Berlin und die Provinz

Wenn der berliner Leitartikler von Deutschland spricht, so gebraucht er gern den fertig genähten Ausdruck ›draußen im Lande‹, was eine groteske Überschätzung der Hauptstadt bedeutet. Denn Niveau, Basis und Fundament Deutschlands liegen ›draußen im Lande‹ – und wieweit Berlin davon auch nur ein Exponent ist, bleibt zu untersuchen.
Was den republikanischen Gedanken in jener abgeschwächten Form angeht, in der er bei uns hergestellt wird, so ist zu sagen, dass draußen im Lande nur fleckweise etwas von ihm zu merken ist. Östlich der Elbe sieht es damit faul aus, rechts der Oder oberfaul. Man muß so einen Bericht eines Diskussionsabends der Vereinigung der Republikanischen Presse lesen, um zu fühlen, wie geduldet sie noch alle sind. Ein Regierungsassessor in Arnsberg steht dem Reichsbanner nahe und darf deshalb im Kasino nicht mehr am ›Regierungstisch‹ mitessen; er beschwert sich und wird versetzt: er, nicht der Regierungspräsident. Der gute Wille und der schwere Stand des preußischen Innenministers sollen nicht verkannt werden: die Tradition aus Severings guten Tagen ist noch da. Aber fast immer sind sie in der Defensive, so häufig treten sie schüchtern auf, oft hat man das Gefühl, als entschuldigten sie sich, auf der Welt zu sein. Das ist nicht nur, wie sie immer behaupten, Mangel an geeigneten Leuten – es ist Mangel an Kraft, an Mut, an Stärke.
Aber ganz abgesehen von der Politik wäre zu fragen, inwieweit Berlin die Provinz beeinflußt und wie sie denn mit oder ohne Berlin eigentlich aussieht.
Soweit das ein einzelner sagen kann, möchte ich behaupten, dass Berlin in vielen mindern und einigen guten Gebieten der äußern Zivilisation die deutsche Provinz sehr stark beeinflußt; zum mindesten geht die Entwicklung der Hauptstadt und der Provinzstädte hier parallel. Die Bar, das dumme Revue-Theater, der Amüsier-Betrieb; die ›Aufmachung‹ – das alles findet sich in den größern Provinzstädten fast überall wieder, und sie sind auch noch sehr stolz darauf. Wo aber bleibt, wie man so schön sagt, die Eigenart der Länder?
Sie ist schon da, aber ich glaube, dass der innere Zentralisierungsprozeß große Fortschritte macht. Eine Mechanisierung, eine Automatisierung des Lebens haben eingesetzt, gegen die der föderalistische Gedanke Rückschritt und nicht ungefährliche Romantik bedeutet. Was zum Beispiel Fr. W. Foerster wiederaufbauen will, lebt nicht mehr – er übersieht, dass die Stärkung der kleinen Lebenskreise nicht eine Stärkung der Kultur nach sich zieht, sondern Vorwand für Lokaleitelkeit und eine spanische Wand bildet, hinter der man das bißchen Verfassung noch mehr sabotieren kann als es schon, etwa von Bayern, geschieht. Lieber ein einziges ›Preußen‹ als sechsundzwanzig. Wobei auch für die große französische Presse anzumerken ist, dass Preußen heute einer der freiheitlichsten Bundesstaaten und schon lange nicht mehr der Hort der Reaktion ist.
Berlin aber überschätzt sich maßlos, wenn es glaubt, es sei Kern und Herz des Landes. Der berliner Leitartikler täte gut, inkognito einmal auf ein großes schlesisches Gut zu gehen, auf ein ostpreußisches, in eine pommersche Landstadt – und er wird etwas erleben. Was der Hindenburg-Tag seinerzeit nach Berlin an Schwankfiguren, an Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Zylindern, an hundertjährigen Bratenröcken und Oberförsterbärten ausgespien hat, war nur eine kleine bemusterte Offerte: die Warenlager liegen in den kleinen Städten wohl assortiert und können jederzeit – nicht immer ohne Gefahr – besichtigt werden. Ohne Gefahr dann nicht, wenn etwa der ›Berliner‹ versuchen wollte, Terror, Diktatur und Frechheit der dort herrschenden Bourgeoisie tatkräftig abzudrehen. Kein Gericht stützt ihn da, keine Verwaltungsbehörde, keine Zeitung. Er ist verloren und muß das Feld räumen.
Sieht es in der Kultur der Provinz besser aus –? Kaum.
Die Krisis des dessauer Bauhauses hat es erst jüngst gezeigt, wie es damit steht. Erst haben sie diese schwarz-rot-goldene Juden-Architektur aus Weimar herausgehauen; dann setzte auch in Dessau ein jahrelanger Verleumdungsfeldzug ein, und nun haben sie den Führer, Herrn Gropius, glücklich zur Strecke gebracht. Tatsache ist dies:
Im Augenblick, wo eine künstlerische Institution von den Kommunalbehörden in der Provinz oder Landesbehörden in der Provinz abhängt, ist es mit ihr aus: sie gerät widerstandslos in den reaktionären Muff engstirniger Kleinbürger; freiheitliche Männer werden gekündigt, herausgeekelt, herausgeworfen, und weil der manchmal großzügig denkende Fürst fehlt, der so oft Schöpfer der Landes- oder Städtekultur gewesen ist, so herrscht der kleinliche Provinzler absolut. Natürlich gibt es in den größern Provinzstädten Ausnahmen.
Die sind aber meist machtlos. Es gibt in jeder, ausnahmslos jeder Provinzstadt eine Opposition, die es sehr, sehr schwer hat, und die wir von Berlin aus lange nicht genug unterstützen. Erschütternde Briefe beweisen das, Artikel in kleinen Blättchen, die keiner liest, Broschüren … man betrachte sich beispielshalber das aufschlußreiche Heftchen ›Würzburg eine Provinzstadt?‹ (im Verlag der kulturellen Arbeitsgemeinschaft Würzburg 1927). Wie da gerungen wird; wie da versucht wird, das Gute von außerhalb zu adoptieren und das Eigne zu bewahren – und wie aussichtslos das alles ist, wie uneinheitlich, wie durchsetzt mit Romantik, Phrase, verhülltem Katholizismus (der gefährlicher ist als der offene) – machtlos verbluten diese kleinen Gruppen unter den Mächtigen der Stadt und der Provinz.
Die bürgerliche Provinzpresse ist daran nicht schuld, wie die gutgläubigen Eiferer wahr haben wollen; sie ist nur Symptom und Ausdruck der herrschenden Kaste, die mit allen Mitteln – denen des Boykotts, der Kündigung von Redakteuren, der Entziehung von Inseraten – die Zeitungen zu dem machen, was sie sind: zu einem fast uneinnehmbaren Bollwerk der Reaktion. Eine wirklich schwere Schuld hat die sozialdemokratische Provinzpresse. Von Ausnahmen abgesehen – Beispiel: Zwickau – wird hier dem ›Vorwärts‹ nachgeeifert. Keine Schwierigkeit wird zu Ende gedacht; nichts steht da ohne Reserve; viel zu selten gehen diese Blättchen aus dem engen Parteitrott heraus, und die Folge ist dann, daß, genau wie in Berlin, die jeweilige ›Morgenpost‹ die Massen hat und die Sozialdemokratie das Nachsehen. Das Gebrüll, »die Blätter der Bourgeoisie nicht im Hause zu dulden«, taugt gar nichts; denn solange die Arbeiterblätter die Jugend nicht haben und nicht die Frauen, ohne die bekanntlich ein Erfolg überhaupt nicht denkbar ist, solange liegen eben die andern vorn.
Nun ist aber fast ausnahmslos jedes Gremium von Provinzlern: von Stadtverordneten, Parteisekretären, Kreisausschußmitgliedern oder Bürgerausschüssen künstlerisch reaktionär; ob es um die Kunst oder um die Kultur geht, immer werden diese wichtigmacherischen Konferenzen gegen den Geist entscheiden. Sie können das, weil sie die Macht haben. Die Eiertänze der ›Intendanten‹, wie sich städtische Theaterdirektoren heute gern nennen, die Kompromisse der freiheitlichen Experimentierer legen davon Zeugnis ab. Also bedeutet Berlin die Freiheit? Das ist ein schwerer Irrtum.
Berlin ist nur eine große Stadt – und in einer großen Stadt verschwindet der einzelne, kann die Gruppe ungestörter arbeiten, weil der Kreis derer, der in Köln nur achtzig oder hundert Menschen stark ist, hier in die Zehntausende geht; es ist eben alles mit hundert multipliziert. Aber mehr auch nicht. Denn so groß die negative Freiheit in Berlin ist (»Hier kann man tun und lassen, was man will«) – so klein ist die positive. Man gehe einmal dahin, wo wirklich eine Macht ausgeübt wird: in die Baupolizei, aufs Gericht, in die Schule – und man wird, von zahlreichen freiheitlichen Enklaven abgesehen, auf einen Provinzsumpf stoßen, auf Vorurteile gradezu diluvialer Art, auf unwahrscheinliche Typen, die der Beamtenkörper durch Kooptation aufgenommen hat und die in ihm herrlich gedeihen. Ihr habt alle in der Klasse einen sauren, etwas humorlosen, nicht so wunderschön gewaschenen Mitschüler gehabt, der meist unter den ersten zehn zu finden war – ihr könnt darauf schwören, dass er heute dasitzt und euch regiert. Er ist die unleserliche Unterschrift unter den amtlichen Verfügungen; er begeht die gradezu unverständlichen Schikanen der Verwaltung; er und kein anderer. Auch in Berlin.
Der Vorwurf der Provinz, das berliner Getöse sei nicht Deutschland, ist insofern berechtigt, als tatsächlich der Ruf der großen demokratischen Presse, der Künstler, der freiheitlichen Verbände in keinem Verhältnis zu ihrer wirklichen Macht steht: auf der andern Seite wirkt fast lautlos, immer vorhanden, bedeutend geschickter und vor allem bedeutend rücksichtsloser arbeitend, die Macht der Reaktion, unterstützt von den frommen Wünschen der Börse und der Kaufmannschaft, die in den berliner Premieren Beifall zu ungefährlichen Demonstrationen klatschen.
In der Provinz aber, an hundert verschiedenen Stellen, wird von unsern Leuten gekämpft: um Licht und Luft und Freiheit. Ich glaube nicht, dass ein neuer ›Reichsverband zur … ‹ ihnen helfen kann. Gäbe es aber ein geistiges Reichsbanner, dann wäre ihnen geholfen. Solange es das nicht gibt, scheint es mir Pflicht und Gebot der Klugheit für jeden, der in Berlin eine Machtposition innehat, Energie in die Provinz zu strahlen, statt ihr auf die Schulter zu klopfen. Auf das Geschrei des Landbundes gegen die eigne Hauptstadt gibt es nur eine Antwort: heraus mit der Kraft Berlins, das helle ist, in die Provinz, wo sie dunkel ist.

Unter dem Pseudonym Ignaz Wrobel im Jahr 1928

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