Wofür?

Gleich Kindern laßt ihr euch betrügen,
Bis ihr zu spät erkennt, o weh! –
Die Wacht am Rhein wird nicht genügen,
Der schlimmste Feind steht an der Spree.

Georg Herwegh

Am 1. August habe ich hier auseinandergesetzt, wofür zwölf Millionen Menschen in vier Blutjahren ihr Leben gelassen haben. Die wenigen Zeilen haben genügt, auf einer Tagung des Reichsbanners einen Teil seiner Führer zu einer feierlichen Bannbulle gegen ›Das Andere Deutschland‹ zu veranlassen. Nachdem der Streit nun eine Weile hin- und hergegangen ist, scheint es mir, als seinem Veranlasser, richtig, ein paar Worte dazu zu sagen.
Der moderne Krieg hat wirtschaftliche Ursachen. Die Möglichkeit, ihn vorzubereiten und auf ein Signal Ackergräben mit Schlachtopfern zu füllen, ist nur gegeben, wenn diese Tätigkeit des Mordens vorher durch beharrliche Bearbeitung der Massen als etwas Sittliches hingestellt wird. Der Krieg ist aber unter allen Umständen tief unsittlich. Es ist nicht wahr, dass in unsrer Epoche und insbesondere in der Schande von 1914 irgend ein Volk Haus und Hof gegen fremde Angreifer verteidigt hat. Zum Überfall gehört einer, der überfällt, und tatsächlich ist dieses aus dem Leben des Individuums entliehene Bild für den Zusammenprall der Staaten vollkommen unzutreffend.
Wer Zeit und Lust hat, mag einmal einen gebundenen Jahrgang seines Morgenblattes aus dem Jahr 1914 durchblättern. „Wofür?“ weiterlesen

Wo waren Sie im Kriege, Herr –?

Que faisiez-vous en 1870? Cette interrogation, si fréquente aujourd’hui encore, n’aura plus de sens pour la prochaine génération.

Léon Bloy

Als die Druckerschwärze um den Tod Paul Cassirers haushoch aufspritzte, gewann eine nationale Zeitung über sich, dem Toten einen schwarzweißroten Lappen ins Grab nachzufeuern: der schwärzeste Tag in seinem Leben sei der gewesen, wo man ihn in den feldgrauen Rock habe stecken wollen; da habe er den Tod gefürchtet, der ihm jetzt so willkommen gewesen sei. In goldenen Lettern leuchte auf diesem Grabstein: Drückeberger.
Ich weiß nicht, was Paul Cassirer im Kriege getan hat, und es ist mir auch ganz und gar gleichgültig. Weil ich aber weiß, was die meisten Deutschen – auch Pazifisten – antworten, wenn man ihnen die Frage stellt, wo sie denn im Kriege gewesen seien, so scheinen mir einige Bemerkungen angebracht. „Wo waren Sie im Kriege, Herr –?“ weiterlesen

Wo sind sie –?

Was an wirklichen Führerqualitäten im deutschen Volke steckt, hat man während des Krieges in brenzlichen Situationen dann gesehen, wenn der abgestempelte Achselstückträger Fehlanzeige gemeldet hatte und die Leute – besonders auf kleinen Kommandos – auf sich angewiesen waren. Die alles niedertrampelnde Militärpädagogik hatte immerhin doch noch einige richtige Kerls übriggelassen, die nicht wegen ihrer, sondern trotz ihrer wirkliche Männer geblieben waren. Um diese scharte sich, wenns drauf ankam, die Gruppe der Kameraden, die ja, wie jede Gesamtheit, ein sehr feines Gefühl für psychische Stärke hatten.
In den Revolutionstagen, in jener kurzen Zeit, wo das alte Preußen den Atem anhielt und sich nicht aus den Löchern hervortraute, in die es sich verkrochen hatte – da zeigten sich hier und dort überraschende Erscheinungen, die plötzlich ohne Vorkenntnisse, ohne Erfahrung und ohne Ausbildung alle Grade des preußischen Tschins überhüpft hatten und kraftvoll und spielend zugleich das in sechs Stunden erledigten, was ein königlich preußischer Oberregierungsrat in einer Woche lahm zu verkorksen pflegte. Mir sind viele solche Beispiele bekannt geworden, wo einfache Leute in ihrer Eigenschaft als Vorsitzende des Soldatenrates, als »Kommandanten«, als Leiter und Führer jedes Grades eine Geschicklichkeit, eine Menschenkenntnis, eine Umsicht und eine Energie entwickelten, die bewiesen, dass man diese Dinge nicht nur lernen, sondern auch besitzen kann. Zugegeben, dass viele, einmal zur Macht gelangt, nur die Untugenden ihrer verhaßten Vorgesetzten übernahmen und mit Geschäftsordnungsdebatten, preußischen Schikanen und jenem dämlichen Dünkel pensionsberechtigter Spießer all das weiter trieben, was sie von jenen zu erleiden gehabt hatten. Aber eine Reihe von Männern war doch ersten Ranges und wußte Menschen zu führen, zu lenken, anzufeuern und zu bremsen. „Wo sind sie –?“ weiterlesen

Wo sind die Buchenwälder unserer Jugend?

Hat die Welt um 1890 anders ausgesehen als heute? Das hat sie schon: Autos sind nicht dagewesen und der Rundfunk auch nicht, und so viele große Siedlungen hat es noch nicht gegeben … aber das allein kann es nicht sein. Es muß noch etwas anderes die Erdoberfläche verwandelt haben – oder ist es vielleicht nur unser Kopf?
Die Stadt war höher, weil wir kleiner waren; der Kullerball war fettig-rot, es war unser zweiter Ball, und so frisch glänzend wie er waren unsere Eindrücke; der achte Ball war nur noch rot, der zweiundzwanzigste nur noch Ball – wie lange haben wir nun schon keinen mehr in der Hand gehabt! Der Hund war vielmehr Hund als heute – es gibt von den Sachen Komparative und Superlative; und auf dem Land – ja, das war es, was ich sagen wollte.
Das Land war ländlicher. Es roch richtig nach Land, die Wälder blauten am Horizont, aber so weit sahen wir wohl gar nicht: wir hatten so viel mit dem Naheliegenden zu tun! Teich und Plankenwagen und Misthaufen steckten voller Wunder – der Bach war unendlich lang, nie ging man bis an das Ende, das gab es gar nicht, und der Rand der Wiese war bedeckt mit den langen Stengeln der Blumen. Heu deckte alles zu. „Wo sind die Buchenwälder unserer Jugend?“ weiterlesen

Wo hängen unsere Briefkästen –?

Der Plan, der zweifellos in irgendeiner Dienststelle des Reichspostministeriums existiert und auf dem die Briefkästen der Stadt eingezeichnet sind, muß ein merkwürdiges Mosaik ergeben. Gehst du geschäftswandelnd (denn lustwandelnd, das gibt es in Berlin nicht) – gehst du durch die Stadt und achtest einmal darauf, wo so die Briefkästen angebracht sind, dann wirst du etwas Eigentümliches sehen. Nach eifrigem Studium bin ich dahintergekommen, dass die berliner Briefkästen überhaupt nicht angebracht sind – sondern der Briefkastenvogel ist über die Stadt dahingeflogen und hat sie, hier einen Klacks und da einen, einfach fallen lassen. Und da backen sie nun fest, irgendwo: am Vorgitter einer ganz stillen Straße, verschmitzt an der Rückseite eines Bahnhofs; verborgen unter Bäumen und fast unsichtbar um die Ecke … „Wo hängen unsere Briefkästen –?“ weiterlesen

Wo bleiben deine Steuern? II

Wir haben hier voriges Mal betrachtet, welchen Anteil die Reichswehr an ihrem Fünfmilliardenetat hat. Stolz weht die Flagge Schwarz-Weiß-Rot auch über der Verschwendungssucht der königlich republikanischen Marine. Die Marine hat eine Haushaltsstärke von 14920 Köpfen. Diese 14000 Leute werden von 1111 Beamten verwaltet, so dass also auf je 14 Mann ein Schreiber kommt. Der allgemeine Werftbetrieb der Marine ist mit 78283480 M. veranschlagt. Die Kosten für die Admiralität (die der Heeresleitung entspricht) betragen allein 9124965 M., also annähernd ein Neuntel des Werftbetriebes. Man muß aber sehen, was es da alles gibt: die paar Schiffe, die man uns gelassen hat, haben immerhin noch acht Kontreadmirale, drei Vizeadmirale und was sich alles in der Admiralität herumdrückt, ist nicht zu sagen. „Wo bleiben deine Steuern? II“ weiterlesen

Wo bleiben deine Steuern? (Vor mir liegt der Entwurf des Reichhaushaltsplanes)

Vor mir liegt der Entwurf des Reichshaushaltsplanes für das Rechnungsjahr 1920. Im ersten Bande befindet sich der Haushalt des Reichspräsidenten, des Reichstags, des Reichsministeriums, des Reichskanzlers und der Reichskanzlei, des Reichsministeriums des Auswärtigen, des Reichsministeriums des Innern, des Reichswirtschaftsministeriums, des Reichsarbeitsministeriums, des Reichswehrministeriums. Die Haushalte der ersten sieben Dienststellen nehmen zusammen 313 Seiten ein – der Haushalt des Reichswehrministeriums umfaßt 255 Seiten.
Der Gesamtetat für das Heer von hunderttausend Mann einschließlich der Marine beträgt für das Rechnungsjahr annähernd fünf Milliarden Mark.
Diese Organisation, die bestenfalls eine ungeschulte Polizeitruppe darstellt und ohne Erlaubnis der Entente niemals vor den Feind kommen kann, ist noch nicht zwei Jahre alt. Am 9. November 1918 war das deutsche Volk aufgewacht und hatte erkannt, dass ein schlimmerer Feind als der jenseits der Schützengräben hinten in seinen Generalkommandos saß. Im Januar 1919 sammelte sich der Sozialdemokrat Gustav Noske mit einem Grafen Bismarck Offiziere und Mannschaften von der Straße auf, bekämpfte mit ihnen die klassenbewußten Arbeiter, schützte die Banken und erreichte in kürzester Zeit, dass ein neues Heer erstand. Ein Heer, das aus der großen Zeit jene verschwenderische Überorganisation, jenen bunten und lauten Apparat übernahm, ohne auch nur eine Leistung der alten kaiserlichen Armee aufweisen zu können. Die Arbeit, die da geleistet wird, ist ganz und gar eine Arbeit in sich. Die Reichswehr erinnert an eine Lokomobile, die das Holz, mit dem sie geheizt wird, selbst sägt. „Wo bleiben deine Steuern? (Vor mir liegt der Entwurf des Reichhaushaltsplanes)“ weiterlesen

Wo bleiben deine Steuern –? (Ein Konfektionsschneider)

Ein Konfektionsschneider ist vor einiger Zeit ins Reichswehrministerium gegangen und hat sich dem General Heye mit zwei Briefen vorgestellt: einer vom deutschen Botschafter in Paris unterzeichnet, der andre vom Reichspräsidenten Hindenburg. In den Briefen wurde das Reichswehrministerium angewiesen, dem Überbringer, Freiherrn von Schenk, 75000 (fünfundsiebzigtausend) Mark »für diplomatische Dienste« zu überweisen; die etatsmäßige Regelung würde später erfolgen. Die Briefe waren gefälscht. Der Betrüger gab als seine Wohnung ein berliner Hotel an; und er hätte diese fünfundsiebzigtausend Mark auch bar bekommen, wenn er nicht, von plötzlicher Nervosität erfaßt, das Hotel fluchtartig verlassen hätte. Zehn Minuten zu früh. Der Bote des Reichswehrministeriums war mit dem Geld schon unterwegs. „Wo bleiben deine Steuern –? (Ein Konfektionsschneider)“ weiterlesen

Wir Negativen

Wie ist er hier so sanft und zärtlich! Wohlseyn will er, und ruhigen Genuß und sanfte Freuden, für sich, für andere. Es ist das Thema des Anakreon. So lockt und schmeichelt er sich selbst ins Leben hinein. Ist er aber darin, dann zieht die Qual das Verbrechen und das Verbrechen die Qual herbei: Greuel und Verwüstung füllen den Schauplatz. Es ist das Thema des Aischylos.
Schopenhauer

Es wird uns Mitarbeitern der ›Weltbühne‹ der Vorwurf gemacht, wir sagten zu allem Nein und seien nicht positiv genug. Wir lehnten ab und kritisierten nur und beschmutzten gar das eigene deutsche Nest. Und bekämpften – und das sei das Schlimmste – Haß mit Haß, Gewalt mit Gewalt, Faust mit Faust.
Es sind eigentlich immer dieselben Leute, die in diesem Blatt zu Worte kommen, und es mag einmal gesagt werden, wie sehr wir alle innerlich zusammenstimmen, obwohl wir uns kaum kennen. Es existieren Nummern dieser Zeitschrift, die in einer langen Redaktionssitzung entstanden zu sein scheinen, und doch hat der Herausgeber mutterseelenallein gewaltet. Es scheint mir also der Vorwurf, wir seien negativ, geistig unabhängige und von einander nicht beeinflußte Männer zu treffen. Aber sind wirs? Sind wirs denn wirklich?
Ich will einmal die Schubladen unsres deutschen Schrankes aufmachen und sehen, was darinnen liegt.
Die Revolution. Wenn Revolution nur Zusammenbruch bedeutet, dann war es eine; aber man darf nicht erwarten, dass die Trümmer anders aussehen als das alte Gebäude. Wir haben Mißerfolg gehabt und Hunger, und die Verantwortlichen sind davongelaufen. Und da stand das Volk: die alten Fahnen hatten sie ihm heruntergerissen, aber es hatte keine neue. „Wir Negativen“ weiterlesen

Wir hätten sollen …

Alexander Moszkowski hat einmal die Gefühle einer Familie nach der großen Sommerreise geschildert; in dieser Schilderung begannen alle Sätze mit den Worten: »Wir hätten sollen … – Wir hätten sollen schon am Freitag abreisen – wir hätten sollen über den Brenner fahren – wir hätten sollen nicht den großen Koffer mitnehmen« – und es hörte auf: »Wir hätten sollen überhaupt zu Hause bleiben!« –
Wir hätten sollen … das ist ein nachdenkliches Wort. Wenn ich es auf meinem Gedankenklavier, der Schreibmaschine anschlage, klingt es lange nach – es ist fast wie ein Thema, das mit vielen Variationen gespielt werden kann. Wir hätten sollen … „Wir hätten sollen …“ weiterlesen