Alte Wandervögel

Sagen Sie ihm,
Daß er für die Träume seiner Jugend
Soll Achtung tragen, wenn er Mann sein wird –

Seit etwa sechsundzwanzig Jahren gibt es in Deutschland eine »Jugendbewegung«, ihre geschichtlichen Anfänge sind von dem seligen Blüher in einem recht gespreizten Buch dargestellt worden; der Deutsche protzt ja gern mit sich selbst, indem er sich als großgedrucktes Kapitel im Lamprecht oder Ploetz schildert. Was die deutsche Jugendbewegung ist, hat man uns zur Erschöpfung mitgeteilt; ich will heute einmal fragen, was sie bewirkt hat.
Die jungen Leute, die um das Jahr 1900 die Wandervogelbewegung ins Leben riefen, fingen intellektuell schwer bepackt an, und das hat sich seitdem unaufhaltsam gesteigert. Die Subtilität des Denkens hat die Jugendbewegung bis ins Lächerliche gespalten: es gibt Hunderte von Vereinen und Grüppchen, Bünden und EVs – und jede Gruppe hat eine eigne Weltanschauung, eine ihr eigne Theorie, ihre Grundsätze, und alle sind verwaschen oder unnachgiebig. Verwaschen: dann sind sie militärfromm und gute Kinder – oder unnachgiebig: dann gibt es keine Weltanschauung außer der ihren, und Fluch der Konkurrenz!
So weit ist das ihre eigne Angelegenheit, und wir haben uns nicht in Familienstreitigkeiten zu mischen. Aber was haben nun diese geistigen Bewegungen ausgerichtet, wie ist die Generation, die durch sie hindurchgegangen ist, im praktischen Leben beschaffen, was ist aus den jungen Leuten geworden?
Nichts.
Alte Wandervögel – wie sieht das aus?
Die Klampfe hängt an der Wand, ein Band Dehmel und ein Hans Thoma daneben – aber viel mehr ist nicht geblieben. Hat der Wandergefährte die Wandergefährtin geheiratet, so gibt es wohl noch gemeinsame Spaziergänge, eine gewisse Anhänglichkeit an den Verein, die um so größer ist, je mehr Möglichkeit zum Vereinsknatsch sich bietet. (In diesen Kreisen sagt man nicht »Schriftführer« – sondern »Führer« schlechthin.) Aber wo sind die oft besungenen Ideale, die Prinzipien, die reine Luft von den Waldbergen, das neue Leben?
Diese jungen Leute sind Telegrafensekretäre geworden oder Zahnärzte, Schreiber auf irgendeinem Amt oder Volksschullehrer – Werkmeister oder Ingenieure … Und wo, wo in aller Welt ist die Wirkung des so bewegten Rummels, die Wirkung, also das einzige, worauf es schließlich ankommt? Ich sehe sie nicht.
Es handelt sich selbstverständlich nicht darum, zu sagen: Wieviel große Dichter oder bedeutende Maler hat die deutsche Jugendbewegung hervorgebracht? Die Beantwortung dieser Frage beweist nichts für sie oder gegen sie. Dazu ist sie nicht da. Wenn sie aber überhaupt einen Sinn hat, so ist es doch der, eine neue Generation zu schaffen, ein neues Geschlecht, das im Leben, in der Praxis anders, besser, neuer, sauberer denkt, als die Alten es oft vermocht haben. Wo ist diese Generation –?
In den Krieg ist das gelaufen wie alle andern auch. Sie sangen ein paar hübschere Lieder als die andern, das ist wahr, wie man überhaupt so oft das Gefühl hatte: von diesen Kreisen her wird der Krieg kunstgewerblich verniedlicht, es war das Bild im Unterstand der deutschen Heimat Unterpfand, oder dergleichen. Und ein Büchelchen mit einem blondbezopften Mädel ließ wenigstens für einsame Stunden vergessen, dass die eigentliche Aufgabe des durch Europa wandernden Vaterlandsverteidigers immerhin darin bestand, seinem Miteuropäer ein Stück Eisen durch den Bauch zu jagen oder ihm mit Gas die Sehkraft zu nehmen … Also Pazifisten waren es kaum.
Aber man soll nicht immer gleich das Äußerste verlangen, sie konnten ja etwa zur Entschuldigung ihrer Instinktlosigkeit sagen, sie seien Evolutionäre … Wo aber ist die Wirkung dieser ins Abstruse angeschwollenen Vereinsmeierei im Leben von heute –? Sie ist nicht da.
Auf den Ämtern sitzen junge Mädchen, die sich die Köpfe mit etwas heiß geredet haben, was sie »Probleme« nannten – auf den Kathedern der Schulen sitzen sie (wo sie noch am ehesten Gutes wirken), in tausend Geschäftszimmern … Wo ist der neue Geist? Wo ist die gewandelte Lebensführung, das Neue grade in jenen tausend Kleinigkeiten, deren Ablauf das eigentliche Leben ausmacht – denn keineswegs besteht das Leben aus drei pathetischen Augenblicken, auf die allein es ankommt. Wo sind gereifte Menschen unsrer Generation, denen der neue Geist aus den Augen strahlt, Menschen, vor denen man fühlt: diese sind anders –? Sie sind nicht da.
Ich weiß, dass es kleine Fortschritte gibt; ich weiß, dass weniger gesoffen und mehr Sport gemacht wird – aber zur Erreichung dieser nüchternen Ziele braucht man nicht so viel geistige Wellen, die nur scheinbar dem Ufer zueilen: in Wahrheit bewegen sie sich aufund abwärts, am selben Platz. Welche tote Last! Wer sich den Fusel nur durch die Lektüre schlechter Romane des Herrn Popert abgewöhnen kann, sei trotz allem gesegnet für und für – aber eine Jugendbewegung scheint mir das nicht. Und dass emsiges Training in irgendeinem Stadion nicht immer eine neue Geistesverfassung hervorbringt, wird verständlich, wenn man bedenkt, dass es da des öftern an Geist gänzlich gebricht.
Also wo sind die Neuen? Wo ist diese vielbeschriebene neue Generation? Ich sehe nur folgendes:
Außerhalb eines zu nichts verpflichtenden Kunstbetriebes, der dem »Jungen« neben der Reklame pekuniären Erfolg bringen kann, schlüpft eine ganze Generation, problematisch maßlos überfüttert, in die Apparatur und das feste Gefüge einer bestehenden Welt und wird dort anstandslos verdaut. Man assimiliert sich. Die Torheiten der Jugend sind dahin, die Ideale halb vergessen, nur hier und da summt noch ein altes Wanderlied durch den Kopf … »der Ernst des Lebens« hat gesiegt.
Er hat über eine Jugend gesiegt, die alles gewollt und so wenig erreicht hat. Über eine Jugend, die eine Welt stürmen wollte, was löblich, und die nicht die Atmosphäre auch nur eines Landratsbureaus hat ändern können, was weniger löblich ist. Wo seid ihr vom Hohen Meißner? Verrauscht die schönen Reden, gedruckt und gelesen die schönen Zeitschriftenartikel, zerplatzt die Diskussionen … Und nun? Nun haben euch die Alten unterbekommen, sie waren stärker als ihr, ihr habt sie nicht besiegt.
Alles will ich gelten lassen, nur eines nicht: »Sie stehen nicht in der Jugendbewegung, und Sie wissen nicht … «
Eben das scheint mir ein deutscher Irrtum zu sein, der da glauben machen will, nur der Fachmann könne ein Urteil über die Wirkung der Arbeit von Fachleuten abgeben. Um zu sehen, ob die Schiffe einer bestimmten Werft schon nach der dritten großen Fahrt sinken, braucht man kein Schiffsingenieur zu sein. Die Ursachen der Katastrophe kann nur er untersuchen – die Katastrophe festzustellen hat jeder das Recht.
Und ich will gar nicht wissen, dass der linke Flügel der Freideutschen sich der Mitte der Jungdeutschen genähert hat, ich will gar nicht wissen, dass die Stellung Mahrauns sich gegen Ende des Jahres 1925 leicht nach links verschoben hat – ich brauche das auch gar nicht zu wissen, um als Zuschauer, grade als Zuschauer zu sehen: Hier ist etwas nicht in Ordnung.
Hier stehen Inszenierung, Menschenauftrieb, Lärm, Terminologie, geistiger Spektakel in einem bizarren Mißverhältnis zur Wirkung, zur Wirkungslosigkeit. Diese entwachsen ihrer Jugendbewegung, sie tummeln sich darin, wie in einem Schwimmbade, aber irgendeine Wirkung für lange Zeit ist nicht zu spüren.
»Mensch! Wie sehen Sie aus!« – »Aber ich habe in meiner Jugend fleißig gebadet!«
Wenn Jugendbewegung überhaupt einen Sinn hat, so ist es doch der: Männer zu schaffen. Neue Menschen, anders gesinnte Männer, ein umgestaltetes Geschlecht.
Aber hier ist der stehende Teil der Jugendbewegung dauernd in großer Bewegung, die Tropfen spritzen nur so, fröhliches Geschrei erfüllt die Stätte der Badenden – und dann steigen sie auf die Holztreppen, trocknen sich ab, gehen nach Hause … Und neue planschen im Teich, aber die Alten vergessen.
Alte Wandervögel – was ist das? Was ist sie, diese Jugendbewegung, was ist sie in ihren überwiegenden Teilen, was stellt sie dar, wenn wir die Wirkung betrachten –?
Das, was deutsche Organisationswut, Reglementstorheit, Gruppenspielerei immer gewesen sind: Selbstzweck.

Unter dem Pseudonym Ignaz Wrobel im Jahr 1926