“Das will kein Mensch mehr wissen-!”

Dies ist, glaube ich, das Wort der Zeit:
»Es will kein Mensch mehr wissen!« –
Sehen Sie, früher hat es Sensationen gegeben. Können Sie sich heute noch eine Sensation vorstellen?
Die Leute sind heftig abgebrüht. Da klatschen ihnen nun seit dem Krieg die Zeitungen die dicken Überschriften ins Gesicht – das kannte man vorher nicht, und in der ersten Zeit gab es über jede Schlagzeile eine neue Aufregung. »Namur genommen!« – »Antwerpen unser!« – »348756 Gefangene!« – Und die Menschen liefen zusammen wie die Ameisen. Das hat sich heftig gelegt.
Vom vorigen Frieden will ich gar nicht reden. Wenn damals der selige Kronprinz ein Patent auf Manschettenknöpfe erfunden hatte, dann genügte das dem Metropol-Theater für ein ganzes Jahr und Julius Freund für eines seiner himmlischen Couplets. Und wenn dann auf der Bühne der Name ›Willy‹ fiel und einer der Schauspieler sich nur auf die Hemdknöpfe sah, dann lachte das ganze Haus – denn jeder verstand gleich, was gemeint war. Und weil so erfreulich wenig passierte, deshalb hielt sich dergleichen auch im Gedächtnis, und die sechs Ereignisse des Jahres hatte jeder am Schnürchen. „“Das will kein Mensch mehr wissen-!”“ weiterlesen

“Das kann man doch noch gebrauchen-!”

Es sind ja wohl die herztausigen Amerikaner, die die verschiedenen ›Wochen‹ erfunden haben: die Bade-Woche, die Unfallverhütungs-Woche und die Mutter-Woche und die Zähnefletsch-Woche … und was man so hat. Und einmal war auch die ›Bodenaufräumungs-Woche‹ dabei. Gar kein schlechter Gedanke …
Denn nur bei einem Umzug oder, was dem nahe kommt, bei einem Brandunglück entdeckt die Familie, was sie alles besitzt, was sich da alles angesammelt hat, wieviel man ›aussortieren‹ muß, müsse, müßte …
Auf dem Boden, im Keller und in heimtückisch verklemmten Schubladen ruht der irdische Tand. Als da ist:
Fünf Handschuhe (Stück, nicht Paar, und immer eine ungerade Zahl); acht Bleistiftstummel; ein Tintenwischer, unbenutzt (Geschenk von Fritzchen – »Wirf das nicht weg, man kann das noch gebrauchen!«); ein Porzellanschäfer ohne Kopf; ein Kopf ohne Porzellanschäfer; ein Bohrer; ein Haufen Flicken; 40 Prozent alte Kaffeemaschine; eine durchlöcherte Blechbadewanne; siebzehn Holzknebel, für zum Paketetragen; Emailletöpfe mit ohne Emaille; ein Füllfederhalter; noch ein Füllfederhalter; eine wacklige Petroleumlampe; Flicken. „“Das kann man doch noch gebrauchen-!”“ weiterlesen

“d’ailleurs”

Wo der Deutsche auf jemand »beese« ist, hat der Franzose seine médisance, die leise tötet. Eine der feinsten Giftzähne dieser Schlange heißt: »d’ailleurs« – übrigens … so ganz nebenbei …
»d’ailleurs« liegt in Relativsätzen eingebettet, am Anfang oder am Schluß, und unbeweglichen Gesichtes tötet der »salonnard«, wie Daudet das nennt, seinen Feind, und wenn es gar eine »salonnarde« ist, dann kann man etwas erleben. Kommt bei uns die Rede auf einen Unbeliebten, dann krempeln sich die Männer die Ärmel hoch, die Frauen laufen rot an und nehmen einen Anlauf (»In welchen Salons verkehren Sie, Herr Panter?« – In Ihrem, gnädige Frau), und los gehts, dass die Späne stäuben. Nichts davon in Frankreich. „“d’ailleurs”“ weiterlesen

“Bitte – fädeln Sie mal ein…”

Neuestes Experiment für Individual-Psychologen

Mache diesen Versuch:
Bitte eine dir bekannte Frau, eine Nadel einzufädeln. Sie wird es tun – und dabei wird sie den Faden in das Nadelöhr hineinstecken.
Bitte einen dir bekannten Mann, eine Nadel einzufädeln. Er wird es, nach anfänglicher Verwunderung, tun (»Wozu? Was soll denn das? Können Sie das nicht selbst?«) – und dabei wird er die Nadel über das Faden-Ende stülpen.
Dieses erfüllt mich mit größter Verwunderung. Warum ist das so? Warum ist das immer so? Liegt hier ein tiefer Unterschied zwischen der weiblichen und der männlichen Natur begründet? Was ist es? Welches Symbol liegt da verborgen? Warum stülpen die Männer, wenn es nicht grade Schneider sind, oder Leute, die berufsmäßig mit winzigen Gegenständen zu hantieren haben? Warum fädeln nur die Frauen ein? Weil man es ihnen so beigebracht hat? Aber man hat ihnen doch mancherlei beigebracht, und sie benutzen oft ihre eigene Methode und handeln nach ihrem eigenen Kopf! Was geht hier vor sich –? „“Bitte – fädeln Sie mal ein…”“ weiterlesen

“An alle Frontsoldaten!”

Der Verfasser (eines gleichnamigen Pamphlets des Scherl-Verlages) greift meine Arbeiten, die ich in der ›Volkszeitung‹ und in der ›Weltbühne‹ über das böse Thema Offizier und Mann veröffentlicht habe, heftig an. Nicht deshalb nehme ich hier das Wort, um ihm zu antworten. Wir kennen alle diese läppischen Einwände: »Ich kenne Ihre Kriegsstammrolle nicht im einzelnen.« – »Die republikanische Staatsgewalt aber regt sich heute mit keinem Finger, wenn ein Judasgeist von dem Popanz der Ehre eines Führerkorps zu sprechen wagt … « – »Hetzartikel«. – »Judas Ischarioth«. – Es ist, wie wenn ein gefaßter Dieb dem Schutzmann sagt: »Sie haben aber mal früher eine Disziplinarstrafe gehabt!« – Die steht nicht zur Diskussion. Es geht um den Dieb.
Und ich glaube, wir haben ihn. Bilden sich diese Herren ein, noch heute einem gescheiten Mann einreden zu können, dass es etwa im Felde nicht ungerecht und verlogen hergegangen sei? Glauben sie, wir wüßten nicht alle, wie sich der deutsche Offizier immer und immer wieder einen guten Tag gemacht hat – auf wessen Kosten denn? Glauben sie, saubere und anständige Leute ließen sich noch jemals eine ›geistige Mobilisation‹ gefallen, wie sie eine Wiederaufrichtung der empörendsten Unfreiheit zu nennen belieben? Sie wünschen einen Wahrheitsbeweis? „“An alle Frontsoldaten!”“ weiterlesen

“Ah, M…!”

»Die Garde stirbt, doch sie ergibt sich nicht«, ist bekanntlich nicht ganz so gesprochen worden. Man findet in Hugos ›Les Misérables‹ die richtige Version: der gute alte General Cambronne, dieser französische Götz von Berlichingen, hat bei Waterloo den Engländern vielmehr ein einziges Wort entgegnet, sein Wort – »ein derbes, aber im Soldatenmunde nicht ungewöhnliches Wort«, wie Büchmann bemerkt.
Dieses Wort, das, wie wir aus zuverlässiger Quelle erfahren, in Frankreich auch hier und da von Zivilisten gebraucht werden soll (und das der deutsche Soldat in seiner Sprache nicht minder häufig anwendete) – dieses Wort ist jetzt, ohne dass die Kuppel einstürzte, in der französischen Akademie ernsthaft diskutiert worden. Louis Bertrand, der auf dem Stuhle von Maurice Barrès sitzt, war da, Jean Richepin desgleichen und andere mehr.
Ist ›Merde‹ französisch? Darf mans anwenden? Gehört es in das Große Wörterbuch der Akademie? Das sind schwierige Fragen. Nach langen Beratungen ergab sich folgendes Resultat:
›Merde‹ ist ein französisches Wort, aber nur als Substantiv. Als Ausruf, als Antwort, als Urteil – etwa in der Bedeutung: »Ich bin mit der Ansicht des Herrn Vorredners nicht ganz einverstanden!« ist es dagegen nicht zugelassen. „“Ah, M…!”“ weiterlesen

‘Wir von der Unter-Tertia’

I

Wenn sich zwei Jungen kabbeln –: das ist einfach. Wenn sich aber zwei Klassen kabbeln –: was ist dann –?
Dann kann jeder Junge, der klug ist und nicht nur ein Hammel in der Herde, so recht sehen, wie merkwürdig Menschen sind, die eine Gruppe bilden.
Jeder von euch weiß, dass man nur ein halbes Jahr in derselben Gemeinschaft zu leben braucht, um folgende Entwicklung durchzumachen: Erst ist man schüchtern und ein ›Neuling‹, dann gewöhnt man sich; dann kann man mitreden; dann ist man ›alter Mann‹ – und langsam, langsam überkommt jeden, der lange dabei ist, das Gruppengefühl: »Wir von der Unter-Tertia« … darin ist so viel Stolz, – ja, worauf eigentlich?
Es ist der Stolz auf die Gruppe. Jeder, ausnahmslos jeder, der in einer solchen Gruppe, in einer Schulklasse, in einem Tennisverein, in einem Ruderklub lange sitzt, bekommt dieses Gruppengefühl, und das ist ja soweit auch ganz in Ordnung. Die Gruppe, der Verein, die Klasse –: sie haben ihre bestimmten Eigentümlichkeiten, sie lachen vereint, sie hassen vereint, sie lieben vereint – sie leben zusammen, sie haben sogar dieselbe Sprache; da gibt es kleine Witze, die nur die Angehörigen der Gruppe verstehen, und alles das bindet sie fest zusammen. Wenn sie anständige Kerle sind, so treten sie auch für einander ein, alle für einen, einer für alle – dergleichen ist noch gut und bejahenswert und richtig. Aber, ich denke, man sollte das alles nicht übertreiben. „‘Wir von der Unter-Tertia’“ weiterlesen

Zur Erinnerung an den ersten August 1914

Die Ausführungen, die unter dem Titel ›Militaria‹ in den Nummern 2 und 4 bis 9 dieses Jahrgangs der ›Weltbühne‹ erschienen sind, haben in der deutschnationalen Presse keine ernsthafte Kritik, wohl aber Beschimpfungen hervorgerufen. Der deutsche Offiziersbund zu Berlin hat an den preußischen Kriegsminister die Anfrage gerichtet, ob es nicht möglich sei, gegen mich wegen dieser Ausführungen Strafantrag zu stellen.
Die Aufsätze enthielten folgende Behauptungen:
Die Stellung des deutschen Offiziers zum Mann war etwa die eines Dresseurs zu einem verprügelten Hund. Das Offizierkorps hat sich im Kriege auf dem Dienstwege Verbesserungen in der Verpflegung verschafft, die ihm nicht zukamen. Das Offizierkorps hat von unrechtmäßigen Requisitionen seiner Angehörigen gewußt und hat sie stillschweigend geduldet. Der deutsche Offizier hat in sittlicher Beziehung im Kriege versagt. Der Geist des deutschen Offizierkorps war schlecht. „Zur Erinnerung an den ersten August 1914“ weiterlesen

Unser Militär

Das rekelt sich und gähnt und sauft und hurt
und tut (versteht sich) Dienst voll Zucht und Strenge.
Ein Lustspiel von der Menge für die Menge.
So sieht Welt aus vor der Person Geburt.
Christian Morgenstern

Die Offiziere tragen immer Handschuhe, wenn sie auch schmutzig sind.
Regiebemerkung zu einem Theaterstück

Wir haben in den vorigen Heften der ›Weltbühne‹ betrachtet, wie es in der deutschen Armee zugegangen ist: ein trüber Haufe voller Qual und Greuel, Weltenklüfte zwischen Offizier und Mann, Unterschlagung und Diebstähle von Lebensmitteln zugunsten der höhern Ränge, Requisitionen ohne Ziel und Maß, falsche Schwäche und falsche Härte den fremden Landeseinwohnern gegenüber, Vaterländischer Unterricht, Mantel der Lüge über all den Jammer und alle Verbrechen: ›Unser Militär‹. Aber unbeirrbar steht der deutsche Spießer, nein, der deutsche Bürger da, der Patriot quand-même er wirft sich in die Brust, Abner der Deutsche, der nichts gesehen hat, und als seien Krieg und Zusammenbruch nicht gewesen, ruft er stolz tönend in die Lüfte: »Unser Militär!«
Wie ist das zu erklären? Wie kann ein Volk gedeutet werden, das nach allem, was geschehen ist, nach allem, was es erfahren und gelitten hat, den verlorenen Krieg als einen kleinen Betriebsunfall ansieht – »Reden wir nicht weiter darüber!« –, und das heute, heute am liebsten das alte böse Spiel von damals wieder aufnehmen möchte: die Unterdrückung durch aufgeblasene Vorgesetzte, ein Deutscher tritt den andern und ist stolz, ihn zu treten, die schimmernden vergötterten Abzeichen, der Götze Leutnant – »unser Militär!« Wie ist das zu erklären?
Die militaristische Schande Deutschlands ist nur möglich gewesen, weil sie die tiefsten und schlechtesten Instinkte des Volkes befriedigt hat. „Unser Militär“ weiterlesen

Vaterländischer Unterricht

Wir haben gesehen, dass bei der alten deutschen Armee in der Verpflegung, in der Behandlung der Mannschaften durch die Offiziere, in Verwaltungsangelegenheiten die schlimmsten Mißstände geherrscht haben. Es bleibt nach wie vor verwunderlich, dass die deutsche Öffentlichkeit nicht vor dem Zusammenbruch darein, Einsicht bekam, umso mehr, als doch viele Soldaten ganz offen die allgemeine Verrottung erörterten.
Die vergiftende Arbeit des berüchtigten Kriegspresseamts hat hier das ihre getan. Wie diese traurige Behörde (übrigens ein Dorado aller reklamierten Reichen) die Zeitungen und die Landsleute in der Heimat behandelt und belogen hat, haben andre aufgezeigt. Der Laden der Luisenstraße wirkte aber auch vor allem ins Heer; wer zuerst Ludendorff den Gedanken eingegeben hat, die Soldaten über das Elend und den Jammer mit Flugschriften und Phrasen, mit Feldzeitungen und Reden hinwegzutäuschen, steht dahin: nach den ersten Kriegsanleihen begann jedenfalls ein prasselndes Agitationsfeuer über das Heer hereinzubrechen.
Die Taktik des Vaterländischen Unterrichts war wie die alte deutsche Regierung: hinterhältig, von oben herab und durchtränkt von der Unterschätzung aller Menschen, die nicht Offiziere und Regierungsassessoren waren. Daß man den armen Soldaten, die froh waren, wenn sie etwas zu essen hatten, ihren Urlaub bekamen und einmal aus dem allgemeinen Tanz heraus waren, falsche Zahlen über den U-Boot-Krieg und über Amerika auftischte, mochte hingehen – das tat man mit der Heimat auch nicht anders, und das Klappern gehörte schließlich zum schmutzigen Handwerk. „Vaterländischer Unterricht“ weiterlesen