Von kleinen Mädchen

Nach Merkur wollen wir Aphroditen die Ehre geben.
Wie bekannt, schickte die Heimat, als es mit dem ›Menschenmaterial‹ bereits haperte, Mädchen und Frauen ins Heer. Diese weiblichen Hilfskräfte machten bitterböses Blut unter den Soldaten, weil sie wesentlich höher entlohnt wurden, also von der allgemeinen Wehr- und Arbeitspflicht befreit waren, und weil … erröte, Leserin.
Wir wollen uns hier richtig verstehen: es ist selbstverständlich, dass Mädchen unter Männern nicht immer unberührt bleiben, und es wäre doppelt töricht, das zu leugnen, weil wir ja alle wissen, dass neben der Ehe die nicht sanktionierte Liebe eine Selbstverständlichkeit ist. Nicht also darum handelt es sich, dass die jungen Damen mit zarteren Banden als durch die des Vertrages ans Heer geknüpft waren, nicht darum, daß sich so eine Art Weibertroß herausbildete: bezeichnend für die Moral und den Geist der deutschen ehemaligen Armee war nur, wie das geschah. „Von kleinen Mädchen“ weiterlesen

Von großen Requisitionen

Als in Deutschland die ersten französischen Kriegskarikaturen bekannt wurden, die den deutschen Soldaten mit der seit 1870 traditionellen pendule darstellten, tobte ein Entrüstungssturm durch das Land. »Frechheit! Übertreibung! Der deutsche Soldat, der deutsche Offizier stiehlt nicht!«
Wollen sehen.
Es scheint mir ein unbestrittenes Soldatenrecht zu sein, alles zu nehmen, was der kämpfende Mann und die kämpfende Truppe für die Kriegführung und für des Leibes Notdurft gebrauchen. Es ist also nichts dagegen zu sagen, dass durchmarschierende Soldaten Lebensmittel und Seife, Decken und Wagen, Pferde und Verbandsstoffe requirieren. Die Wegnahme wird durch den Requisitionszettel nicht versüßt, aber es bleibt doch wenigstens der Schein eines Rechts übrig.
Bei den erfolgten deutschen Requisitionen ist sorgfältig zu unterscheiden zwischen den raschen Wegnahmen auf dem Marsch und den wohlüberlegten Eigentumsentziehungen während der Besetzung. „Von großen Requisitionen“ weiterlesen

Verpflegung

Wenn der deutsche Soldat das bekommen hätte, was ihm zustand, so hätte er ausgiebig zu essen gehabt. Die Portionssätze waren so berechnet, dass jeder gut damit hätte auskommen können. Der deutsche Soldat bekam aber nur einen Teil seiner Verpflegung – der Rest wurde unterschlagen.
Die Unehrlichkeit begann oben. Jedes Amt, durch das Lebensmittel gingen, behielt sich eine kleine Provision zurück, und schwer lastete auf dem ganzen System die Versorgung der Stäbe. Auf dem Papier stand dem ›Selbstverpfleger‹, dem Offizier, genau so viel zu wie jedem Soldaten, und es gab Offiziere, die die Kühnheit hatten, sich auf diesen nie befolgten Satz zu berufen – in Wirklichkeit war es eine Ausnahme, wenn die Stäbe, beim Bataillon angefangen, fleischlose Tage innehielten. Es galt als selbstverständlich, dass beim Lebensmittelempfang alle seltenern und bessern Nahrungsmittel nicht etwa den kranken Soldaten in den Lazaretten zugeführt wurden, sondern den gesunden Offizieren in den höhern Kommandostellen. Die Lebensmittel fielen von oben wie durch ein Sieb herunter und durch noch ein Sieb und viele – unten blieben als Bodensatz Marmelade und Brot, und das bekam der gemeine Mann. Noch der Kompanieführer betrachtete es als sein gutes Recht, für sich zu empfangen; der Küchenunteroffizier war sein Untergebener und tat das seine. „Verpflegung“ weiterlesen

Offizier und Mann

Das Verhältnis des deutschen Offiziers zum Mann war schlecht. Der Offizier lebte in einer ganz andern Welt und sah den Mann nicht nur von oben herab, sondern außerdienstlich am liebsten gar nicht an. Die Lebenshaltung beider war vollkommen verschieden, und bis zur Lächerlichkeit ungerecht verschieden: der Mann bekam zu Anfang des Krieges dreiunddreißig Pfennige täglich, später etwas mehr – der Offizier, besonders die höhern Dienstgrade, konnten zum großen Teil von ihren Gehältern sparen. Bezeichnend ist, daß – aus Gründen dessen, was man seinerzeit die Disziplin nannte – niemals eine Gebührenordnung der hohem Dienstgrade veröffentlicht wurde oder irgendwo zu haben war. Diese Gehaltsregelung war geheim und hatte auch allen Grund, es zu sein.
Von einem kameradschaftlichen Zusammenarbeiten der Truppe mit ihren Offizieren war nur in den Augenblicken äußerster Anspannung und Gefahr die Rede. In allen andern Fällen stelzte der Offizier mit gelangweiltem Blick vor der Front herum, grüßte nachlässig oder gar nicht, wenn er einem ›Kerl‹ begegnete, und befleißigte sich grundsätzlich derjenigen Verachtung, die einem deutschen Soldaten nun einmal von seinen Vorgesetzten zukam. Es gab, selbstverständlich, viele Ausnahmen – betrachtet wird hier der Geist, der das deutsche Offizierkorps beherrscht hat, und der war schlecht. Es kam dem Offizier niemals in den Sinn, dass er doch grade so gut wie jeder Mann die Lasten des Krieges zu tragen habe – er beanspruchte und erhielt ohne weiteres das Zwanzigfache an Lohn und Verpflegung, und seine Quartiere standen in keinem Verhältnis zu den meist jämmerlichen der Mannschaften. „Offizier und Mann“ weiterlesen

‘Dienstlich’

In Diedenhofen hat ein Leutnant einen Fähnrich erschossen. Bei einer nächtlichen Sauferei: der Leutnant erklärte schlucksend, er wolle sich nunmehr das Leben nehmen. Nun, das sagt man schon so des Nachts um halber zwölf. Aber dem da schien es ernst zu sein, denn er zog einen Revolver und fuchtelte damit herum. Der Fähnrich, der das Unheil kommen sah, nahm seinem betrunkenen Vorgesetzten das Schießgewehr weg. Darauf wurde der nüchtern und »befahl wiederholt dem Fähnrich dienstlich«, ihm den Revolver zurückzugeben. Was dieser auch tat, – der Leutnant holte sich von seinem Burschen Patronen und schoß den Fähnrich tot.
Es wird Sache der Gerichte sein, sich mit diesem Tatbestand näher zu befassen. Wir haben uns bloß mit dem Wort ›dienstlich‹ zu beschäftigen. Es steht immer in diesen Berichten, die wir zur Genüge kennen. Wenn ein Offizier eine Weibergeschichte hat, einen Zusammenstoß mit Vorgesetzten aus privaten Gründen, – immer wird die Sache irgendwo dienstlich. Bis dahin stand man sich als Mitmensch und Gegner gegenüber, – wenn man aber nicht mehr weiter kann, befiehlt man ›dienstlich‹. Praktisch: die Kommandogewalt gilt immer. Das ist eine gefährliche Waffe in Händen von Leuten, die noch nicht weit genug sind, um zwischen Privatverhältnissen und dem Dienst zu unterscheiden. Im Gegenteil: nachts um zwei, wenn man nicht mehr gerade stehen kann, hört die Gemütlichkeit, aber auch der Dienst auf. „‘Dienstlich’“ weiterlesen

‘Aufgezogen’

Die deutsche Sprache ist um ein schönes Wort reicher. Erfunden haben es die Offiziere im Krieg, und so ist es ins Volk gedrungen, und weil es das ist, was der lateinische Grammatiker eine ›vox media‹ nennt – wir anderen sagen: Verlegenheitswort –, so erfreut es sich großer Beliebtheit und wird beinahe so oft angewandt wie ›nicht wahr?‹ – Das neue Wort heißt ›aufziehen‹.
Für ›aufziehen‹ hat Sanders zwölf Erklärungen, aber die neue ist nicht dabei. Man zieht ein Uhrwerk auf, die Segel werden aufgezogen, die Wache zieht auf, und die Wolken ziehen auf, man zieht jemanden auf, verspottet ihn … aber Sanders, der gute, alte Mann, wußte noch nicht, dass man auch einen ›Laden aufziehen‹ kann. Einen Laden aufziehen – das heißt: Schwung in die Sache bringen. ›Das Geschäft wird ganz groß aufgezogen‹ – das heißt: es steht auf finanziell breiter Basis. ›Wir werden das Ding schon aufziehen‹ – das heißt: wir werden es schon machen.
Aber nun gehts weiter: Fragen werden aufgezogen, Untersuchungen werden aufgezogen, eine Propaganda ist gut aufgezogen, es ist so ein richtiges Soldatenwort, denn es paßt immer.
Wustmann nennt solche Wörter Modewörter, – sie kommen und gehen und lange gehalten hat sich noch keines. Wer sagt heute noch ›voll und ganz‹ ohne die Anführungsstriche mitzusprechen? Wer sagt noch ernsthaft ›unentwegt‹? Wer ›naturgemäß‹? Von ›schneidig‹ ganz zu schweigen. Man trägt sie alle nicht mehr.
Es ist eine neue Zeit aufgezogen, in der die Soldaten nicht mehr so aufziehen wie früher, und wenn wir die neuen Vorschriften auf Pappe aufziehen, sehen wir, dass wir andere Kinder aufziehen als damals. Aber immerhin: es wird schon werden. Wir müssen es nur richtig aufziehen.

Unter dem Pseudonym Peter Panter im Jahr 1919

… zu dürfen

Eine der schauerlichsten Folgen der Arbeitslosigkeit ist wohl die, dass Arbeit als Gnade vergeben wird. Es ist wie im Kriege: wer die Butter hat, wird frech.
Es ist nicht nur, dass die Koalitionsrechte der Arbeiter und nun gar erst die der Angestellten auf ein Minimum zusammengeschmolzen sind, dass ihre Stellung bei Tarifverhandlungen immer ungünstiger wird, weil bereits das Wort ›Tarif‹ bedrohliche Wettererscheinungen in den Personalbüros hervorruft … auch die Atmosphäre in den Betrieben ist nicht heiterer geworden. Zwar jammern die Arbeitgeber: »Wir können die Untüchtigen so schwer herauskriegen – heutzutage kann man ja niemand mehr kündigen … « keine Sorge: man kann. Und so wird Arbeit und Arbeitsmöglichkeit, noch zu jämmerlichsten Löhnen, ein Diadem aus Juwelen und ein Perlengeschmeide.
»Der Portier, dem Sie da gekündigt haben«, sagte neulich ein Beisitzer zu dem Vertreter des Café Josty, »hat immerhin dreißig Jahre vor Ihrer Tür gestanden … « – Der Vertreter: »Ist es nicht bereits ein Plus, dreißig Jahre vor dem Café Josty stehen zu dürfen?« Und wenn er den ganzen Satz nicht gesagt hat: » … zu dürfen« hat er bestimmt gesagt. Die einen haben das ›Recht‹, für das Vaterland sterben zu dürfen, andre ›dürfen‹ zu Hungerlöhnen arbeiten – wobei denn wieder andre die saure Pflicht haben, vierundzwanzig Aufsichtsratsposten bekleiden zu müssen.
Merk: Wenn einer bei der Festsetzung von Arbeit und Lohn mit ›Ehre‹ kommt, mit ›moralischen Rechten‹ und mit ›sittlichen Pflichten‹, dann will er allemal mogeln.

Unter dem Pseudonym Ignaz Wrobel im Jahr 1930

… das Geld aus dem Fenster!

In Cannes wohnt Herr Chanel aus den USA, und am 6. April dieses Jahres hat er zum großen Entzücken der ortseingesessenen und zugewanderten Bevölkerung eine Handvoll Tausendfranc-Scheine aus seinem Hotelfenster auf die Straße geworfen. Wie uns unser Spezialkorrespondent Theobald Tiger aus Cannes meldet, liegen die Scheine zur Zeit nicht mehr auf der Straße.
Oh, Herr Chanel ist nicht verrückt. Zunächst hat er das nicht zum erstenmal gemacht: schon einmal hat er die Cannesen mit den flatternden blaßblau-rosa Schmetterlingen erfreut. Herr Chanel ist nicht verdreht – er ist nur zu reich. Er muß sehr reich sein; denn der gewöhnliche Haus-Reiche (Homo pecuniosus communis) trägt als Panzer und Aura einen leichten Wams von Geiz; fahre nie mit einem reichen Mann nach Hause, der kein Auto hat – immer wirst du das Auto bezahlen … Herr Chanel muß so reich sein, dass es schon nicht mehr schön ist: denn als er nach Europa herüberfuhr, da verfertigte er auf dem Schiff eine lange Drachenschnur, mit hundert Tausendfranc-Scheinen daran – pro Zettel immerhin 160 Mark – und so ließ er die Schnur im Wasser hinter dem Schiff hergleiten. Dann zog er sie heraus, die Scheine waren alle noch da. »Three cheers auf die Fische –!« rief der Herr Chanel. »Die Fische machen sich wenigstens nichts aus Geld – also sind sie besser als die Menschen!« Ich halte diesen Schluß für leicht anfechtbar; vielleicht nehmen die Fische nur Dollars oder gedeckte Schecks oder nur Naturalien von der Firma Jonas u. Cie., man weiß das nicht genau. Das tollste Stück aber hat Herr Chanel in New York vollbracht. „… das Geld aus dem Fenster!“ weiterlesen