Abrechnung

Neulich stand zu lesen, dass ein früherer Fürsorgezögling seinen ehemaligen Direktor, in dessen Anstalt er eingesperrt war, »aus Rache« erstochen habe. Die Fürsorge hatte bei dem Mann nicht angeschlagen: er kam grade aus dem Zuchthaus.
Unmöglich, zu beurteilen, was hier vorgelegen hat, solange man die Einzelheiten nicht kennt. Aber eigentlich verwunderlich, dass solche Dinge nicht öfters vorkommen. Bekanntlich klafft zwischen der Praxis und den »Kongressen für die Fürsorge Jugendlicher«, oder wie sich dergleichen aufgebläht sonst nennt, ein böser Riß. Die jungen Leute in der Fürsorge sind fast rechtlos, in der Hand von Pastoren, Vorgesetzten aller Grade, Ärzten, Direktoren. Daß sich unter diesen wohlmeinende, menschliche und herzensgütige Männer von Seelenkenntnis befinden, kann nicht abgestritten werden. Daß auch das Gegenteil stark vertreten ist, ebensowenig. Daß – und nur darauf kommt es an – die Gruppe ihre schwarzen Schafe und Böcke deckt, ist sicher.
Welch Haß mag sich in den Opfern mitunter ansammeln, welch ohnmächtige Wut, wieviel Rachegefühl, dessen Betätigung vertagt wird! Kommen diese Leute heraus, so ist meistens alles vergessen: die kleinen Plackereien, die gemeinen, unendlich aufpeitschenden Nadelstiche falsch verstandener »Disziplin«, der Hohn, die verächtliche Behandlung, der barsche Ton, mit dem man Hunde nicht anspricht … die Freiheit verdeckt und verwischt alles. Der da hat etwas zurückbehalten und ging hin und stach den nieder, den er für seinen Quäler gehalten hat.
Aber inzwischen wollen wir doch nicht vergessen, dass nicht erst Hau zu kommen brauchte, um uns wissen zu lassen, welche Gattung ausgedienter Offiziere, strammer Reaktionäre, größenwahnsinniger kleiner Amtsstubenbeherrscher in den Gefängnissen, Fürsorgeanstalten, Zuchthäusern, Arbeitshäusern maßgebend sind. Weit oben drüber thront dann gewöhnlich ein liberal denkender Geheimrat, der seine Besuche verbindlich empfängt und nichtsahnend lächelt. »Bei uns, gnädige Frau, kommt so was nicht vor … «
Hielte er aber den Atem an, hätte er Ohren zu hören, wollte er hören –: so vernähme er durch die dicken Mauern der Zellen ohnmächtiges Weinen von solchen, die sinnlos und sadistisch in ihrer Menschenwürde gekränkt und verletzt werden, gepeinigt, dass ihnen die Adern schwellen, das Weinen Wehrloser.
Und dann mag freilich vorkommen, dass einer sein Leben riskiert, um einem herzenskalten Medizinalrat, einem Direktor, einem Inspektor hinterher einen Denkzettel zu verabreichen.

Unter dem Pseudonym Ignaz Wrobel im Jahr 1926

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