Bunte Gläser

Bei den französischen Antiquaren in der rue des Saints-Pères sind so schöne, alte bunte Gläser zu sehen – mögen Sie die auch so gern? Altes böhmisches Glas und rauchiges Glas, eingeschliffene matte Hirsche und Jäger springen um den dicken glasigen Becher herum, man kann mit der Hand die tiefen Konturen nachfühlen … Und man kann sich an den Farben freuen. Die Antiquare sind im allgemeinen recht nette Leute – wenn sie erst heraushaben, dass man garantiert eine Queen Änn nicht von einem Provangsakrug unterscheiden kann, geht es ganz gut. Und immer, wenn wir uns darüber geeinigt haben, dass ein Stück ›de l’époque‹ nicht unter Viertausend zu haben ist, und ich dann sagen muß: »Ja, leider bin ich kein indischer Schriftsteller mit einem Gewand; und dass ich in Czernowitz geboren bin, ist auch nur so ein frommer Wunsch der ›Deutschen Tageszeitung‹« – , dann nehme ich anstandshalber, und obgleich das gar nicht nötig ist, ein buntes Glas mit. Da stehen sie. Man kann sie ans Licht halten und durchgucken.
Mattes Gelb. Die ganze Straße ist gelb, die Wolken auch, die Hunde auch. Einer steht an einer Ecke und macht etwas. Gelb auf Gelb kann man nicht sehen – der Eckstein bleibt leer, ein seltsames Naturspiel. Drüben, am Bretterzaun vom Neubau, ist ein Riesenplakat hingepinselt: ›Chacun son tour‹ von Charles Humbert, dem Senator, den Poincaré vor das Kriegsgericht und in den Graben von Vincennes haben wollte, wo man im Krieg die Spione erschossen hat. Humbert, der viel Geld und viel Kopf hatte, hielt durch. Vorn im Buch ist er unter seinen Granaten und Geschossen abgebildet, die er immer wieder für Frankreich gefordert hat; wie ein dicker, guter Papa sieht er auf seine konischen Kinder herunter. Die flogen davon, in Menschenfleisch zum Beispiel – Papa blieb da. Der Umschlag auf dem Buchdeckelplakat am Zaun ist mächtig, häßlichgelb, schwefelgelb, gemeingelb – das ist so bei den politischen Büchern. ›Chacun son tour‹ – nur nicht drängeln, mal kommt jeder ran. Nein, manche kommen nicht mehr dran. Manche können sich nicht mehr rühren, bleiben stumm, faulen verscharrt oder lebendig im Gefängnis. Wie traurig die Straße auf einmal aussieht – das ist kein schönes Glas. Ein andres!
Rubinrot. Ah, das ist eine wollüstige Sache. Der Himmel blutend rot, wie wenn der liebe Gott das Jüngste Gericht für kleine Leute herbestellt hätte: pompös, donnernd, so recht etwas fürs Volk. Sehr hübsch, sehr nett, lieber Gott! Drüben an der Ecke steht eine fette, kleine Dame mit roten Strümpfen, tiefroten Schuhen, vor ihr ein junger Mann, der ihr einen unpassenden Witz erzählt, sie lacht so rotzahnig. Wird sie rot? Rot gegen Rot hebt sich auf – sie wird nicht rot. Unten verkauft einer eine Zeitung, die hat eine rote Überschrift. Aber seltsam: auch dieses sozialdemokratische Organ ist nicht rot. Es gibt vielerlei Rots auf der Welt: venetianisches Rot, böhmisches Rot – und ein mild gefärbtes Rosa, das gern zum Abendrot und zur Bildung regierungsfreundlicher Oppositionsparteien verwendet wird. Vorwärts, ein andres Glas!
Blau. Da ist zu sehen: ein unveränderter Himmel, bläuliche, leicht besoffene Wolken, ein blaues Pferd, ein ganz angeblauter Mann – es wird ein Deutscher sein, der Paris besucht, ganz berauscht, sicherlich ist es ein Herr Landsmann, man kann das daran erkennen, dass er so aussieht, als warte er immer auf etwas, was noch kommen soll hier in Paris … Es kommt aber nichts. »Blau ist die Liebe – blau sind die Polster im Puff« singt schon der große Marcellus O. Schiffer. Da kommt so eine – der Deutsche ihr gleich nach. Eine französische Zeitung hat neulich so definiert: »La Française se donne – l’Allemande s’y prête.« (Was etwa zu übersetzen wäre: ›Die Französin gibt sich hin, die Deutsche gibt sich dazu her‹ – Krach, Protest sämtlicher deutscher Frauenvereine, Ausweisung des Störenfrieds, Glocke des Präsidenten. Übrigens ist das Wort falsch.) Und wer kommt denn da? Blau gegen Blau hebt sich auf: das ist Joachim Ringelnatz – ich sehe gar nichts mehr.
So kann man sich mit bunten Gläsern stundenlang vergnügen. Aber gestern habe ich eins gekauft, freilich nur ein gegossenes – das ist so kommun, ich mags Ihnen gar nicht zeigen. Aber es ist doch merkwürdig. Es ist schwarz. Es ist, wie es schon in den Wirtinnenversen heißt: es ist aus schwarzem Glase. Ich gehe damit im Zimmer umher und gucke in den Spiegel. Und da stehe ich und warte auf die Honorare der deutschen Zeitungen, die mich aus der ›Weltbühne‹ nachdrucken. Und da kann ich schwarz werden.

Unter dem Pseudonym Peter Panter im Jahr 1925

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *