An die alten Soldaten!

Ihr habt 4 1/2 Jahre lang gelitten, geschwitzt, geblutet und geschwiegen. Sie haben euch nicht zu Worte kommen lassen. Jetzt wollen wir reden. Wir wollen sagen, dass wir nach unserer feldgrauen Leidenszeit erkannt haben, dass nicht der Tod vorn das Schlimmste war, sondern die Schinderei hinten. Wir wollen sagen, dass wir die Wertlosigkeit und die Sünden des preußischen Militarismus voll erkannt haben, und daß wir keine Wiederholung wünschen. Wie war es denn? Es war so, dass es zwei Welten gab: die der Herren und die der Kerls. Da gab es keine Brücke, das war nur eine trennende Kluft. Die einen hatten alle Pflichten, die andern alle Rechte. Beförderung bedeutete: mehr sein als der andere, und sie bedeutete die Möglichkeit der Treterei nach unten. Das deutsche Offizierskorps betont nicht zu Unrecht seine großen Verdienste beim Kampfe und beim Sturm. Seiner Aufgabe dem eigenen Untergebenen gegenüber ist es nicht gewachsen gewesen. Der deutsche Offizier war kein Volkserzieher. Kalt, feindlich und fremd stand er seinen eigenen Landsleuten gegenüber, die nicht die Achselstücke trugen. Das Leben bei den höheren Stäben und überall da, wo viel Offiziere zusammen aßen, stand in krassem Gegensatz zu dem tierhaften Dahindämmern der Muschkoten. Der hielt den Mund und stand stramm. Die Herren tranken Moselwein zu erheblich billigen Preisen. Wie war es denn? Es war so, dass diese Verseuchung des Volkes durch den militärischen Größenwahnsinn auch noch die untersten Schichten ergriff und so der Stubengefreite ein kleiner Ludendorff war. Darunter haben wir alle gelitten.
Militarismus ist eine Geistesverfassung, es ist der Glaube an die Gewalt, an die – und vor allem an die Kasteneinteilung der Menschheit. Seine Zeit ist vorbei. In alter Zähigkeit klammert sich all das Volk, das nichts Besseres gelernt hat, an die Posten und Pöstchen der Wehren, bezahlt von euch, gerichtet gegen euch. Der Etat für die Reichswehr beträgt für das nächste Jahr 2 1/2 Milliarden; dabei sind 56 Generale. 56 Generale einer wehrlosen Nation, die lieber untergehen will als das Soldatenspielen lassen.
An euch, alte Soldaten, geht der Ruf, euch zusammenzutun. Wir wollen nicht untergehen. Wir hassen das Soldatenspiel, wie wir den soldatischen Ernst gehaßt haben. Ihr habt euch schon zu Verbänden zusammengetan, die eure wirtschaftlichen Interessen vertreten. Hier geht es um mehr, um soviel mehr, als Ideen mehr sind als Geld.
Der »Friedensbund der Kriegsteilnehmer«, der über das ganze Land gespannt ist, bittet euch, in seine Reihe einzutreten. Nach einer politischen Überzeugung fragt er nicht. Er sieht euch in die Augen und fragt nur das eine:
Erinnert ihr euch an vier unsagbare Jahre? Erinnert ihr euch, verheiratete und junge Männer, einmal »Menschenmaterial« und den Erdklumpen im Schützengraben gleich gewesen zu sein? Erinnert ihr euch, dass man euch angesehen hat, wie man keinen Hund ansieht und dass ein willfähriges Küchenmädchen in Lille den Herren mehr galt als ihr, die eigenen Landsleute?
Wenn ihr euch daran erinnert, dann kommt zu uns.

Unter dem Pseudonym Ignaz Wrobel im Jahr 1920

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