Alte Zeitungen

Der Herausgeber schickt mir eine Wurst, eingewickelt in alte Zeitungen, die – wie die Wurst – noch aus dem vorigen Frieden stammen. Und während ich die Wurstzipfel träumerisch in der Stube verstreue, denke ich nach. Hat nicht schon Goethe … ? Richtig, er hat. »Wenn man einige Monate die Zeitungen nicht gelesen hat, und man liest sie alsdann zusammen, so zeigt sich erst, wieviel Zeit man mit diesen Papieren verdirbt. Die Welt war immer in Parteien geteilt, besonders ist sie es jetzt, und während jedes zweifelhaften Zustandes kirrt der Zeitungsschreiber eine oder die andre Partei mehr oder weniger und nährt die innere Neigung und Abneigung von Tag zu Tag, bis zuletzt Entscheidung eintritt und das Geschehene wie eine Gottheit angestaunt wird.«
Alte Zeitungen sind spaßig. 1910, 1911 – Gott schenke uns solche Sorgen, solche Liliputanersorgen. »Der sozialdemokratische Hofbericht.« »Rücktritt des Erbprinzen Hohenlohe aus dem Reichstagspräsidium.« (Der Reichstag hatte nichts zu sagen, sein Präsidium hatte nichts zu sagen, also was hatte es zu sagen, wenn … ?) »Der Kampf gegen Hermann Nissen.« Ach ja, es war eine fröhliche, eine harmlose, eine gute alte, eine kleine Zeit.
Alte Zeitungen sind spaßig. Wie kommts, dass man bald traurig wird, wenn man sie liest?
Weil man sieht, wie schlecht sie ihre Aufgaben erfüllt haben. Weil man sieht, wie wenig Voraussicht sie hatten, wie sie die Welt nicht kannten, wie sie es nicht einmal fertigbrachten, gute Nachrichtenblätter zu sein, die Bewohner der Erde objektiv und zuverlässig voneinander zu unterrichten. Wie sie durch Lyrik und Schmalz ersetzten, was ihnen an Korrektheit und Information abging.
Denn es war damals so, dass die meisten Zeitungen gegen ihre eigne Zeit arbeiteten, deren Herzschlag sie vielleicht hörten, aber nicht hören wollten.
1910 – man möchte, heute, rufen: Aber um Gottes willen! Noch vier Jahre! Tut etwas! Es glimmt! Gießt Wasser drauf! Ihr Glücklichen, ihr habt noch Zeit! Und dann? »Der Kampf gegen Hermann Nissen.« Und gradezu grotesk wird das Bild, wenn man die Zeitungen aus dem Juli 1914 durchblättert: wie da acht Tage vorher noch kein Zeilenschinder etwas von der großen Zeit weiß, die da gleich über ihn herein-brechen wird, wie da kein Annoncenteil, kein Bildredakteur, kein Chef, kein Politiker auch nur irgend etwas von dem Zusammenbruch einer Kultur ahnt, der dicht bevorsteht, näher rückt, immer näher rückt … Am zweiten August waren sie im Bilde und wateten in Blut und Phrasen.
Die leidige Ephemere … Nun ja, über alte Zeitungen bringe ich euch alle zum Lachen. Wie mache ich es, dass ihr zu dem Schluß kommt: da die alten Zeitungen nichts getaugt haben, da sie sich inzwischen nicht geändert haben, so … ?
Aber ich sehe schon die Manuskripte, die sich auf dem Herausgebertisch zuhauf türmen. Eins trägt den Titel: »Die deutsche Presse als kulturfördernder Faktor in der Weltwirtschaft.« Von Professor Nöhleken. So lob ich mir den Mann: erst Deutscher, dann Abonnent, und dann, so abends zwischen neun und zehn, wenn er die Hausschuhe anhat –: Mensch.
Und nun ist die Wurst alle, und ich wickle nachdenklich die alten Zeitungen zusammen und lege sie unter den linken Vorderfuß meines Schreibmaschinentischchens, das wackelt, und so erfüllen sie doch einmal in ihrem Dasein einen guten und vernünftigen Zweck.

Unter dem Pseudonym Peter Panter im Jahr 1920