Zueignung

Von J. W. Goethe
Unter freundlicher Mitwirkung von Theobald Tiger

Ihr naht euch wieder, schwankende Gestalten,
Die früher sich dem trüben Blick gezeigt.
Versuch ich wohl, euch diesmal festzuhalten?
Fühl ich mein Herz noch jenem Wahn geneigt?
Ihr drängt euch zu! Nun gut, so mögt ihr walten,
Wie ihr aus Dunst und Nebel um mich steigt.
Mein Busen fühlt sich jugendlich erschüttert
Vom Zauberhauch, der euren Zug umwittert.

Ihr bringt mit euch die Bilder böser Tage,
Und tausend schwarze Schatten steigen auf;
Gleich einer alten, halbverklungnen Sage
Steigt U-Boot-Krieg und Brest-Litowsk herauf.
Der Schmerz wird neu, es wiederholt die Klage
Des Lebens labyrinthisch irren Lauf,
Mahnt an Millionen, die, um schöne Stunden
Vom Glück getäuscht, von uns hinweggeschwunden.

Du, Kahlkopf, und du, Bierbankredner Roethe,
Du, gläubiges Sonntagskind, mein Helfferich!
Und Bethmann, du – ich, dein Kollege Goethe,
Sag es dir schüchtern: Mir gefällste nich!
Ihr tanztet alle, alle nach der Flöte
Des großen Hasardeurs – das wundert mich…
Doch hat im Leichtsinn und frivolen Hoffen
Ein Admiral im Bart euch übertroffen.

Und mich ergreift ein längst entwöhntes Sehnen
Nach einem friedlich-freien Deutschen Reich,
Mit Mühe nur verkneif ich mir das Weenen,
Die Kehle knarrt, dem Grammophone gleich.
Ein Schauer faßt mich, Träne folgt den Tränen,
Auf steigt mein Beten, wehmutsvoll und weich:
O Herr, vergib den deutschen Diplomaten –
Sie wußten leider all nicht, was sie taten!

Unter dem Pseudonym Theobald Tiger

Zuckerbrot und Peitsche

Nun senkt sich auf die Fluren nieder
der süße Kitsch mit Zucker-Ei.
Nun kommen alle, alle wieder:
das Schubert-Lied, die Holz-Schalmei….

Das Bürgertum erliegt der Wucht:
Flucht, Flucht, Flucht.

Sie wollen sich mit Kunst betäuben,
sie wollen nur noch Märchen sehn;
sie wollen ihre Welt zerstäuben
und neben der Epoche gehn.

Aus Not und militärscher Zucht:
Flucht, Flucht, Flucht.

So dichtet, Dichter: vom Atlantik,
von Rittern und von Liebesnacht!
Her, blaue Blume der Romantik!
»Er löste ihr die Brünne sacht….«

Das ist Neudeutschlands grüne Frucht:
Flucht, Flucht, Flucht. Wie ihr euch durch Musik entblößtet!
In eurer Kunst ist keine Faust.
So habt ihr euch noch stets getröstet,
wenn über euch die Peitsche saust. Ihr wollt zu höhern Harmonien
fliehn, fliehn, fliehn.

Es hilft euch nichts. Geht ihr zu Grunde:
man braucht euch nicht. Kein Platz bleibt leer.
Ihr winselt wie die feigen Hunde –
schiebt ab! Euch gibt es gar nicht mehr! Wir ändern aber wirken weit
in die Zeit!
In die Zeit!
In die Zeit!

Unter dem Pseudonym Theobald Tiger im Jahr 1930

Zu tun! Zu tun!

Heute lese ich da in der Zeitung:
In Los Angeles gibts einen Schnapsverein,
und man befürchtet seine Verbreitung
in dem übrigen Land – dabei fällt mir ein:
Ich sollte mal wieder an Edith schreiben
(in Kalifornien) – seit Januar
liegt der Brief da, und ich laß es bleiben
und verschieb es nun schon ein halbes Jahr.
Das ist nicht richtig. Es nimmt mir die Ruh.
Aber… ich komme nicht dazu.

Der Arzt sagt, ich soll mir Bewegung machen.
Da gibt es so eine Schule für Sport…
Auf dem Boden liegen noch alte Sachen,
die sollten doch längst für die Armen fort!
Bin ich an Vaterns Grab gewesen?
Ich nehm es mir vor – und dabei wirds nie.
Das Gelbbuch wollte ich immer mal lesen,
das und Simmels Soziologie.
Wie oft wollt ich schon nach Friedrichsruh!
Aber… ich komme nicht dazu.

Einstmals, wenn die Posaunen schallen,
steigt auf der Berliner aus seinem Grab.
Und er steht in der ersten Reihe vor allen –
(»Weil ich doch meine Beziehungen hab!«)
Gott, der Herr, mild und voll Frieden,
der über allen Gewässern schwebt,
spricht: »Berliner! Was tatst du hienieden?
Menschenskind! Wie hast du gelebt –?«

Und der Berliner sagt darauf verschwommen:
»Ich… bin leider nicht dazu gekommen.«

Unter dem Pseudonym Theobald Tiger im Jahr 1924

Zu einigen dieser Prozesse

Auf Universitäten forsch gesoffen,
in Kaiser-Fackelzügen mitgeloffen,
so wuchs das auf zum Referendar.
Hinaus aufs Land, wo brave Bauern wohnen.
Und auf den ersten Amtsgerichtsstationen
krümmt sich, was nie ein Recke war.
Sie können alle Paragraphen nennen
und lernen Menschen nur aus Akten kennen.
Examenspaukerei. Das Stammtisch-Schnitzel.
Der Staatsanwalt erzieht zum Herrschaftskitzel.
»Was heult die Frau? Ich brauch ein Protokoll!
Ich schreibe fleißig meine Akten voll:
Im Namen des Königs –!«

Auf seinem Armesünderstühlchen droben
sitzt das in seidenen, faltenreichen Roben –
darunter grauer Spießerrock.
Die Herzen schlagen rechts. In den Prozessen,
in denen sich ein Freiheitsmann vergessen,
zuckt durch den Saal der Büttelstock.
Der Staatsanwalt amtiert im selben Hause;
man spricht mit ihm, so in der Frühstückspause.
Der Rechtsanwalt scheint eine Art Komplice.
Der Staatsanwalt monokelt voll Malice.
Die Richter kennen ihn, und er kennt sie:
Und was er nicht besorgt, besorgen die.
Im Namen des Volkes –!

So hat die Urteilsformel sich gewandelt.
Doch wird im alten Ungeist fortverhandelt,
ganz wie in jener Kaiserzeit.
Und Vorvernehmung und Geschworenensiebung
und Fragestellung und die Strafverschiebung –
Wo steckt da die Parteilichkeit?
Wo, deutsche Richter? Tief in euern Herzen!
Wir kennen euch und eurer Opfer Schmerzen!
Wir glauben euch nicht mehr und eurer Waage –
Das Ding hängt schief! Das sehn wir alle Tage.
Die Binde der Justitia – welch ein Bruch!
Steht auf!
Und dies sei euer Urteilsspruch:
Sehn wir euch an, packt uns ein tiefes Graun –
Wir haben zu euch Richtern kein Vertraun!
Im Namen des Volkes –!

Unter dem Pseudonym Theobald Tiger im Jahr 1922

Zoologie

Ein Borvaselinchen lief, von Gott gesandt,
durch deutsches Land.

Es glänzte fettig-hell im Sonnenscheine
und rührte emsig seine kleinen Beine.

Doch gestern morgen in der Abendstunde,
verschwand es still in Adolf Hitlers Munde.

Dieweil der Junge alle Welt befehdet,
hat er sich nämlich einen Wolf geredet.

Jetzt aber geht es schon bedeutend glatter.
Es kritzeln emsig die Berichterstatter.

Und einer lauscht, und er notiert:
»Der Tschörmen redet wie geschmiert.«

Da hat er recht. Uns bleibt nur dies Problem:
Geschmiert?
Von wem?

Unter dem Pseudonym Theobald Tiger

Zirkus des Lebens

In der Manege hat man sich versammelt.
Da unterrichtet wer sein Stachelschwein,
dieweil ein Herr auf einem Esel bammelt –
ein Nigger träuft sich etwas Whisky ein…
Na und?
Na und?
Da ist schon eben so – die Welt ist bunt.

O Publikum! Zu früh darfst du nicht lachen.
Daß du die Lebensregeln gar nicht lernst!
Die Logen tun dieselben dummen Sachen.
Der Unterschied ist nur: man nimmt sich ernst!
Na und?
Na und?
Da ist schon eben so – die Welt ist bunt.

Und siehst du um dich, siehst die wilde Meute,
die bösen Buben, trikolor bemalt,
da fragst du dich: Was haben nur die Leute?
Sind das auch Clowns? Und werden sie bezahlt?
Mein lie-
ber Mann:
Sie tun das gratis – und sie glauben dran!

Unter dem Pseudonym Theobald Tiger

Zirkus Busch

Wenn man auf seinem Gut inmitten Polen
und alten Weibern als Inspektor herrscht,
wenn man das ungewaschene Volk versohlen
und ducken darf als angestammter Ferscht,

wenn unter hundert dummen Ochsenjungen
man jener einzige ist, der lesen kann,
wenn bei der Herrschaft, fett und machtdurchdrungen,
noch wie vor Jahren erst der Mensch begann –:

dann hat man Grund, Verflossenem nachzutrauern!
Wie schön war doch die hohe Wonnegans.
O neue Zeit! heut wollen niedere Bauern
auch Menschen sein! o alter Siegerkranz!

Im Zirkus Oldenburg sprang durch den Reifen
ein dicker Bauch, daß alles rings erbebt.
Und wenn sie noch so johlen und so pfeifen –
hilft ihnen nichts. Sie müssen jetzt begreifen:
Der Junker stirbt.
Der deutsche Landmann lebt.

Unter dem Pseudonym Theobald Tiger

Zieh Dich aus, Petronella

Spielst du Sudermann oder Maeterlinck
oder spielst du Mieze Stuckert,
dann denk: es ist ein eigen Ding,
das Herz, das unten puckert!
Es atmet klamm das Publikum,
es gäb’ was drum, es gäb’ was drum,
erhöre nur sein Flehen,
das Publikum will sehen:
Zieh dich aus, Petronella, zieh dich aus.
Denn du darfst nicht ennuyant sein,
und nur so wirst du bekannt sein;
und es jubelt voller Lust das ganze Haus:
„Zieh dich aus, Petronella, zieh dich aus!“

Nicht bei Lulu nur oder Wedekind
ist der Platz für deine Reize;
denn je nackter deine Schultern sind,
je mehr sagt man: „Det kleid’ se!“
Als Iphigenie trägst du nur ‘ne Armbanduhr,
‘ne Armbanduhr, ne Armbanduhr,
ich seh’ den weißen Nacken,
wie schön sind deine Backen!
Zieh dich aus, Petronella, zieh dich aus.
Denn du darfst nicht ennuyant sein,
so wirst du bekannt sein;
und es jubelt voller Lust das ganze Haus:
„Zieh dich aus, Petronella, zieh dich aus!“

Und begleitet dich nach dem Souper
dein Amant in deine Wohnung,
hüllt er dich ein bei Eis und Schnee
in Nerz mit zarter Schonung.
Stehst du vor ihm bloß und blaß mit ohne was,
mit ohne was, mit ohne was,
spricht er zu dir, Kokettchen,
vor deinem weißen Bettchen:
Zieh Dich aus, Petronella, zieh Dich aus!
Denn du wirst ja darin flink sein,
und es kann doch bloß dein Ring sein.
Und ich klatsch auf deinen Rücken den Applaus:
„Zieh Dich aus, Petronella, zieh Dich aus!“

Zeppelin-Spende

Herrn Eckener dargewidmet

Hier ist ein wahrhaft deutscher Mann.

Spannt den Ballon für den Ozean an,
und alle Leute mögen ihn leiden:
so aufdringlich schlicht und so laut bescheiden…
Es steigt sein Ruhm in die Höhe und weiter –
niemand gedenkt der Mitarbeiter.
Es steigen die nationalsten Faxen –
niemand gedenkt der Angelsachsen,
die den Flug immerhin zuerst unternommen.
Und als er drüben angekommen,
brüllt auf ein Volk: Es ist erreicht!
Die Stammtischgehirne sind sanft erweicht.
Ehrendoktor. Geschrei. Baldachin:
»Zeppelin –! Zeppelin –!«

Das läßt den wahrhaften Deutschen nicht schlafen.

Aus dem nationalen Luftschiffhafen
bittet er um milde Gaben.
Weil wir sonst keine Sorgen haben:
Der Nordpol! Er muß zum Nordpol fliegen!
Deutschland liegt vorn! Und Deutschland muß siegen!
Wer darf das bezahlen? Arbeiter. Kinder.
Auch schwere Kriegsbeschädigte nicht minder,
kurz: die Geld haben. Er wird führen,
15% Verwaltungsgebühren,
Reklame auf Postkarten und Plakat,
Direktoren, Briefbogen, Apparat …
Stumm bleiben die Massen, auf dem Land, in Berlin:
»Zeppelin…? Zeppelin…?«

Keinen Pfennig.
Eine Million
Männer hungern seit Monaten schon,
haben kein Geld für deine Taten,
pfeifen auf Nordpol und Luftakrobaten;
suchen sich hier das kleine Stück
trocken Brot und Arbeit, ihr bißchen Glück…
Fahr immerzu!
Pack ein! Pack ein
in deinen Ballon den ganzen Verein
der großmäuligen Militaristen,
der Fememörder, Gerichtssadisten –
Singt bei der Abfahrt brausende Lieder!
Nimm sie mit und komm nie mehr wieder!
Beglücke die Eskimos! Laufe Ski
und begründe da eine Monarchie!
Du bist nicht Deutschland. Du bist nicht der Staat.

Das ausgehungerte Proletariat
sieht dich ohne Bedauern ziehn –
Zeppelin –! Zeppelin –!

Unter dem Pseudonym Theobald Tiger im Jahr 1926

Zensurdebatte

Im Reichstag haben sie über Zensur gesprochen
und alle Mißgriffe derselben fürchterlich gerochen.

Herr Gothein hat es ausführlich in den Saal hineingeredet,
groß sei das Debet derselben, aber klein ihr Kredit.

Und auch Herr Müller-Meiningen hat sich dahin ausgelassen:
neben England müsse man dieselbe am meisten hassen.

Dann haben sich aber die Vertreter der Regierung erhoben
und sagten: man müsse dieselbe ertragen, aber nicht loben.

Und wenn die Offiziersburschen mit den Dienstmädchen gingen,
so sei das geheim; über Truppenbewegungen dürfe man nichts bringen.

Und auch Herr von Tirpitz gehöre wie die Papierverteilung zu denjenigen
Sachen,
deren diskrete Geheimhaltung vor den Feinden uns viele Sorgen machen.

Und so wurde noch allerhand hin-, beziehungsweise herverhandelt.
Es steht aber nicht zu befürchten, dass sich in nächster Zeit etwas
wandelt.

Und wie in alten Schultagen fühl ich beklommen:
Wir haben eine miserable Zensur bekommen!

Unter dem Pseudonym Theobald Tiger im Jahr 1918