Buschkämpfer

Es begann so, dass im November vorigen Jahres das Faß zum Überlaufen voll war und nun überlief: der Katerschnurrbart preußischer Strammheit fiel schlaff herunter, der Kaiser floh, die Soldaten ließen Kanonen und Offizierkasinos stehen und liegen – der Krieg war aus. Revolution?
Wie, wenn es nun eine wirkliche Revolution geworden wäre?
Und damit die nicht etwa eines Tages kommen könnte – denn noch ist sie nicht gekommen –, deshalb erstand uns ein Retter, und dieser Retter ist der Antibolschewismus.
Was gibt es nicht alles! Da gibt es Arbeitsbünde und allgemeine deutsche Heimatschutzorganisationen, Osthilfevereine und Bünde zum Schutze der deutschen Kultur und Ligen zum Zusammenschluß der Volkskraftverbände – und das schießt wie die Schimmelpilze aus dem Boden und vermehrt sich wie die Karnickel, nur ohne so nützlich zu sein wie diese.
Oh, diese Vereinigungen waren nicht müßig. Sie verschandelten ganz Berlin mit derart fürchterlichen Plakaten, dass die kleinen Hunde an den Straßenecken, die mit den Plakaten geschäftlich zu tun hatten, den Blasenkatarrh bekamen: sie überschwemmen uns mit Drucksachen, sie halten Versammlungen ab und vertreiben sich auf die reizvollste Art die Zeit. Denn weiter haben sie nichts zu tun.
Wer sie bezahlt, das weiß man nicht. Nun ginge uns das Ganze nichts weiter an, wenn es nicht eine verdammt ernste Seite hätte.
Dieses Treiben vergiftet den anständigen politischen Kampf. Dieses Blatt hier steht gewiß nicht in dem Verdacht, bolschewistische Ideen zu begünstigen, und meine Kameraden und ich haben hier immer, wenn es uns nötig erschien, kräftig auch nach links hin die Wahrheit gesagt, selbst auf die Gefahr hin, dass es dort manchen Ohren nicht gefällig erklang. Wir sind auch heute noch der Meinung, dass eine uneingeschränkte Räterepublik für Deutschland nicht das richtige wäre. Aber wir erörtern diese Frage doch sachlich. Wir erkennen an, dass die Vertreter des Rätesystems ernsthafte Politiker sind, mit denen zu reden ist, dass sie das Beste wollen und erstreben, und dass letzten Endes im Bolschewismus ein tief religiöser Gedanke steckt – der nur nicht zu verwirklichen ist. Das Ganze wird im ehrlichen Meinungswechsel ausgemacht. Aber diese anderen da –?
Sie stehen nicht an, mit den plumpsten und dümmsten Mitteln seit Monaten den braven Bürgern und auch den gutgläubigen Arbeitern in die Köpfe zu trommeln, dass jeder, der auch nur um Haaresbreite anderer Meinung sei als sie, ein Schuft wäre, ein Verbrecher, ein versoffener Lump, ein Dieb, ein Mörder und ein Plünderer – kurz: ein Bolschewist. Sie verbreiten systematisch den Glauben, dass jeder politisch Radikale eine Bombe bei sich trägt, einen kleinen Schlagring und eine Taschenkanone. Meine Lieben, das waren die Waffen des alten Systems, und es ist noch gar nicht so lange her, dass mit diesen Vorstadtmitteln solche verfolgt wurden, die da glaubten, es gäbe doch noch etwas Höheres als jenes stumpfsinnige »Durchhalten«, das diesem Lande die Existenz gekostet hat.
Davon aber wollen die Antibolschewisten nichts wissen. Die schlimmsten und übelsten Fälschungen sind ihnen gerade gut genug.
Wer sie bezahlt, das weiß man nicht. Sie predigen tagaus, tagein. Sie sind unermüdlich, Drucksachen zu verschicken, Tabellen an die Mauern zu pappen, die Leute in großen und kleinen Versammlungen zu betrügen. Denn immer mehr wird deutlich, wohin sie zielen und wen sie eigentlich meinen. Sie meinen den Fortschritt.
Pensionierte Majore und alte Beamte, denen das ein Dorn im Auge ist, dass nun endlich einmal Ernst gemacht werden soll, dass nun endlich – vor allem auf dem Lande, wo es am bittersten not tut – ein paar bevorzugten Familien das Heft aus der Hand geschlagen werden soll – diese Kreise, unterstützt durch Mächtigere, malen den Teufel an die Wand. Mit einem Bubu aber schreckt man Kinder. Keine erwachsenen Politiker.
Wer sie bezahlt, das weiß man nicht. Und es ist eine maßlose politische Unanständigkeit, den Gegner jeder kriminellen Straftat zu verdächtigen, ihm alle Ausschreitungen aufs Konto zu setzen, die den Umständen so sehr wie der Zeit entspringen. Es ist unwahr. So hat man seinerzeit unter dem Sozialistengesetz gearbeitet –: der Sozialdemokrat (der heute Ministerpräsident ist) wurde den schaudernden Bürgern als Säufer, als Nichtstuer und Tagedieb, als Strolch und Lumpenkerl vorgestellt. Das verbitterte, und der Erfolg war schließlich der neunte November 1918.
Wer sie bezahlt, das weiß man nicht. Aber man ahnt es. Denn wenn Kaufleute mit neuen Waren das Land bereisen und die Straßen durchwandern, wer bezahlt dann Buschkämpfer, die die ahnungslos des Weges Ziehenden aus dem Unterholz her anzuschießen bestellt sind?
Eine alte, untaugliche, mit Recht des Landes verwiesene Konkurrenz.

Unter dem Pseudonym Ignaz Wrobel im Jahr 1919

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *