Zörgiebel in Paris

Der berliner Polizeipräsident hat seinen pariser Kollegen, den geschäftigen Herrn Chiappe, besucht, und bei dieser Gelegenheit hat er auch die pariser Verkehrseinrichtungen besichtigt. Man sieht ihn in den illustrierten Blättern neben einem pariser Schutzmann stehen, der links ist der Präsident, und im großen ganzen hat es dem Herrn Zörgiebel hier ganz gut gefallen. Was wird er nach Hause bringen –?
Anregungen. Vorschläge. Die »panneaux«, die überall aufstellbaren Tafeln für die Wahlplakate. Neue Möglichkeiten der Verkehrsregelungen … Nur eines wahrscheinlich nicht, und es ist auch nicht gewiß, ob er das in den paar Tagen gesehen hat und hat sehen können. Das ist die weiche Nachgiebigkeit im pariser Straßenverkehr.
Die Pariser sind keine Engel. Hier kommen Autoroheiten vor, wie in aller Welt – erst neulich haben sie wieder einen Mann in der Provinz verknackt, weil der in der Besoffenheit erst einen Passanten umgefahren hat und dann ausgekniffen ist – dergleichen Urteile sind in Frankreich von höchst erzieherischer Härte. „Zörgiebel in Paris“ weiterlesen

Zeppelin

Der Zeppelin ist vor seiner Abreise nach Amerika auf einer Probefahrt über die deutschen Lande geflogen und hat einer ganzen Nation die Köpfe – nach oben hin – verdreht. Was dachten sich die Leute, als sie ihn fliegen sahen?
Sie dachten sich: »Na – endlich wieder!« Sie dachten sich: »Deutscher Fleiß und deutsche Erfindungskunst! Wir« – als ob jeder einzelne das Luftschiff miterfunden hätte – »wir sind doch die Allerersten!« Und dann, ganz offensiv: »Wir werdens den Brüdern schon zeigen!« Welchen Brüdern und was man ihnen zu zeigen gedächte, das blieb meist unausgesprochen und oft auch ungedacht.
Gemeint war:
Die Eroberung der Absatzgebiete mit Waffengewalt. Auch mit Waffengewalt auf dem Luftwege, was erfahrungsgemäß immer – wen trifft? Die Nichtkombattanten, Frauen, Kinder, Greise und Oberkommandos. Gemeint war: Wilhelm der Zweite noch einmal.
Während sich die englische Arbeiterregierung bemüht hat, den theoretischen Anforderungen ehemaliger Opposition unter Ausgleichung an reale Postulate so weit wie möglich entgegenzukommen; während in Frankreich ein deutlich erkennbarer Ruck nach links vor sich gegangen ist, unter dem die Räumung der Ruhr vereinbart, politische Gefangene befreit, bei allen Verhandlungen mit Deutschland in Genf und in Paris Konzilianz bezeigt worden ist; während alle darüber nachsinnen, dem neuen Völkerbund wenigstens ein bißchen Leben einzuhauchen – währenddessen rast in Deutschland, wo man sechs Jahre nach solchem Zusammenbruch ernsthaft um Bürgerblock oder gar »Rechtsregierung« schachert, die alte imperialistische Furie. „Zeppelin“ weiterlesen

Zehn Prozent

Jeden Sonnabend hat dir der Mann mit der Mütze die kleine gelbe Lohntüte gegeben und du hast dir die zwei blauen Scheine herausgenommen und noch das übrige kleine Geld gezählt, was drin war. Es langte nicht weit, denn wenn du damit nach Hause kamst, bekam die Frau das meiste, und dir blieb nicht allzu viel.
Es ist noch weniger geworden.
Jetzt fehlen ein paar Scheine. Und wenn du auf dem Nachhauseweg nachrechnest, so merkst du auf Heller und Pfennig was fehlt. Zehn Prozent.
Und während du die lange Straße mit den trüben Laternen und dem fahlen Himmel darüber heruntergehst, zur Bahn, überlegst du dir langsam, was wohl mit den Scheinen da, mit dem Geld, das man dir abgezogen hat, geschieht.
Die Gelder werden wohl zusammengerechnet, die abgeknappsten Löhne von dir und deinen Kameraden, und durch irgendeine Verrechnung wird das Ganze dem Staat überwiesen. Nun hat es der Steuerfiskus. Und was macht der damit? „Zehn Prozent“ weiterlesen

Zehn Gebote für den Geschäftsmann, der einen Künstler engagiert

1.

Laß ihn in Ruhe.

2.

Überlege dir vorher, ob der Mann für deinen Betrieb paßt; das machst du am besten so, dass du dir seine Werke ansiehst und dich bei jedem fragst: Kann ich das gebrauchen? Wenn du die Mehrzahl nicht gebrauchen kannst, dann engagiere den Mann nicht. Denn:

3.

Wenn ein Künstler anständig ist und etwas taugt, ändert er sich dir zuliebe nicht, nur weil du mit ihm einen Vertrag gemacht hast – ändert er sich aber, hast du nur einen Namen bezahlt, also einen Mann überzahlt.

4.

Laß ihn in Ruhe.
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Zahlende Literatur

Neben der wertvollen Literatur läuft schon von jeher ein schmaler oder auch breiter Strom Druckpapiers, in dem schon viele jämmerlich ersoffen sind.
Ich meine nicht Blumenthal oder Fulda, die durch Produktion von einem Hektoliter Makulatur monatlich viel Geld gemacht haben.
Es gibt da einen unendlichen Troß armseliger Schreiber, die falscher Ehrgeiz und erstaunliche Unkenntnis über fremdes und eigenes Können verleitet, folgendes Puppenspiel aufzuführen:
In stillen Nachtstunden, wenn andere Bürger an nichts Böses denken, kauen diese Tichter an den Federhaltern und legen schlechte Reime auf das Papier. Dann schreiben sie an einen der hierfür unrühmlichst bekannten »Verlage« (besser Druckereien). Gewiß, »wir würden uns freuen, Ihr geschätztes Werk in unseren Verlag übernehmen zu können … « allerdings – – die Kosten – dafür muß der Tichter garantieren, das heißt sie bezahlen – denn kaufen tut das Buch kein Mensch. „Zahlende Literatur“ weiterlesen

Wozu haben wir einen Reichstag?

»Herr Schlesinger! Herr Schlesinger!
Wir haben Konkurs anmelden müssen!
Sie haben auch Geld verloren:
270000 M. 45 Pfennig!«
»Wieviel Pfennig?«

Der Hauptausschuß des Reichstages berät augenblicklich den Fünf-Milliarden-Etat der Hunderttausend-Mann-Reichswehr. Die Beratung geht so vor sich, dass sich bei jedem Posten schüchtern ein Volksvertreter erhebt, leise eine Kleinigkeit an den Millionen zu bemängeln wagt – und dann erhebt sich in voller Kriegsbemalung einer der Generale mit den alten kaiserlichen Abzeichen, wickelt den Laien ein: Bewilligt. Der nächste Posten …
Man hat einige kleine Abstriche vorgenommen. Man hat ein paar von den 125 Obersten gestrichen, man hat hier ein bißchen reduziert und da ein bißchen weggenommen, man hat sogar einmal die Kosten für Waffen und Heeresgerät um 65 Millionen verringert … Bewilligt wurden: Pferde, Seelsorger, Heeresanwälte, Brieftauben, Musiker und Stellen, Stellen, Stellen.
Man glaube nicht, dass es an einer Opposition gemangelt hat. Herr Stücklen von der Mehrheitssozialdemokratie machte den revolutionären Vorschlag, für den Titel Oberintendantursekretär die Bezeichnung Verwaltungssekretär einzuführen. Aber schließlich haben wir keinen Bolschewismus in Preußen. „Wozu haben wir einen Reichstag?“ weiterlesen

Woran liegt das –?

Auf der Tagung des Vereins deutscher Eisenhüttenleute in Düsseldorf hat jüngst der Herr Springorum ein Referat gehalten, in dem auch von der Unfallverhütung die Rede gewesen ist. »Er klagte«, steht im Bericht, »über die mangelnde Mitarbeit und die Gleichgültigkeit der Arbeiterschaft, die bisher nicht zu überwinden gewesen sei.« (Hier hat der Bericht einen tiefen grammatischen Fehler gemacht.) »Er glaubt eine Ursache hierfür in der Überspannung der sozialen Unterstützung durch Krankengeld usw. zu sehen. Hier sei noch viel zu bessern. Die Bekämpfung der Unfallverhütung in Wort und Schrift, wie sie bisher üblich gewesen, sei in der letzten Zeit einem direkten Widerwillen bei der Arbeiterschaft begegnet.« Ja, woran liegt das?
Es ist ungemein bezeichnend für die Gesinnung, die in deutschen Arbeitgeberkreisen herrschend ist, dass Herr Springorum, der nicht ohne seinen Generaldirektortitel ausgeht, zunächst einmal die doch so kümmerliche soziale Hilfe tadelt, die der Staat den Arbeitern gewährt. Abzuschaffen ist allemal das Krankengeld »und so weiter« – denn, sagt sich der Herr Generaldirektor, wozu wird der Arbeiter noch künftighin aufpassen, wenn er seinen abgesägten Arm doch reichlich bezahlt bekommt? Er bekommt ihn mit Gold aufgewogen. Und wer muß dieses Gold bezahlen? Die Eisenhütten, die von ihrem Reinverdienst bekanntlich zehn Prozent abliefern, wie ihre Angestellten auch … „Woran liegt das –?“ weiterlesen

Wohnung suchen in Paris

Es gibt in Paris 1600 Wohnungen, die die Stadt gebaut hat – und demgegenüber stehen etwa 60000 Familien, die offiziell um Unterkunft gebeten haben. Das sieht in der Praxis so aus:

Wohnungsämter gibt es nicht; das nötige Quantum Umständlichkeit, Korruption, Heuchelei und Unannehmlichkeiten bringen die Wohnungsagenturen auf. So ein Agent hat in der Stadt mehrere ›démarcheurs‹ herumlaufen, die ihm anzeigen, wo eine Wohnung frei ist. Der Agent ist in den seltensten Fällen vom Hausbesitzer legitimiert, die Sache zu vertreten – er weist nur Adressen nach. Kommt der Abschluß zustande, so erhält er vom Mieter 10% der ersten Jahresmiete – und um überhaupt kontrollieren zu können, ob der Mieter durch seine Vermittlung gemietet hat, tritt häufig wiederum der démarcheur in Tätigkeit, und der erfährt das seine durch die Portierfrau.
Die Portierfrau … Mund, hier hast du zu schweigen, Worte sagen es nicht … Dieses alte Polizeiinstrument vertritt sehr häufig den ›gérant‹, den Hausverwalter, so dass wir also an folgender Stufenleiter ehrfürchtig emporsehen: Hausbesitzer – gérant – concierge. „Wohnung suchen in Paris“ weiterlesen

Wohltätigkeit

Davon ist man jetzt eigentlich ganz abgekommen: Gutes zu tun. Es ist nicht modern.
Wohltätigkeit ist zwar nach Multatuli immer ein Zeichen dafür, dass etwas faul ist im Staate – und das ist auch richtig. Aber ich muß doch sagen, dass es mir heilsamer erscheint, bis zur endgültigen Lösung der sozialen Frage wenigstens persönlich etwas, ein klein wenig nur, für die Armen und Heruntergepolterten zu tun, als einfach die Hände in den Schoß zu legen. Es ist niemals so schwierig gewesen, Leute für eine wohltätige Spende heranzubekommen, als grade jetzt.
Dabei ist sehr merkwürdig, daß, zum Beispiel, die ältern, früher in Wohlstand befindlichen Familien immer noch eher etwas geben als jene neuen Reichen, die doch eine beschränkte Lebensführung aus eigner Anschauung kennen. Nein, die wollen nicht. Und das Gefühl dafür, dass es eigentlich eine Art Pflicht ist, andrer zu gedenken, wenn man selbst viel verdient – dieses Gefühl ist fast ganz verlorengegangen. „Wohltätigkeit“ weiterlesen

Wohlanständige Wohltätigkeit

Ihr kennt alle den deutschen Sammelunfug. Wofür wird gesammelt? Für die Erhaltung des Deutschtums in Nieder-Honolulu; für ein Bismarck-Wöchnerinnenheim an der Oberspree; für die vertriebenen Mitglieder des Kegelklubs Ludendorff in der Oberlausitz; für weiß der Teufel was. Und viele geben. Was geschieht mit dem Geld?
Vor dem Kriege lebte in Paris ein Fräulein Hedwig Bürke als wissenschaftliche Hilfsarbeiterin. Sie hatte es nicht leicht, sich durchs Leben zu schlagen. In Paris lernte sie eine Größe bei einem deutschen Hilfsverein kennen, eine Frau K. Diesem Inbegriff aller germanischen Tugenden gab Fräulein Bürke aus der Gefangenschaft einen Brief nach Deutschland mit, als Frau K. Frankreich verlassen konnte. Die K. beging hier eine strafbare Handlung: sie öffnete den Brief. Der Brief war an den katholischen Seelsorger von Fräulein Bürke gerichtet; er enthielt, was die K. erwartet hatte, einige unfreundliche Äußerungen über die Tätigkeit des deutschen Hilfsvereins. Der Hilfsverein in Paris arbeitete so, wie die ›bessern‹ Auslandsdeutschen gemeinhin arbeiten, wenn sie sich in Rudeln vereinigen – unter Anwendung aller deutschen Untugenden, als da sind: kriechen nach oben; treten nach unten. Fräulein Bürke kehrte im Dezember 1915 nach Deutschland zurück. „Wohlanständige Wohltätigkeit“ weiterlesen