An die Jungen

»Deutsche, glaubet euren Sehern,
Unsere Tage werden ehern,
Unsere Zukunft klirrt in Erz;
Schwarzer Tod ist unser Sold nur,
Unser Gold ein Abendgold nur,
Unser Rot ein blutend Herz!«
Georg Herwegh

Daß Ihr noch anständig seid, ist alles Mögliche. Die Voraussetzungen dazu sind wirklich nicht gegeben: man hat Euch Jungen in vier entscheidenden Jahren Eures Lebens mit Kohlrüben und patriotischen Lügen hochgefüttert. Eure Lehrer standen im Felde, die, die noch übrig waren, mußten und wollten Euch vorerzählen, dass Ihr um des Staates willen auf der Erde seid und dem alles zu geben hättet: Verstand, Blut, Knochen und Gesinnung. Ein Teil von Euch hat es nicht getan.
Aber auch, wenn Ihr nur wollt, unsere zünftigen Nationalisten wissen, warum sie die Faust auf der Schule halten: da wächst das neue Deutschland heran, da sitzt die Generation, die um das Jahr 1940 schaffen und arbeiten wird, da tummeln sich unsere zukünftigen Richter, Verwaltungsbeamte, Ärzte, Priester und Kaufleute.
Aber auch, wenn Ihr nur wollt, unsere zukünftigen Pioniere.
Es ist für einen jungen Menschen von heute nicht leicht, Stange zu halten. Was man Euch lehrt, ist zum großen Teil nationalistischer Unfug; was Ihr um Euch herum seht: Schiebung, Schlechtigkeit und Schande. Ihr kennt kaum noch die alten Führer aus der Zeit des Sozialistengesetzes, die Freiheitskämpfer waren, als es noch etwas kostete – Ihr wißt kaum noch, wie das ist, wenn einer zu seiner ganzen Umwelt nein sagt, ohne damit Erfolg zu haben. Ihr lebt in einer Welt, die nur den ernst nimmt, der Erfolg hat. Und wenn Ihr dennoch die rote Fahne hochhaltet, so sei Euch Ehre und Dank dafür.
Als Krieg war, habt Ihr in den vier blutigen Mordjahren vom Militarismus zuerst nur das Stück glänzende Außenseite gesehen, das für unerfahrene Kinder und nationalistische Tröpfe so bestechend ist: mit Bum bum und Tschingdara zogen Eure Väter und älteren Brüder durch die Straßen, und Ihr lieft, wie Kinder einmal sind, jubelnd mit und wart stolz auf sie. Erst als der Vater auf Urlaub kam und Mutter immer häufiger weinte, weil sie nicht wußte, wovon sie die Kartoffeln bezahlen sollte, und als dann jener Brief kam, jener traditionelle, einfache und amtliche Brief, worin der Empfängerin der ordnungsmäßige Heldentod ihres Ernährers mitgeteilt wurde, und als sie zusammenbrach –: da wußtet Ihr, was das ist: Krieg. Und seitdem habt Ihr wohl nachdenken gelernt.
Wenn Ihr Euch sozialistisch und menschlich fortbilden wollt, so müßt Ihr Euch schon ein Beispiel aneinander nehmen. Denn es ist ein Jammer und eine Schande, was heute noch auf den deutschen Schulen mit Euch getrieben wird. »Durch die straffe Zucht werden die Kinder erst recht nichtsnutzig. Man muß den Kindern freie Aussprache gönnen. Wenn man die Kinder auf der Straße anspricht, dann tun sie grade, als ob sie Angst hätten, dass sie wieder etwas auf den Hosenboden bekämen. Verbrecher werden nie geboren, sie werden immer erst gemacht. Können die Kinder sich einmal in der Natur einen ganzen Tag herumtollen, dann haben wir zu Hause leichtes Spiel mit ihnen, dann tun sie für einen alles.« Das sind Worte eines einfachen Bergmannes, eines von denen aus dem Ruhrgebiet, die F. Fehr einmal befragt hat, wie sie über die Erziehung ihrer Kinder dächten. Der Mann hat ganz recht.
Der gute Schüler ist in Deutschland stets der gehorsame Schüler und meistens ein Duckmäuser. (Also ist der gute Lehrer ein fauler Lehrer. Denn es ist ein Zeichen von Bequemlichkeit, verprügelte Kinder als Ideal aufzustellen.) So wollen Euch jene schlechten Deutschen, die immer noch viel zuviel zu sagen haben: Ihr sollt zusammenschrecken, wenn sie Euch ansprechen. Ihr sollt strammstehen, Ihr sollt immer sechs Vorgesetzte haben, treue Untertanen Eurer Beamten, die Ihr nicht gewählt habt. Diese Kasernenhoferziehung ruft dann natürlich auf der andern Seite großbramsige Jungen hervor, die nun glauben, überhaupt kein Buch mehr anfassen zu sollen, und die den Sozialismus falsch verstanden haben: weil wir ihnen gesagt haben, der Respekt vor diesen Unteroffiziersgehirnen sei fehl am Ort, deshalb glauben sie, Respekt sei überhaupt eine überflüssige Sache, und tiefere Einsicht und Verehrung überlegener Menschen seien überholte Dinge. Ich brauche Euch nicht zu sagen, dass das falsch ist. Die Jugend braucht so nötig Führer. Sie hat aber keine. Sie hat fast nur Erziehungsbeamte.
Wie es in den meisten deutschen Fürsorgeanstalten aussieht, weiß man. Wenn so ein Junge infolge schlechter Anlagen und einer gradezu widersinnigen Gesellschaftsordnung gestolpert ist, dann nimmt ihn Vater Staat in die liebevollen Arme und verdirbt ihn vollends. Viel mehr hat er für Euch nicht übrig. Denn er muß eine ganze Reichswehr und einen ganzen Kapitalismus unterhalten.
Hinter den roten Fahnen zieht Ihr singend durch die Straßen und laßt den Sozialismus leben und gebt Eurem Abscheu über Wilhelms Mörderoffiziere kräftigen Ausdruck. Das ist gut. Aber es genügt nicht. Ihr – gerade Ihr – habt die Aufgabe, die Reinheit Eurer sozialistischen Gesinnung zu verbreiten. Ihr müßt diese Gesinnung bei Euch selber sauber erhalten. So schwer es auch sein mag, mit diesen beschränkten Mitteln überhaupt noch anständig zu sein: Ihr müßt in Fragen der Geschlechter, des Alkoholmißbrauchs, der Körperpflege, der Liebe zur Natur – Ihr müßt und könnt da bahnbrechend wirken!
Ihr seid die Hoffnung.
Ihr seid aber auch die Furcht der andern. Euch fürchten hunderttausend Beamte und jene ganze Clique von hochnäsigen Militärs, kleinen Gutsfürsten und großen Fabrikkönigen. Daß sie Euch fürchten, beweist die feine Aufmerksamkeit, die sie Eurer Schule widmen. Sie geben nicht etwa Geld dafür – sie bezahlen nicht etwa Eure Lehrer anständig – sie sorgen nicht etwa dafür, dass deren Ausbildung besser und fortschrittlicher werde als heute – Gott bewahre! Im Gegenteil. Sie unterdrücken mit allen Mitteln jede sozialistische Regung in der Schule – in den Lesebüchern verpesten noch heute fromme Hohenzollernanekdoten die Luft, und noch immer wird den Arbeiterkindern gelehrt, dass man nicht töten solle. Und zugleich: dass man töten müsse. Ihr seid eine Macht. Sie fürchten Euch. Seid Euch dessen immer bewußt.
Haltet zusammen! Ihr seid die junge Republik! Ihr der junge Sozialismus! Fallt Euren Eltern nicht in den Rücken und schändet das Gedächtnis Eurer Vorfahren nicht, indem Ihr ins bürgerliche Fahrwasser abschwenkt. Daß Ihr heute wenigstens ungehindert durch die Straßen ziehen könnt, das habt Ihr der jahrzehntelangen Arbeit der alten sozialistischen Führer zu danken.
Ehrt sie durch die Tat!

Unter dem Pseudonym Ignaz Wrobel im Jahr 1922

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