Heidelberg;
Frau Neppach, Einstein und Lindberghs Sohn
und vom Landgericht III der Justizrat Cohn –
sie alle bekommen ihre Biographie
(mit Bild auf dem Umschlag) – jetzt oder nie!
Heute so dick wie ein Lexikon,
und morgen spricht kein Mensch mehr davon.

Denn morgen ist da ein neues Glück:
das englische Grusel- und Geisterstück.

Da kommen aber in hellen Haufen
die Theaterdirektoren gelaufen!
„Die Gräfin auf der Kirchhofswand“,
„Sherlock Piel zwischen Lipp und Kelchesrand“,
„Das Bidet im Urwald“ – oder wie das so heißt,
und plötzlich hat jedes Theater ’nen Geist.
„Das kenn Se nich? Das haben Sie noch nicht gesehn –?
Da müssen Sie unbedingt hingehn –!“

Und aus einen, ders nicht gesehn hat, spucken …
Morgen sind die Achseln ganz müde vom Zucken:
„Wenn ich schon Geisterstücke seh –
Passé!“
Mal Punktroller und mal Negerplatten;
mal Freud und mal Kreuzworträtsel-Debatten;
mal Tiergeschichten und mal Autorennen;
mal muß man den ganzen Brockhaus kennen –
(„Frag mich was!“ – Sie mir auch.)
Und so haben nun
die Berliner immer was zu tun.

Denn so ist das in diesem Falle:

Was einer macht, das machen sie alle.
Macht einer Film mit Neckarstrand,
dann nehmen das tausend in die Hand.
Schreibt einer ein Buch vom Dauerlauf,
dann greifen das hundert Verleger auf.
Sie begehren immer, die guten Knaben,
des Nächsten Vieh –
„Müssen wir auch mal haben!“
Sie möchten niemals die eigenen Sachen.
„Das? das müssen wir auch mal machen –!“

Lasset uns dieserhalb nicht weinen.
Wo nichts ist, da borg ich mir einen.
Nur ist da eines – o völkische Schmach! –
komisch:
uns macht keiner nach.

Alfred Kerr

Nu schicken alle Bäcker Kuchen
nach Ihrem Haus in’n Jrunewald.
Schohspieler kommen Sie besuchen
von wegen hmzig Jahre alt.
Ich schieb mir leise mit se ran,
mit Orska und Herrn Sudermann,
und ruf aus der pariser Ferne:
»Ick kann mir nich helfen – ick hab Ihnen jerne –!«

Sie haben, als wir angefangen,
uns doch das Laufen beigebracht.
Ick bin nich imma mitjejangen –
zum Beispiel: bei die Russenschlacht…
Doch einen, der die Sprache packt,
und nie Bolljong – und stets Extrakt –
des such dir man mit die Lanterne:
Ick kann mir nich helfen – ich hab Ihnen jerne.

Musik! Musik vor allen Dingen!
Sie heben eine schmale Hand
und lassen Ätherwellen klingen
und spielen den Dichter an die Wand.
Sie zogen manchem stramm die Hosen
bei uns und in den U.S.A.,
und trugen ein Florett in Rosen;
es pfeift Ihr Nein, es ehrt Ihr Ja.
Sie haben unsere Tränen geweint,
Ihr Lachen hat uns alle vereint.
Sie sehen die Erde
und die Sterne –:
Ick kann mir nich helfen – ick hab Ihnen jerne.

Unter dem Pseudonym Theobald Tiger

Adagio con brio

Dies aber macht mir vielen Kummer:
Wenn du dich gabst,
Wenn du, verehrte dolle Nummer,
Mich schweigend labst –

Dass dann trotz deiner Erzroutine,
Trotz Witz und Trick,
Trotz der monströs beherrschten Miene,
Trotz halbem Blick-:

Dass du – bei deines Busens Knöpfen! –
Mir doch entfliehst.
Ich kann dich niemals ganz erschöpfen,
Wenn du genießt.

Umsonst. Ich hab dich nicht gefunden.
Komm! Halt mich fest!
Ich liebe nach all den wilden Stunden
Den kleinen Rest.

Noch einmal denn! Vielleicht blüht morgen
Der alte Stamm.
Sonst aber hab ich keine Sorgen!
Grüß Gott, Madame!

Achtundvierzig

Siebzig Jahre ist das nun her.
Siebzig Jahre wiegen so schwer.
Schwarz-rot-goldene Fahnen flatterten,
Vater Wrangels Musketen knatterten –
Wofür?

Wie glühten die Herzen! wie glühten die Köpfe!
Kampf! Kampf gegen die Bürgertröpfe,
gegen die nickenden Zipfelmützen –
Klatschen in trübe Fürstenpfützen –
Und dann?

Der große Sieg in den siebziger Jahren
ist uns verdammt in die Krone gefahren.
Die Krone gleißte. Die Bürger krochen.
Die treusten deutschen Herzen pochen
im Proletariat.

Und dann? Die versprochenen herrlichen Zeiten!
Und dann? Wir wollen gen Frankreich reiten!
Und dann? Wir kämpfen gegen zwei Welten,
Herz und Hirn haben den Deubel zu gelten –
Jetzt sitzt er in Holland.

Wofür, mein Gott, hat die Freiheit geblutet?
Wofür wurden Männer und Mädchen geknutet?
Spartakus! Deutsche! So öffnet die Augen!
Sie warten, euch Blut aus den Adern zu saugen –
Der Feind steht rechts!

Zerfleischt euch nicht das eigene Herz!
Denkt an die Barrikaden im März -!
Wir litten so viel.
Wollen wir nicht endlich Weltbürger werden?
Wir haben nur einen Feind auf Erden:
den deutschen Schlemihl!

Unter dem Pseudonym Kaspar Hauser im Jahr 1919

Ach, sind wir unbeliebt

Wenn man, wie wir, den Umsturz liebt,
macht man sich häufig unbeliebt.

Die Herren mit dem hohen Kragen.
die können dieses nicht vertragen.

Das Fräulein Aennchen reicht mir Tee.
Der Herr Assessor will Calais.

Wir sprechen auch vom Liebknecht-Mord.
Sie gleiten hurtig drüber fort.

Man denkt voll Freuden des Gerichts.
Ich räuspre mich und sage nichts.

Der Herr Assessor guckt mich an:
Ist das ein Bolschewistenmann?

Und auch das Fräulein Aennchen schaut.
Wie zart ist ihre weiße haut!

Doch je auf meinen Kissen ruhn –
das wird sie ganz gewiß nicht tun.

Ich fühl es leider ganz genau,
sie ist wie jede kleine Frau:

Sie liebt nicht Den, der revoltiert –
brav muß er sein, dem sie gebiert.

Wie ist sie süß! wie ist sie munter!
Ich falle langsam hinten runter.

So zeigts sichs wieder, Bruder – nämlich:
Gesinnung ist oft unbequemlich,

wenn man sich sozialistisch gibt…
Ach Gott, wie sind wir unbeliebt!

Unter dem Pseudonym Kaspar Hauser

Ach lege deine Wange

Wenn ich mal wütend bin
Auf meinen Theo
Und er mir Szenen macht,
Weil ich mit Leo,
Wenn er dann “Dirne” schreit
Und wer weiß was spricht,
Wenn er mich gar bespeit,
Weil er so naß spricht,

Dann zürn’ ich nicht,
Dann zank’ ich nicht,
Dann schrei’ ich nicht,
Dann schelt’ ich nicht,
Dann bin ich liebenswürdig,
Liebenswürdig,
Liebenswürdig, liebenswürdig,
Ich hab’ Kultur
Und ich sage nur:

“Ach, lege Deine Wange
Doch mal an meine Wange
Und bleibe da recht lange
Mit Deiner Wange,
Du süßer Herzens-Clown!
Ich kann Dir stundenlang,
Stundenlang, stundenlang,
In die Augen schau’n,
Ja, stundenlang.

Tritt mir im Omnibus
Wer auf die Beine,
Wenn ich mal rausgehn muß
Und da ist schon eine,
Sitz’ ich am Steuerrad —
Gott soll bewahren! —
Und schreit der Schupo “Wat?
Sie könn’n nicht fahren?”

Dann zürn’ ich nicht,
Dann zank’ ich nicht,
Dann schrei’ ich nicht,
Dann schelt’ ich nicht,
Dann bin ich liebenswürdig,
Liebenswürdig,
Liebenswürdig, liebenswürdig,
Ich hab’ Kultur
Und ich sage nur:

“Ach, lege Deine Wange
Doch mal an meine Wange
Und bleibe da recht lange
Mit Deiner Wange,
Du süßer Herzens-Clown
Ich kann Dir stundenlang,
Stundenlang, stundenlang,
In die – Schnauze hau’n,
Ja, stundenlang!

Abschiedsgesang

Dies siehst du häufig auf den Straßen:
Im Auto vor den Sektterrassen
schwimmt mild ein Fettkloß in dem Wagen –
Beruf: Nie sollst du mich befragen.
Der Motor surrt. Das Fett, es zittert.
Sieh da: es hat sich ausgewittert
mit Bolschewismus, mit Verträgen –
es wird sich alles wieder legen.
Der Dicke strahlt. Er ist der Alte…
Der ganze Bauch ist eine Falte!

Und kennst du seine Weiblichkeiten?
Wer wagt, den Liebreiz zu bestreiten
der jungen Mädchen aus dem Osten,
indem, dass sie so ville kosten?
»Der Stein is Tineff!« haucht sie lind.
»Und der – der will mein Schklave sind?«
Als deiner anderswo gefeiert,
mein Kind, hast du dich entgeschleiert,
so tief, dass ich nach hinten prallte…
Der ganze Bauch war eine Falte!

Und das soll alles ich verlassen?
Berlin – ich kann es noch nicht fassen!
Du süße Stadt – ich komme wieder
und pfeif aufs neue deine Lieder.
Inzwischen, Liebste, laß mich gehn,
bleib hübsch gesund und laß mir stehn
die Lektrische, die Schutzmannschaft,
den Reichstag, die Germanenkraft,
die Kinos und die Landgerichte,
die Presse mit dem Weisheitslichte.
Ich ab.
Und griene: »Daß dich Gott erhalte –!«
Der ganze Bauch ist eine Falte.

Unter dem Pseudonym Theobald Tiger im Jahr 1921

Abschied von Noske

Da gehst Du hin und singst nicht mehr.
Wir haben oft von Dir gesungen,
hell hat hier unser Lied geklungen.
Es ist uns stets vorbeigelungen:
Du bliebst und ruiniertest uns noch mehr.
Jetzt gehst Du hin und singst nicht mehr.

Du warst der Bürger starker Mann.
Du schliefst, indes die Adjutanten,
die den Proleten rasch erkannten,
die Trupps für ihren Zweck verwandten –
Landauer, Liebknecht! was lag Dir daran!
Du warst der Bürger starker Mann.

Du gehst. Koch Dir Kamillentee.
Und denk im Käppchen Du an Kappen.
Einst fuhrst Du mit den Landsknechtsknappen.
Jetzt hältst Du es mit Schusters Rappen –
vorbei Importen und Gesangssoiree…
Du gehst. Koch Dir Kamillentee.

Gehst Du? Noch ist Dein Ungeist da.
Noch wollen alle sies nicht wissen:
Wir bleiben tief in Kümmernissen,
bis wir das Achselstück zerrissen.
Wie lange noch Tatü-tata?
Du gingst. Und bist noch immer da.

Unter dem Pseudonym Kaspar Hauser

Abschied von der Jungesellenzeit

Agathe, wackel nicht mehr mit dem Busen!
Die letzten roten Astern trag herbei!
Laß die Verführungskünste bunter Blusen,
Das Zwinkern laß, den kleinen Wohllustschrei…
Nicht mehr für dich foxtrotten meine Musen –
Vorbei – vorbei –
Es schminkt sich ab der Junggesellenmime:
Leb wohl! Ich nehm mir eine Legitime!

Leb, Magdalene, wohl! Du konntest packen,
Wenn du mich mochtest, bis ich grün und blau.
Geliebtendämmerung. Der Mond der weißen Backen
Verdämmert sacht. Jetzt hab ich eine Frau.
Leb, Lotte, wohl! Dein kleiner fester Nacken
Ruht itzt in einem andern Liebesbau…
Lebt alle wohl! Muß ich von Kindern lesen:
Ich schwör sie ab. Ich bin es nicht gewesen.

Nur eine bleibt mir noch in Ehezeiten –
In dieser Hinsicht ist die Gattin blind -,
Dein denk ich noch in allen Landespleiten:
Germania! Gutes, dickes, dummes Kind!
Wir lieben uns und maulen und wir streiten
Und sind uns doch au fond recht wohlgesinnt…
Schlaf nicht bei den Soldaten! Das setzt Hiebe!
Komm, bleib bei uns! Du meine alte Liebe – !

Unter dem Pseudonym Theobald Tiger im Jahr 1920