Start (Das Auge hinterwärts gedreht)

Das Auge hinterwärts gedreht: so sitzt der Weise
und überdenkt sich still-bewegt die Jahreskreise,
und wie sie so, und dass sie ohne Schluß…
wo unsereins bestimmt mal abgehn muß.

Hier überkommen ihn die trüben Sentimenter:
er greift zum grünen Curaçao (denn den kennt er)
und schlürft das Gift und sieht das alte Jahr,
und wie es gar nicht allzu fröhlich war.

Da ist zum ersten immerhin die Balkanmesse,
zum zweiten – heu nos miseros! – die Börsenbaisse,
zum dritten, vierten… Doch stets trostbereit
in aller Trübsal blieb der Gattin Zärtlichkeit.

Und du, mein Blatt, jährst dich zum zehnten Mal auf Erden!
Du brauchst nicht (auf dem Umschlag) dunkelrot zu werden!
Wir alle altern – du allein bleibst jung!
Begleite uns auf unsrer Wanderung!

Prost Neu… ja, ja! Der Curaçao und Silvester
bedrücken dich, mein Sohn – zieh dir den Leibgurt fester!
Verlaß Mama Philosophias Schoß:
Eins, zwei – und los!

Unter dem Pseudonym Theobald Tiger im Jahr 1914

Silvester (Im niedern Zimmer)

Im niedern Zimmer
zieht sich der Pfeifenrauch in dicken, blauen Schwaden.
Der Nachtsturm rüttelt an den Fensterladen;
die brave Lampe leuchtet mir wie immer.

Wie stets glüht mir der rote Wein
im festen Glase mit dem Kaiserbilde;
ein stiller Wein – er mundet mir so milde –
ich träum ins Glas – was spiegelt sich darein?

Vier lange Jahre.
Es hieß sich immer wieder, wieder ducken
und schweigen und herunterschlucken.
Der Mensch war Material und Heeresware.

Das ist vorbei.
Was ist uns nun geblieben?
Wo ist das Deutschland, das wir ewig lieben?
Wofür die Plackerei?

Für nichts.
Ich tue einen Zug – die Pfeife knastert –
Was hat man uns gebetet und gepastert –
Tag des Gerichts!

Und wißt ihr, wer uns also traf?
Der Koksbaron und der Monokelträger,
das Bürgerlamm und der Karrierejäger –
ihr lagt im Schlaf.

So wacht heut auf!
Wir trugen unser Kreuz und jene ihre Orden –
wir sind gestoßen und getreten worden:
Muschkot, versauf!

Vergeßt ihr das?
Denkt stets daran, wie jene Alten sungen!
Ich aber komm euch in Erinnerungen
ein volles Glas –!

Unter dem Pseudonym Kaspar Hauser im Jahr 1918

Zwischen den Schlachten

Leidige Politika!
Clementine, süßer Fetzen!
Laß mich mich an dir ergetzen –
Bin so wild, seit ich dich sah,
Venus Amathusia!

Mädchen mit dem kleinen Ohr,
mit den maßvoll fetten Beinen,
sieh vor Lust mich leise weinen,
ein verliebter heißer Tor…
Hogarth nennt dies Bild: Before.

Aber eine Nacht darauf?
Schweigt dein Troubadour und schlaft er?
Hogarth nennt dies Bildchen: After.
Sieh, das ist der Welten Lauf –
hebst du die Gefühle auf?

Bald bin ich dir wieder nah.
Schau, ich kann nur manchmal lügen.
Du tusts stets in vollen Zügen.
Laß dir nur an mir genügen
zwischen Noske, Kahl und Spaa –
Venus Amathusia!

Unter dem Pseudonym Kaspar Hauser im Jahr 1919

Zweifel

Ich sitz auf einem falschen Schiff.
Von allem, was wir tun und treiben,
und was wir in den Blättern schreiben,
stimmt etwas nicht. Wort und Begriff.

Der Boden schwankt. Wozu? Wofür?
Kunst. Nicht Kunst. Lauf durch viele Zimmer.
Nie ist das Ende da. Und immer
stößt du an eine neue Tür.

Es gibt ja keine Wiederkehr.
Ich mag mich sträuben und mich bäumen,
es klingt in allen meinem Träumen:
Nicht mehr.

Wie gut hat es die neue Schicht.
Sie glauben. Glauben unter Schmerzen.
Es klingt aus allen tapfern Herzen:
Noch nicht.

Ist es schon aus? Ich warte stumm.
Wer sind Die, die da unten singen?
Aus seiner Zeit kann Keiner springen.
Und wie beneid ich Die, die gar nicht ringen.
Die habens gut.
Die sind schön dumm.

Unter dem Pseudonym Theobald Tiger im Jahr 1925

Zwei Seelen

Ich, Herr Tiger, bestehe zu meinem Heil
aus einem Oberteil und einem Unterteil.

Das Oberteil fühlt seine bescheidene Kleinheit,
ihm ist nur wohl in völliger Reinheit;
es ist tapfer, wahr, anständig und
bis in seine tiefsten Tiefen klar und gesund.
Das Oberteil ist auch durchaus befugt, Ratschläge zu erteilen
und die Verbrechen von andern Oberteilen
zu geißeln – es darf sich über die Menschen lustig machen,
und wenn andre den Naseninhalt hochziehn, darf es lachen.

Soweit das.
Aber, Dunnerkeil,
das Unterteil!
Feige, unentschlossen, heuchlerisch, wollüstig und verlogen;
zu den pfinstersten Pfreuden des Pfleisches fühlt es sich hingezogen –
dabei dumpf, kalt, zwergig, ein greuliches
pessimistisches Ding: etwas ganz und gar Abscheuliches.
Nun wäre aber auch einer denkbar – sehr bemerkenswert! –,
der umgekehrt.

Der in seinen untern Teilen nichts zu scheuen hätte,
keinen seiner diesbezüglichen Schritte zu bereuen hätte –
ein sauberes Triebwesen, ein ganzer Mann und
bis in seine tiefsten Tiefen klar und gesund.

Und es wäre zu denken, dass er am gleichen Skelette
eine Seele mit Maukbeene hätte.

Was er nur andenkt, wird faulig-verschmiert;
sein Verstand läuft nie offen, sondern stets maskiert;
sogar wenn er lügt, lügt er; glaubt sich nichts, redet sichs aber ein –
und ist oben herum überhaupt ein Schwein.

Vor solchem Menschen müssen ja alle, die ihn begucken,
vor Ekel mitten in die nächste Gosse spucken!
Da striche auch ich mein doppelkollriges Kinn
und betete ergriffen: »Ich danke dir, Gott, dass ich bin, wie ich bin!«

Was aber Menschen aus einem Gusse betrifft in der schönsten der Welten –:
der Fall ist äußerst selten.

Unter dem Pseudonym Theobald Tiger im Jahr 1926

Zwei Erschlagene

(Liebknecht und Rosa Luxemburg)

Der Garde-Kavallerie-Schützen-Division zu Berlin
in Liebe und Verehrung

Märtyrer…? Nein.
Aber Pöbelsbeute.
Sie wagtens. Wie selten ist das heute.
Sie packten zu, und sie setzten sich ein:
sie wollten nicht nur Theoretiker sein.

Er: ein Wirrkopf von mittleren Maßen,
er suchte das Menschenheil in den Straßen.
Armer Kerl: es liegt nicht da.
Er tat das Seine, wie er es sah.
Er wollte die Unterdrückten heben,
er wollte für sie ein menschliches Leben.
Sie haben den Idealisten betrogen,
den Meergott verschlangen die eigenen Wogen.
Sie knackten die Kassen, der Aufruhr tollt –
Armer Kerl, hast du das gewollt?

Sie: der Mann von den zwei beiden.
Ein Leben voll Hatz und Gefängnisleiden.
Hohn und Spott und schwarz weiße Schikane
und dennoch treu der Fahne, der Fahne!
Und immer wieder: Haft und Gefängnis
und Spitzeljagd und Landratsbedrängnis.
Und immer wieder: Gefängnis und Haft –
Sie hatte die stärkste Manneskraft.

Die Parze des Rinnsteins zerschnitt die Fäden.
Da liegen die beiden am Hotel Eden.
Bestellte Arbeit? Die Bourgeoisie?
So tatkräftig war die gute doch nie …
Wehrlos wurden zwei Menschen erschlagen.

Und es kreischen Geier die Totenklagen:
Gott sei Dank! Vorbei ist die Not!
“Man schlug”, schreibt einer, “die Galizierin tot.”
Wir atmen auf! Hurra Bourgeoisie!
Jetzt spiele dein Spielchen ohne die!

Nicht ohne! Man kann die Körper zerschneiden.
Aber das eine bleibt von den beiden:

Wie man sich selber die Treue hält,
wie man gegen eine feindliche Welt
mit reinem Schilde streiten kann,
das vergißt den Beiden kein ehrlicher Mann!
Wir sind, weiß Gott, keine Spartakiden.
Ehre zwei Kämpfern!
Sie ruhen in Frieden!

Unter dem Pseudonym Kaspar Hauser im Jahr 1919

Zwei alte Leute am 1. Mai

– »Weißt du noch, Alter, vor dem Kriege?
Wir haben manchen Mai erlebt.
Wir glaubten an die schnellen Siege –
du hast das Streikplakat geklebt…«
– »Ja, Alte, das waren schöne Zeiten…
Wir waren allemal dabei –
Ich seh uns noch im Zuge schreiten
am 1. Mai.«

– »Und unser Jüngster war noch klein. Den ließ ich
zu Haus… wir gingen los mit Hans.
Mitunter wars ja etwas spießig –
so… Kriegerverein mit Kaffeekranz.«
– »Na, laß man – du warst doch die Nettste!
Mir wars bloß zu viel Dudelei…
Und anno 14 wars denn auch der letzte –
der 1. Mai.«

– »Kein Wunder. Mußt mal denken, Alter:
Wer ist uns da voraufmarschiert!
Der Wels als roter Fahnenhalter,
der Löbe, prächtig ausstaffiert…«
– »Ja solche haben glatte Händ …
Für die ist frisch, fromm, frech und frei
der Klassenkampf schon längst zu Ende –
Die und der 1. Mai!
Was wissen die vom Klassenkrieg…!
Die schützen sich vor ihrer eigenen Republik –!«

– »Na, laß man, Alter, die Beschwerde.
Ich weiß, dass etwas in uns singt:
Wacht auf, Verdammte dieser Erde,
die stets man noch zum Hungern zwingt!«
– »Wir wissen, Alte, was wir lieben:
den Klassenkampf und die Partei!
Wir sind ja doch die Alten geblieben
am 1. Mai! Am 1. Mai!«

Unter dem Pseudonym Theobald Tiger im Jahr 1930

Zuschauer

Aber wir lassen es andre machen.
Fontane

In Oberammergau in weiter Halle
sitzt ebenso erschüttert wie geneppt,
die Menschenschar bei dem Posaunenschalle
und sieht, wie man den Christ zu Kreuze schleppt.
Sie lauschen jenem großen Oratorium.
Ungläubige spenden Gläubigen Applaus.
Ein paar acteurs. Ein Riesen-Auditorium.
Sie sehn nur zu. Tun nichts. Und gehn nach Haus.

Es dampft Berlin. Bei schönstem Sommerwetter
ist knackend voll der ganze Sportpalast.
Das macht: Es boxt doch heute Breitensträter!
Na Mensch, wenn du das nicht gesehen hast!
Die Frauen schaun verzückt ein Suspensorium.
Die Männer boxen nicht. So sehn sie aus –!
Ein paar acteurs. Ein Riesen-Auditorium.
Sie sehn nur zu. Tun nichts. Und gehn nach Haus.

Wir sind zweihundert.
Seit vier deutschen Jahren
schießt man uns einen nach dem andern ab.
Allein in Krach und Not und in Gefahren.
Schon liegen unsre Besten still im Grab.
Wo seid ihr, Freunde? Müssens nur wir tragen?
Für wen wird eigentlich dieser Kampf geschlagen.
Bleibt das nun so? Ists nur ein Provisorium?
Wir stellen immer uns allein heraus.
Ein paar acteurs. Ein Riesen-Auditorium.
Sie sehn nur zu. Tun nichts.
Und gehn nach Haus.

Unter dem Pseudonym Theobald Tiger im Jahr 1922

Zum nächsten Putsch!

Sie sitzen vorn am Steuerrad
und fahren, fahren, fahren.
Den Fahrschein, den der Fahrer hat,
der wechselt schon seit Jahren.

Die Bahn scheint glatt. Der Weidenstumpf
erzählt von Feuchtigkeiten.
Die ganze Gegend ist ein Sumpf!
Sie sitzen da und gleiten.

Die Bahn scheint glatt. Des Volkes Ruf –
sie nehmen ihn für Jubel.
Am Wege blitzt ein Pferdehuf –
sie sehns nicht in dem Trubel.

Sie sehn nicht Roß und Reisige,
nicht Ehrhardt und Gesellen.
Sie glitschen hart am schwarzen See…
Die Hupe hörst du gellen.

Halt ein, Chauffeur, du fährst in den Tod!
Hör zu auf der Unken Gesang!
Die falsche Warnungstafel schreit: Rot!
Und du fährst den vierten Gang.

Da knattert dein Wagen und stöhnt und biegt
in die letzte Kurve hinein.
Und wenn die Karre dann unten liegt,
wills keiner gewesen sein.

Unter dem Pseudonym Theobald Tiger im Jahr 1920

Zum ersten Mal

Eines Tags in Chemie schloß ich eine Wette
und ich raucht fröhlich die erste Cigarette.
Ach! Da wurde mir so weh und krank,
und da verschwand ich plötzlich stundenlang;
mir schien, ich platzt vor Nikotin,
ich hört im Bauch die Dämpfe ziehn!
Zum ersten Mal, zum ersten Mal,
da langts nicht her noch hin!
Mir war so schwül im Sinn!
Weil ich noch ein Anfänger bin!

Eines Nachts kam ich leis an die Mädchenstube,
und ich guckt, denn ich weiß: Anna ist kein Bube.
Ach! Das hab ich gar zu gern gemocht,
und da da hab ich an die Tür gepocht.
Die Maus, sie sagt: »Da wird was draus!«
Doch gleich warf sie mich wieder raus!
Zum ersten Mal, zum ersten Mal,
da langts nicht her noch hin!
Mir war so schwül im Sinn!
Weil ich noch ein Anfänger bin!

Neulich macht meine Lo eine kleine Reise,
und ich rutscht ebenso auf ein Nebengleise!
Ach! Da packte mich die große Scham,
weil ich vom Regen in die Traufe kam.
Und doch, die Liebe kriegt ein Loch,
an diesem Mädchen krank ich noch!
Zum ersten Mal, zum ersten Mal,
da langts nicht her noch hin!
Mir war so schwül im Sinn!
Weil ich noch ein Anfänger bin!

Unter dem Pseudonym Theobald Tiger im Jahr 1920