Auf dem Grasplatz

Die Umgebung von Paris ist viel schöner als der Midi, in den die Maler jetzt alle reisen, damit sie unter ihre Bilder setzen können: ›Wäldchen bei Bandol (Mittelmeer)‹ – als ob die Erwerbung einer Fahrkarte das Talent steigerte. Aber der Betrachter hat Respekt – denn was kann schon an einem dran sein, der in der Lüneburger Heide malt … ! Also gut: Paris.
Da steht an einem kleinen See ein Restaurantchen, und noch eins – in der ›boîte chic‹ sind kleine Tische mit Lämpchen und Sonnenschirmchen aufgebaut, eine kleine Terrasse und ein Orchester, das geigt vor sich hin. Aber niemand trägt ein Monokel, und niemand sitzt da, als habe er soeben den ganzen Platz mit eigner Hand genommen und vom Feinde gesäubert. Vor diesem Restaurant stehen auf einem großen Grasplatz lange Holzbänke, darauf trinkt ein Verein mit Damen seinen Kaffee. Eine englische Parklandschaft umschließt das, die Bäume spiegeln sich im Wasser, ein feiner, grauer Nebel liegt über den Grasflächen, es ist sieben Uhr abends.
Was mag das für ein Verein sein –?
Ein Mann hat eine schwarze Brille auf, noch einer, noch einer … Der steht auf und faßt seine Frau unter, er geht so seltsam willenlos, wie wenn die Kleider allein spazierten … Die Brillenmänner sitzen da und hören zu, was die Kleine auf dem Holzpodium ihnen vorsingt, sie macht Gesten, wiegt ein Coupletkindlein, sie hören zu, mit eingesunkenem Hals, heben den Kopf nicht … Es sind Blinde. Kriegsblinde. Ein ganzer Verein. Welcher Gruppe mögen sie angehören? Es gibt in Frankreich zwei Organisationen von Kriegsverletzten: eine neutrale und eine kommunistische. Sie tragen keine Abzeichen.
Sie haben einmal unvorsichtig über den Grabenrand gesehen, da kam es geflogen. Sie sind in der Marschkolonne mitgestolpert, da kam es geflogen. Sie haben, leicht verwundet, im Wäldchen gelegen und waren froh, so davongekommen zu sein – da kam es geflogen. Blut, schwarz war der Himmel, Schreie … Dann das Lazarett, der dicke Verband, die Binde über den Augen, wochenlang … »Es wird schon werden, Geduld, es wird schon werden … « Dann die schonende, vorbereitende Stimme des Arztes, des Priesters, einer alten Schwester … Und das erste ›Wiedersehen‹ mit denen zu Hause.
Das ist lange her. Man hat sich eingewöhnt, die Frauen scherzen und lachen, die Blinden lachen und sprechen, man stützt sie beim Aufstehen, aber das ist mehr eine gesellschaftliche Formalität, die allen ganz natürlich vorkommt. Da geht einer vorsichtig eine Treppe herunter, der Stock tastet vor, einer tanzt, zwei gehen langsam über den Rasen, unmerklich bewegt sich die Frau, die treue Wächterin, hinter ihnen …
Du hast ihnen das Augenlicht genommen, Herr. Sie waren sehend und sind blind in die Schlächterei gezogen; du hast sie blind gemacht, und wer weiß, ob sie sehend geworden sind. Sie bekommen eine staatliche Unterstützung, sie haben eine Gedenkmünze zu Hause, damit sie ja nicht in die Versuchung kommen, den Krieg zu vergessen, ein Endchen buntes Band und ein paar Quadratzentimeter Blech, Eisen oder Emaille – der Staat gedenkt der Seinen. Drum herum sitzen die andern.
Auch denen hast du das Augenlicht genommen, Herr. Sehenden Auges haben sie sich wie die Verrückten auf Spione, Landesverräter, den Feind gestürzt – sie konnten Fahnenfarben unterscheiden und Abzeichen, aber nicht, was Zivilmord war und Militärmord. Sie werden es morgen noch einmal tun, Herr. Lasset uns beten.
Gib uns einen fröhlichen Krieg, mit Hunger, Läusen und Typhus, mit Brandgranaten und Handgranaten und mit Gas, das die Augen deiner Kinder auf Lebenszeit verschließt. Vielleicht, wenn du ihnen die Augennerven nimmst, Herr du unser Gott, dass sie dann nichts mehr ablenkt, und dass sie in schwarzer Nacht, die sie umgibt, sehend werden und ihnen das Licht scheine in der Finsternis. Denn siehe, sie sind heute blind, alle miteinander. Mach sie völlig blind, Herr, auf dass sie sehend werden. Denn es steht geschrieben: Sie sehen nicht, sie hören nicht, und der irdische Staat mordet sie doch. Geheiligt werde sein Name. Amen.

Unter dem Pseudonym Ignaz Wrobel im Jahr 1925