Zehn Jahre deutsche “Revolution”

Wir haben den Laden übernommen
im Ausverkauf! im Ausverkauf!
Die Fürsten sind uns abhanden gekommen –
im Nurmi-Lauf! im Nurmi-Lauf –
Wir sind eine Republik.
Was sollen wir Ihnen sagen?
Wir bitten Sie, das unserem Vorgänger geschenkte
Vertrauen auch auf uns zu übertragen!

Bist du glücklicher? du Arbeiterfrau?
Bist du glücklicher? Bergmann im Schacht?
Ist dir wohler? Mann im Gefängnisbau?
Hat euch allen die Republik etwas gebracht?
Wir sind eine Republik.
Mit schwarz-weiß-roten Schnüren…
Wir bemühen uns, das Geschäft streng im Sinne
seines Begründers zu führen.

Da gibt es Richter, die sind schlimmer als die unterm Kaiser.
Da regiert die Industrie, toller, als vor dem Krieg.
Da gibt es Junker – wie immer unter dem Kaiser –
da erficht die Kirche einen Sieg und noch einen Sieg.
Wir sind eine Republik.
Mit Hilfe der Sozialdemokraten
halten wir uns die alten Kommißsoldaten –
Die Revolution findet wegen schlechten Wetters im Saale statt –
Wohl dem, der solch eine Republike hat!
Immer herein! Eintrittsgeld nach Belieben!
Wir haben die Firma gewechselt. Aber der Laden ist der alte geblieben.

Unter dem Pseudonym Theobald Tiger im Jahr 1928

Wünsche

Die gnädige Frau ist hell und blond,
von sommerlichem Licht durchsonnt –
sie scheint sich schlechtgeraten.
Braun will sie sein, das dumme Kind,
braun, wie Zigeunerweiber sind –
und läßt am Strand sich braten.

Jung-Deutschlands Dichter gehn zur Zeit
in Fritz von Schillers Schülerkleid –
(der war nicht so behende),
vom Recken wird man noch nicht groß;
bleibt ruhig noch auf Mutterns Schoß:
sie hat die klügern Hände.

Alt-Deutschland macht in Politik
Und zieht Bilanz aus diesem Krieg:
Indien muß badisch werden!
Ägypten her! Die Ostsee auch!
Wir treten alle vor den Bauch
mit sieghaften Gebärden!

Und so hat jeder was zu schrein.
Der Neger will ein Weißer sein,
der Fußfantrist ein Reiter…
Wir wollen aufrecht stehn, mein Kind,
und bleiben, was wir selber sind!
Ich glaub, das ist gescheiter.

Unter dem Pseudonym Theobald Tiger im Jahr 1918

Worte und Taten

Eine Sage ist keine Tue.
Betrachten wir das in aller Ruhe.

Da sind zum Beispiel die kleinen Damen.
Wenn wir denen mal näher kamen,
begegnet es uns wohl anfangs zumeist,
dass uns die Fürstin von dannen weist.
Und es spricht errötend die liebe Kleine:
»Was denken Sie denn? Ich bin nicht so eine!«
Dann aber rückt sie näher ran
und flüstert: »Was legen der Herr denn an?«
Und nach all dem Gerede und nach ein paar Schritt –
geht sie mit.

Worte und Taten – das ist so hienieden –
sind manchmal verschieden.

Da hätten wir Philipp Scheidemann.
Hört ihn immer nur fleißig an!
Spricht gescheit und klar und vernünftig –
gar nicht parteiisch, gar nicht zünftig –
sieht die Dinge so, wie sie sind –
kurz: ein begabtes kassler Kind.
Aber wie kann doch das bißchen Handeln
einen ganzen Menschen verwandeln!
Nun ist er nicht mehr wiederzuerkennen:
Kompromiß – Schweigen – Pennen…
Reden: gut. Tun: oh konträr…
Ach, dass es doch einmal umgekehrt wär –!

Worte und Taten… Als da ist die Regierung:
Da hat sie im Reichstag zur Redeverzierung
gewiße Floskeln, gewiße Phrasen,
tut großmächtig Posaune blasen –
und die Pressetribüne hört aufmerksam zu…
Und dann geht alles zu süßer Ruh.

Man werde – spricht man – den Kapp-Putsch bestrafen.
Man geht aber sachteken, sachteken schlafen.
Man werde – spricht man – das Heer reformieren.
Man steht aber stramm vor Stabsoffizieren.
Man erstrebe in der ganzen Verwaltung
eine neue, demokratische Haltung.
Man ändre Schule und Universität …
Aber wie das so geht:
Warum denn gleich tun? Das wäre schön dumm.
Reden genügt ja dem Publikum!

Wenn einer bei uns nur etwas sagt,
ists gar nicht mehr nötig, dass er was wagt.
Er muß nur reden, verkünden, bullern –
ihr werdet schon alle nach Hause kullern.
Er muß nur bombastisch prophezein –
nachzuprüfen fällt niemandem ein.
Mit einem Wort: das Grammophon!
Das Weitere – ach! das findet sich schon.
Wir: Demokratie!
Immer mit die Ruhe!
Eine Sage ist keine Tue.

Unter dem Pseudonym Theobald Tiger im Jahr 1920

Worte

»So zum Beispiel diese Balten.
Deutsch der Adel, deutsch das Land.
Also laßt uns sie behalten,
Stammesbrüder, Hand in Hand.
Denn es muß an deutschem Wesen
einmal noch die Welt genesen.
Deutsch sei Eskimo und Mohr!«
Goldene Worte, Herr Pastor.

»Mann und Weib sind nur zwei Äste,
Äste von demselben Baum.
Zweiheit ist für sie das beste:
gleicher Schlaf und gleicher Traum.
Wenn sie auch zerrissen wandern,
sie zu Hause, er in Flandern –
Halt ihn fest, der dich erkor!«
Goldene Worte, Herr Pastor.

»Friede! Friede sei auf Erden!
Sieh, auch drüben schießt ein Christ.
Zwar, man wird schon selig werden,
wenn man nur gehorsam ist.
Christi Worte gelten immer,
selbst in Blut und Schmerzgewimmer,
gelten bis zum Himmelstor!«
Goldene Worte – goldene Worte…
Und die Taten, Herr Pastor?

Unter dem Pseudonym Theobald Tiger

Worauf man in Europa stolz ist

Dieser Erdteil ist stolz auf sich, und er kann auch stolz auf sich sein. Man ist stolz in Europa:

Deutscher zu sein.

Franzose zu sein.

Engländer zu sein.

Kein Deutscher zu sein.

Kein Franzose zu sein.

Kein Engländer zu sein.

An der Spitze der 3. Kompanie zu stehn.

Eine deutsche Mutter zu sein. Am deutschen Rhein zu stehn. Und überhaupt.

Ein Autogramm von Otto Gebühr zu besitzen.

Eine Fahne zu haben. Ein Kriegsschiff zu sein. (»Das stolze Kriegsschiff…«)

Im Kriege Proviantamtsverwalterstellvertreter gewesen zu sein.

Bürgermeister von Eistadt a. d. Dotter zu sein.

In der französischen Akademie zu sitzen. (Schwer vorstellbar.) In der preußischen Akademie für Dichtkunst zu sitzen. (Unvorstellbar.)

Als deutscher Sozialdemokrat Schlimmeres verhütet zu haben.

Aus Bern zu stammen. Aus Basel zu stammen. Aus Zürich zu stammen. (Und so für alle Kantone der Schweiz.)

Gegen Big Tilden verloren zu haben.

Deutscher zu sein. Das hatten wir schon. Ein jüdischer Mann sagte einmal:
»Ich bin stolz darauf, Jude zu sein. Wenn ich nicht stolz bin, bin ich auch Jude – da bin ich schon lieber gleich stolz!«

Unter dem Pseudonym Kaspar Hauser

Wo ist der Schnee

Wo ist der Schnee vom vergangenen Jahr, Anna-Susanna?
Weißt du noch, was damals Mode war, Anna-Susanna?
Die Literatur trug man vorne gerafft,
jede Woche gabs ein Genie.
Und alles murmelte: »Faaabelhaft!
Rein menschlich… irgendwie…!«

Wo sind die Blumen vom letzten Lenz, Anna-Susanna?
Die Betonung des kosmischen Bühnen-Akzents, Anna-Susanna?
Das gebildete Publikum lief zuhauf
mit der Kritiker-Artillerie.
Und die Stücke führt kein Mensch mehr auf,
rein menschlich irgendwie.

Wo ist der Schnee vom vergangenen Jahr, Anna-Susanna?
Brecht wird sein, was Sudermann war, Anna-Susanna.
Sie brüllen sich hoch, die Reklame schreit,
das ist eine Industrie.
Pro Mann einen Monat Unsterblichkeit – Anna-Susanna –
rein menschlich irgendwie.

Unter dem Pseudonym Theobald Tiger im Jahr 1930

Wo bleiben deine Steuern-?

Wenn einer keine Arbeit hat,
ist kein Geld da.
Wenn einer schuftet und wird nicht satt,
ist kein Geld da.
Aber für Reichswehroffiziere
und für andre hohe Tiere,
für Obereisenbahndirektionen
und schwarze Reichswehrformationen,
für den Heimatdienst in der Heimat Berlin
und für abgetakelte Monarchien –
dafür ist Geld da.

Für Krankenhaus und Arbeiterquartier
ist kein Geld da.
Für den IV. Klasse-Passagier
ist kein Geld da.
Aber für Wilhelms seidne Hosen,
für prinzliche Zigarettendosen,
für Kleinkaliberschützenvereine,
für Moltkezimmer und Ehrenhaine,
für höhere Justizsubalterne
und noch eine, noch eine Reichswehrkaserne –
dafür ist Geld da.

Wenn ein Kumpel Blut aus der Lunge spuckt,
ist kein Geld da.
Wenn der Schlafbursche bei den Wirten zuguckt,
ist kein Geld da.
Aber für Anschlußreisen nach Wien,
für die notleidenden Industrien
und für die Landwirtschaft, die hungert,
und für jeden Uniformierten, der lungert,
und für Marinekreuzer und Geistlichkeiten
und für tausend Überflüssigkeiten –
da gibts Zaster, Pinke, Moneten, Kies.
Von deinen Steuern.
Dafür ist Geld da.

Unter dem Pseudonym Theobald Tiger im Jahr 1926

Wir im Welteninnen

Pflanze auf meine Lenden
Deiner Liebesküsse Raserei:
Sieh: mein Schrei
Brüllt wie eine Fackel auf zu Weltenbränden.

Lass die Sterne bleich ins Nichts verrinnen,
Lass die Erde sich in Asche modern,
Wir im Welteninnen
Werden wie die Hölle ewig lodern.

Wir auch! (Gott behüte)

Dies aber reißt mir jach durchs Herz:
Die Ungarn haben einen König.
Wir auch! Denn, seht mal, ich gewöhn mich
so schwer an einen Freiheitsmärz.

Die habens fein. Da ist noch wer,
dem sie die Stiefel lecken dürfen,
und hundert dicke Lippen schlürfen
die hohe Gunst … Und dann das Heer!

Die haben noch ein Ideal!
Wie blitzen Helm und Epauletten!
Und um die Monarchie zu retten,
trabt noch der ältste General.

(Und keiner wird nicht pensioniert.)
Und dann: wie hübsch sind jene Cliquen,
die den Monarchen fast ersticken –
Man hätt ihn gerne separiert…

Kurz: da ist alles, alles da!
Die Schieber und auch ein Geschobner –
man fühlt sich wesentlich gehobener…
Heil Königreich Ungaria!

Wir auch! wir auch! –
Ach, kleine Lieder
pfeif ich mir froh, daß es vorbei.
Doch käm er heute nochmal wieder –:
Es gibt noch welche, dumm und bieder –
Sie grüßten ihn, wie einst im Mai.

Unter dem Pseudonym Theobald Tiger

Winke-winke

Dem Andenken des ermordeten
Hans Paasche

Nun schwimm man ab.
Wir haben lang genug gehört:
»Ich weiß von nichts. Ich bin es nicht gewesen.«
Und immer, wenn wer deine Leutnants stört,
dann konnten wir ein klein Dementi lesen.
Das wertete dann jeder nach Gebühr.
Denn du kannst nichts dafür.

Wie stark ist denn dein werter Schießverein?
»Die Finger weg! Das Heer ist stets geheiligt!«
Auf allen Fußballplätzen übt sich wer was ein,
und niemals ist die Reichswehr dran beteiligt.
Die Wehrverbände? Fememordgeschwür?
Nie kannst du was dafür.

Du übernahmst das Heer der Republik.
Was tatest du? Du wahrst die Traditionen.
Und die die Wahrheit sagten in der Politik,
die dürfen heut – dank dir – im Zuchthaus wohnen.
Scharf schnappt ins Schloß die kleine Zellentür.
Und du kannst nichts dafür.

Nun schwimm man ab, du süßes Ornament.
Sieh, deine kleine Schwarze ist erwachsen heute…
Du wirst wahrscheinlich Oberpräsident;
denn so belohnt man hierzuland die großen Leute.
Wir können uns bei dir bedanken. Rühr
dich endlich, Otto.
Du kannst nichts dafür.

Unter dem Pseudonym Theobald Tiger im Jahr 1926