Wiederaufnahme

Dem Präsidenten des Reichsgerichts,

Herrn Ehrendoktor Bumke, dargewidmet

 

Erster Verhandlungstag

Der Vorsitzende: Na und – –?

Die Zeugin: Und – da ist er eben …

Der Vorsitzende: Was?

Die Zeugin (schweigt)

Der Vorsitzende: Aber sprechen Sie doch … es tut Ihnen hier niemand etwas! Außerdem stehen Sie unter Ihrem Eid!

Die Zeugin (ganz leise): Da ist er eben die Nacht bei mir geblieben … ! „Wiederaufnahme“ weiterlesen

Wendriners setzen sich in die Loge

Szene aus einer Revue von Alfred Polgar und Theobald Tiger

Er: Wir hätten doch ‘n Auto nehmen sollen.
Sie: Ich habs gleich gesagt. Du hast nicht gewollt.
Er: Du hast nicht gewollt.
Sie: Das ist großartig! Wer hat nicht gewollt? Du! Wie wir an der Ecke Geisbergstraße gestanden haben, da kam noch eins – mit dir ins Theater zu gehen, das ist ein Vergnügen.
Er: Es hat doch überhaupt nicht angefangen.
Sie: Natürlich hats längst angefangen! Sieh dir doch die Leute an – die kommen doch nicht alle pünktlich! Wir haben mindestens drei Bilder versäumt. Hast du ‘n Zettel?
Er: Nein. Es war keine Zeit mehr –
Sie: Nie kaufste den Zettel. Gib mal das Opernglas her. Was kommt jetzt? „Wendriners setzen sich in die Loge“ weiterlesen

Theater

Szenen aus einer Revue von Alfred Polgar und Theobald Tiger

Die Bühne stellt die Stube des kleinen Mannes dar, in der aus Stühlen, Bänken, Kisten und anderen Sitzgelegenheiten eine Art Zuschauerraum gebaut wurde. Hinten ein Fenster, mit Vorhang abgeschlossen, der wie ein Theatervorhang bemalt ist. Davor Lichter, in der Art von Rampenlichtern. Die ganze Familie ist als Theaterpersonal beschäftigt. Der Vater als Sitzanweiser, die Mutter sitzt an der Kasse, die Tochter verkauft Programme, der Sohn Schokolade und Eis, ein anderer Sohn sitzt am Klavier.

 

Mutter: Wir haben nur noch ein paar Sitze in der dritten Reihe, Papa.

Vater: Die Freikarten für die Presse schneiden uns ins Fleisch.

Tochter: Kommt Ihering? „Theater“ weiterlesen

Konfusion um Zeisig

Zu Linke Poots nächstem 50. Geburtstag
Der erste Schwerhörige:
»Gehn Sie angeln –?«
Der zweite Schwerhörige:
»Nein! Ich geh angeln –!«
Der erste Schwerhörige:
»So! Ich dachte, Sie gingen angeln –!«

Gespräch

Drei Männer, auch Herren genannt, sitzen um einen Wirtshaustisch. Der eine scheint ein lockerer Zeisig zu sein: die beiden andern sind gewöhnliche Menschen des Alltags und der Allnacht. In der Ecke druselt ein Kellner; in der Ecke steht ein Grammophon. Jetzt gehts los. Das heißt: es hat schon lange losgegangen – aber für uns gehts erst jetzt los. Jetzt gehts los.

Der Tagherr: Also noch einmal –: was wollen Sie?
Der lockere Zeisig: Ich verpflichte mich, dieses Grammophon ohne Nadel und ohne Membrane spielen zu lassen! „Konfusion um Zeisig“ weiterlesen

Der kranke Zeisig

Für Grete Wels

 

Wartezimmer bei Professor Latschko, dem großen Endokrenologen für externe Internie. Zeisig – der bekannte Herr Zeisig, der Sohn des Kaplans Zeisig – sitzt auf einem Stühlchen und hat gelesen: ›Bade-Anzeiger‹ des Kurorts Bad Stargard; Verzeichnis der Heilbäder der Uckermark; Verzeichnis der Fußbäder im Oberen Lötschtal; ›Velhagen und Klasings Monatshefte‹, März 1919. Herr Zeisig will grade lesen: ›Velhagen und Klasings Monatshefte‹, April 1897, da öffnet sich die Tür des Sprechzimmers, und eine volle Dame, die so krank ist, dass sie vor Stolz keinen ansieht, geht, für etwa 45 Mark geheilt, heraus. Die Tür schließt sich. Pause. Eine Schwester erscheint. Sie trägt eine sterilisierte Tracht und gleitet sanft dahin; sie sieht aus wie ein Geheimrat im Finanzministerium auf Rollen. Bitte! sagt sie. Zeisign ist auf einmal sehr gesund ums Herz. Er will da nicht hinein. Er muß. Er tritt also ins Konsultationszimmer des Herrn Professor Latschko. Gediegene Inneneinrichtung. Alles atmet den Geist hoher Wissenschaft und strenger Honorare. Zeisig seinerseits wagt kaum zu atmen. Denn der Professor sitzt an seinem Schreibtisch und schreibt emsig sowie auch würdevoll. Er ist ein älterer, straffer Mann, bartlos, nur seine Seele trägt eine Brille; männliche Energie und etwas Sacharin-Lyrik, erworben im Verkehr mit gut zahlenden Patientinnen, haben sich hier gepaart.

Der Zeisig räuspert sich, sehr vorsichtig.

Der Professor schreibt. „Der kranke Zeisig“ weiterlesen

Der kartellierte Zeisig

Bescheiden trippelnd nähert sich unser Herr Zeisig … wie? also gut, mein Herr Zeisig … nein, nähert sich unser Herr Zeisig dem Bureaudiener der Andullje-Aktien-Gesellschaft mit beschränkter Haft auf Aktien. Dem Bureaudiener geht der Hintern mit Grundeis; er weiß nicht, ob die Andullje ihm nicht zum nächsten Termin kündigen wird, ein Termingeschäft, das kein tüchtiger Arbeitspender zu verabsäumen pflegt. Doch fragt er den Zeisig grundeisig nach dessen Begehr und tut dann das, was jeder gut geschulte Bureaudiener überall zu tun hat: er läßt ihn warten.

Der Zeisig sitzt im Wartezimmerchen und zimmert und wartet. Auf dem Hof schnattern die Schreibmaschinen; man hört, auch wenn man nicht hinhört, wie sie sagen: »Zuunsermgrößtenleidwesendiesezahlungjetztnichtleisten. « Der Zeisig nickt – er kennt diese Melodie. Andullje – denkt er. Was ist das überhaupt für ein Name? Er ist hierhergekommen, um etwas zu tun, was Zeisige sonst gar nicht machen: er will einen Fühler ausstrecken. Er möchte hören, ob man nicht willens sei, die Kartell-Satzungen zu mildern – die Preise sind zu hoch! Die Andullje könnte, wenn sie wollte … Wer ist die Andullje? Das weiß man nicht. Es ist eine Art Gottheit, mit einigen irdischen Vertretern, die sich aber meistens vertreten lassen, zum Schluß bleibt dann bloß noch der Bureaudiener übrig, und der kann nichts dafür. Man nennt das eine Interessen-Gemeinschaft. Die Preise sind viel zu… – »Sie möchten reinkommen«, sagt der Grundeisdiener, und der Zeisig tut es. „Der kartellierte Zeisig“ weiterlesen