Canzonetta

Das Elend Berlins ist von der Stadtbahn aus nicht zu sehen.

Bellevue. Fahrt Ihr einmal auf euern Wegen
durch das Gewirr der Häuser in Berlin –
es dampft der Zug durch grauen Großstadtregen,
Ihr seht den Droschkentrott, die Bahnen ziehn -,
fahrt ihr da oben, seht Ihr in die Zimmer
der Hinterhäuser, seht die Wäsche wehn
Doch wer da wohnt – da habt Ihr keinen Schimmer,
Das kann man von der Stadtbahn aus nicht sehn.

Fahrt Ihr da oben, seht Ihr die Paläste,
die goldene Kuppel unsres Reichstagbaus,
den Friedrichstrich … die Friedrichstraßengäste
und hier und da ein großes Pressehaus.
Da sitzt der Chef und informiert die Leute.
Er kann für Wilhelm, Kapp und Nosken grade stehn
Und welche Überzeugung hat er heute?
Das kann man von der Stadtbahn aus nicht sehn.

Fahrt Ihr da oben, seht Ihr in die Stuben.
»o Ein Mädchen zieht sich scherzend grad herum
mit einem blonden, langen, frischen Buben –
vorbei. Nun gar nichts mehr. Wie ist das dumm!
Man sieht so gern, wenn andre Leute lieben.
Wie mag das wohl mit jener Kleinen gehn?
War sie noch keusch? War sie noch unbeschrieben?
Das kann man von der Stadtbahn aus nicht sehn.

Da liegt Berlin. in öligen, bunten Flecken
zieht Mutter Spree, andante wie zumeist.
Wo mag sich Kapp & Lüttwitz wohl verstecken?
Und wo ist nun der neue saubre Geist?
Wir bauen um, hörst du den Kanzler sagen.
Was ist denn nur bis jetzt dazu geschehn?
Und wann wird man sich an die Achselstücke wagen?
Das kann man von der Stadtbahn aus nicht sehn.

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