Aha!

»O weiser, o gerechter Richter.«
Shakespeare

Es gibt noch Richter in Berlin.
Der Arbeitslose Friedrich Heidenreich klemmt einem Trödler in der Grenadierstraße ein Paar alte Stiefel, weil seine Zeugschuhe zerrissen und durchlöchert sind. Neue kann er sich nicht kaufen. Er wird erwischt, verhaftet, vorgeführt, vernommen. Es kommt zur Verhandlung.
Von diesem Augenblick an ist der Arbeitslose Friedrich Heidenreich ein rechtloses Objekt. Er hat beim Diebstahl ein Verschlußbrett an einer Wendeltreppe herausgebrochen – da standen die Stiefel –, und der Staatsanwalt hat schweren Diebstahl herauskonstruiert. Paragraph 243. Also Strafkammer. Also ein Richter als Verhandlungsleiter und vier Beisitzer (auch Beischläfer genannt). Ein Herr macht etwas verglaste Augen, zweie erledigen Akten, einer hört zu. Die ganze Zeit spricht der Verhandlungsleiter.
Es sitzt da auch noch ein Mann, ein junger Assessor, der den Staatsanwalt vertritt, aber er ist eigentlich ganz unnötig. Die Geschäfte des Staatsanwalts besorgt uns der Richter. Dem Friedrich Heidenreich wird es langsam schwül: es herrscht von vornherein eine so stark ausgeprägte Stimmung gegen ihn, dass er nicht viel tun kann. Einen Verteidiger hat er nicht; es ist das dritte Mal, dass er wegen Diebstahls vor Gericht steht, und er kann keinen Verteidiger beantragen. Was soll er sagen?
Er kann nicht viel sagen. Der Richter spricht. Der Richter ist ausgeruht, satt, gut ausgeschlafen, gewaschen und fühlt sich durchaus auf der Höhe der Situation. In Heidenreichs Zelle sind Wanzen, der Kübel stinkt, die Zelle ist kalt und das Essen miserabel. Ihm ist nicht sehr komisch zumute. Was soll er sagen?
Wenn er etwas sagt, bekommt er in einem niederträchtig ironischen und scharfen Tone zu hören: »So? Sie haben also keine Arbeit bekommen? Ach! Na ham Se sich denn auch drum bemüht?« Ja, bemüht hätte er sich, sagt Heidenreich; aber bei den jetzigen großen Aussperrungen sei es ihm nicht möglich gewesen … »Ist das richtig, dass Sie ein intimes Verhältnis mit der Tochter ihres Hauswarts haben?« Heidenreich wird bis unter die Haarspitzen rot. Ja, sagt er gedehnt, das sei richtig … »Aha!« sagt der Richter. »Aha!« Dieses »Aha« löscht das letzte Fünkchen Hoffnung Heidenreichs aus. Ist er geliefert?
Er ist geliefert.
Ich habe absichtlich einen Fall dargestellt, bei dem die strafrechtliche Schuld des Angeklagten eindeutig klar liegt. Und doch muß ich sagen, dass ich, der ich viele solcher Heidenreichschen Fälle miterlebt habe, jedesmal aufs neue die furchtbare Grausamkeit des staatsanwaltlichen Richters empfinde.
Die Dinge liegen doch so: Der Staatsanwalt hat durch seine Ermittlungen den Tatbestand eines Delikts festgestellt. Wer die ausführenden Organe dieses Ermittlungsganges kennt, wird sich leise bekreuzigen. Eine andere Strafkammer als die erkennende bekommt die Akten vorgelegt und entscheidet, hopp, hopp, hopp, ob eine Hauptverhandlung stattfinden soll oder nicht. Hier schon, bei diesen fünf Männern, die die Eröffnung der Hauptverhandlung beschließen, fällt uns der unerschütterliche Glaube an die unfehlbare Autorität staatlicher Organe auf. Nun ist Tatsache,
dass von ungefähr hundert Anzeigen annähernd sechzig bis achtzig vom Staatsanwalt nicht weiter verfolgt werden, weil das Material nicht ausreicht. Die Beschlußkammer denkt nun also so: Wenn der Staatsanwalt uns diesen Kram vorlegt, wird wohl schon etwas dran sein. Diese Beschlüsse über Eröffnung einer Hauptverhandlung, die außerordentlich rasch gefaßt werden, fallen also zumeist zuungunsten des Beschuldigten aus.
Jetzt verschlimmert sich die Lage für ihn. Denn das erkennende Gericht ist seinerseits wieder von dem Glauben besessen, Staatsanwalt und Beschlußkammer hätten schon gewußt, warum sie es zur Hauptverhandlung hätten kommen lassen. Die Waage des Angeklagten sinkt immer tiefer.
Weitaus am schlimmsten aber ist die Haltung der meisten deutschen Richter im mündlichen Verfahren des Strafprozesses, weil fast alle glauben, der Angeklagte sei so ein Stück Feind von ihnen. Ich habe hundertmal im Zuschauerraum das Empfinden gehabt: Warum macht ihr überhaupt noch eine Verhandlung? Sperrt den Mann doch ein! Ihr seid doch schon beim Namensaufruf der Zeugen von der Schuld des zitternden Opfers vollkommen überzeugt! Wo wird das Urteil gemacht? Im Beratungszimmer? Es steht in euren Herzen vorher fest.
Man muß erlebt haben, wie häufig in diesem moabiter Fabrikbetrieb der Mann im Talar seinen mäßigen Witz an einem wehrlosen Angeklagten unter beifälligem Grienen der Zuschauerschaft übt. »Sie sind also vorgestern in der Stehbierhalle von Klampmann gewesen? Aha!« – »Ihre Mutter hat Ihnen vorher geschrieben, dass Sie nicht nach Berlin kommen sollten, weil die Zeugin damals schwanger war? Aha!« – »Sie haben … Sie sind … Aha! Aha!« Diese »Ahas« fallen wie Beilhiebe auf den entblößten Kopf des Menschen hinter der Holzbarriere. Ich weiß sehr wohl, dass in dieser Aburteilungsindustrie den Kammern häufig genug professionelle Verbrecher und ein Lumpenproletariat unter die Finger kommen, bei dem wirklich kaum noch etwas zu machen ist. Aber ich vermisse nicht nur das Verständnis für die sozialen Ursachen solcher Existenzen (sie sind die notwendig bedingte Kehrseite kapitalistisch organisierter Industrie und Landwirtschaft) – ich vermisse vor allem etwas anderes. Ich vermisse am deutschen Richter den Takt des Herzens.
Daß diese Richter heute das Volk überhaupt nicht erziehen, sei nebenbei erwähnt. Man fürchtet ihre Urteilssprüche, haßt sie, versucht, sich herauszudrehen – aber niemand nimmt sie für ethisch vollwertig. Es ist eine Paragraphenlotterie. Und in diesem wüsten Spiel um Freiheitsjahre von Menschenleben fehlt der Takt des Herzens.
Was der deutsche Richter in politischen Prozessen zu interessiert ist, das ist er in unpolitischen zu kalt. Was soll diese Strafe? Bessern? Legt das Ohr an die Gefängnismauern, und ihr werdet ein Lachen zu hören bekommen, dass es euch kalt über den Buckel läuft. Abschrecken? Flausen. Und das Recht zur Vergeltung wird wohl diesem Staat und dieser Gesellschaft heute niemand mehr aussprechen. Also was soll diese Strafe? Es ist eine mäßige Schmierkur im dritten Stadium.
Ich möchte diesen Richtern auch in einem harmlos unpolitischen Prozeß nicht in die Hände fallen. Wie soll ich mit Leuten um Schuld und Unschuld, um Strafmaß und bedingte Begnadung kämpfen, wenn sie von ihrer pharisäischen Unfehlbarkeit und meinem schwarzen Schurkentum von vornherein überzeugt sind? Ich stehe da mit entblößter Brust, und auf der Sehne liegt, zum Abschnellen bereit, der Pfeil: Aha!
Es gilt in Millionen von deutschen Köpfen den immer noch fest wurzelnden Glauben an diese Richterschaft zu erschüttern. Sie ist unbestechlich, das ist wahr. Aber sie ist nicht gut.
Woher sollte sie es sein? Warum soll ich denn an die politische Unvoreingenommenheit und warum soll ich vor allem an den ethischen Wert von Menschen glauben, die ich bis zum Augenblick ihrer Ernennung als Gymnasiasten, Studenten, Referendare und Assessoren ungestraft als das habe bezeichnen dürfen, was sie waren: als einen schlechten Teil des Deutschtums? Die Schule, die Universität, der Amtsrichtertisch der kleinen Stadt und die Privatgespräche im Staatsanwaltszimmer: Welch eine Welt! Und das richtet?
Jeder sechste Mann in Deutschland ist bestraft. Müde geprügelte Hunde bekommen eine Lederhaut. Sie stumpfen ab. Wir sollten heute so weit sein, dass ein Verständiger ja nicht die Tatsache einer erfolgten Bestrafung zum Anlaß nimmt, einem Mitmenschen sein Mißtrauen auszusprechen. Die deutsche Kriminalstrafe will an sich noch gar nichts bedeuten: auf den einzelnen Fall kommt es an. Der Bund der Vorbestraften, der sich gebildet hat, verdient von allen Einsichtigen jede Förderung. Ich bin nicht stolz darauf, noch nicht bestraft zu sein. Es ist Zufall.
Machts umgekehrt. Richtet ihr. Und wenn euch einer erzählt, er sei in Not gewesen und wieder in Not und habe gestohlen und wieder gestohlen, um zu essen und um zu leben, und man habe ihn hartnäckig zu Gefängnis verknackt und wieder zu Gefängnis, dann denkt an die preußischen Zimmer, in denen das geschehen ist, denkt an die Richter, die kalten Herzens solche Urteile aussprechen, und sagt: »Aha!«

Unter dem Pseudonym Ignaz Wrobel im Jahr 1920

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *