Zwei Käfige

Hier in Dänemark, wie wohl auch anderswo, setzen sie die Klucke mit den Küken in den Hof oder auf die Wiese, die ganze Familie überdacht von einem vergitterten Gestell, wie der Käse von der Glocke. Darunter pickt und kluckt und gurrt es den lieben, langen Tag. Sieh, da stehen zwei nebeneinander.
In einem geht es sehr honett und ordentlich zu. Die große Henne hat etwa fünfzehn oder sechzehn ›Kukkelchen‹, wie man in Kurland sagt, zu betreuen; die rechte Seitenleiste des Gittergestells ist durch zwei Feldsteine etwas angehoben, und die Kleinen können auch herauslaufen. Die Mama wirtschaftet drin umher und lockt.
Es gibt da eine völlig ausgebildete Sprache der Henne. »Kommt mal alle, alle her!« und: »Na – na – na!« und »Hiiier – gibts was zu fressen! – Wer will? – Wer will? Wer will?« und viele andere Signale. Die Küken verstehen das genau. Sie sind noch so klein: vier Tage sind sie alt, und eigentlich sind es noch laufende Eier, mit einem kleinen weichen Hundefell; dass dieser Plüsch einmal zu Federn werden wird, muß man auf gut Glauben hinnehmen. Seht doch nur, wie sie laufen! … „Zwei Käfige“ weiterlesen

Zeugung

Die biochemischen Vorgänge sind bekannt.
Äußerlich sah es so aus, dass das nackte, gardinenlose Fenster erst hellgrau, dann graublau schien, schließlich wurde der Himmel weißlich. Die Frau wachte zuerst auf – in einem schmutzigen Hemd, mit zerzausten, ins Gesicht hängenden Haaren blickte sie trübe umher. Das Rumpeldurcheinander des Zimmers sah sie an. Durch die verklebten, zusammengekniffenen Augen erblickte sie: den Herd mit Töpfen und Papier, auf dem Tisch die leeren zwei Flaschen und eine halbvolle, ihren Unterrock auf einem Stuhl, seine Sachen über eine Stuhllehne geworfen, Stiefel, Körbe, Brocken, unabgewaschenes Geschirr, Zeitungsbogen, einen Hammer. Je weniger die Leute besitzen, desto voller sind ihre Stuben. Diese hatten nur eine: Küche, Eß- und Schlafzimmer zugleich. Darin hatten sie gestern das Kind gezeugt. „Zeugung“ weiterlesen

Wo sind meine Schuhleisten –?

Wo sind … Ob das nicht jedesmal so ist, wenn man sich abends im Hotel auszieht – wo sind meine Schuhleisten! Wahrscheinlich gestohlen. Himmeldonnerwetter, wo sind die Dinger! Da … nein. Da … ? Auch nicht. Na, wo stellen denn diese Zimmermädchen bloß die Leisten hin! Das muß eine internationale Verschwörung sein: bevor eine Zimmermädchen wird, muß sie einen großen Eid ablegen, den Gästen immer die Schuhleisten zu verstecken! Und da sind sie auch nicht! Na, ist das zu glauben? Mark Twain hat mal eine Geschichte darüber geschrieben, wie Hausmädchen immer wichtige Briefe wegwerfen, dagegen irgendeinen alten Fetzen Papier einem beharrlich und vierzehn Tage lang immer wieder auf den Nachttisch packen … wo sind denn die Dinger? Unterm Bett … Jetzt muß ich armer, alter Mann mit meinem dicken Bauch mich auch noch bücken, das ist mir auch nicht an der Wiege gesungen worden. Mama konnte übrigens gar nicht singen. Da hätte sie eben das Grammophon andrehen sollen. „Wo sind meine Schuhleisten –?“ weiterlesen

Wo kommen die Löcher im Käse her –?

Das Werk zwingt schon durch die Gelehrsamkeit, die in ihm verkocht erscheint, Bewunderung ab, besonders einem Leser wie mir, dessen Bildung an Emmentaler Käse erinnert, indem sie wie dieser größtenteils aus Lücken besteht.
Alfred Polgar

Wenn abends wirklich einmal Gesellschaft ist, bekommen die Kinder vorher zu essen. Kinder brauchen nicht alles zu hören, was Erwachsene sprechen, und es schickt sich auch nicht, und billiger ist es auch. Es gibt belegte Brote; Mama nascht ein bißchen mit, Papa ist noch nicht da.
»Mama, Sonja hat gesagt, sie kann schon rauchen – sie kann doch noch gar nicht rauchen!« – »Du sollst bei Tisch nicht reden.« – »Mama, guck mal die Löcher in dem Käse!« – Zwei Kinderstimmen, gleichzeitig: »Tobby ist aber dumm! Im Käse sind doch immer Löcher!« Eine weinerliche Jungenstimme: » Na ja – aber warum? Mama! Wo kommen die Löcher im Käse her?« – »Du sollst bei Tisch nicht reden!« – »Ich möcht aber doch wissen, wo die Löcher im Käse herkommen!« – Pause. Mama: »Die Löcher … also ein Käse hat immer Löcher, da haben die Mädchen ganz recht! … ein Käse hat eben immer Löcher.« – »Mama! Aber dieser Käse hat doch keine Löcher! Warum hat der keine Löcher? Warum hat der Löcher?« – »Jetzt schweig und iß. Ich hab dir schon hundertmal gesagt, du sollst bei Tisch nicht reden! Iß!« – »Bwww –! Ich möcht aber wissen, wo die Löcher im Käse … aua, schubs doch nicht immer … !« Geschrei. Eintritt Papa. „Wo kommen die Löcher im Käse her –?“ weiterlesen

Wiederaufnahme

Dem Präsidenten des Reichsgerichts,

Herrn Ehrendoktor Bumke, dargewidmet

 

Erster Verhandlungstag

Der Vorsitzende: Na und – –?

Die Zeugin: Und – da ist er eben …

Der Vorsitzende: Was?

Die Zeugin (schweigt)

Der Vorsitzende: Aber sprechen Sie doch … es tut Ihnen hier niemand etwas! Außerdem stehen Sie unter Ihrem Eid!

Die Zeugin (ganz leise): Da ist er eben die Nacht bei mir geblieben … ! „Wiederaufnahme“ weiterlesen

Wie sieht der Erfinder des Reißverschlusses aus?

Den Erfinder des Reißverschlusses denke ich mir als einen älteren, teils vergnügten, teils mürrischen Mann: vergnügt, wenn seine Frau verreist ist, mürrisch in allen andern Lebenslagen. Er hat schütteres, weißes Haar, obgleich er noch gar nicht so alt ist; ein leicht lahmes Bein, das er unmerklich nachzieht, eine bedächtige Brille, niedrige Klappkragen, wie sie sein Großvater noch getragen hat. Er ist Deutsch-Amerikaner und heißt mit Vornamen Sam.
Eines Nachts kann dieser Sam nicht schlafen. Es ist eine mürrische Nacht, denn die Frau Sams liegt neben ihm und sieht aus wie ein älteres, etwas fett gewordenes Girl, kein sehr erfreulicher Anblick. Sam freut sich auch nicht – er liegt durchaus auf die andere Seite gedreht und denkt nach. Worüber denkt er wohl nach –?
Keineswegs an die Erfindung eines Reißverschlusses. Sam ist weder Ingenieur noch Techniker, sondern Buchhalter in einer Expedition für Blumensamen. Aber in seinen Mußestunden bastelt er an allem, dessen er habhaft werden kann, zum großen Ärger des fetten Girls: an den Uhren, am Rundfunk, am Auto, an den Fensterläden und an den geheiligten Vorrichtungen des Badezimmers. Zur Zeit hat er es mit der Handtasche seiner Frau. Irgend etwas gefällt ihm nicht an dieser Tasche. „Wie sieht der Erfinder des Reißverschlusses aus?“ weiterlesen

Werbekunst oder: Der Text unsrer Anzeigen

»Sags ihr mit Schmus!« Henry Ford

Die hängenden Gärten der Semiramis waren ein Weltwunder. Nur ungern läßt die Dame von Welt auch heute noch ihren Büstenhalter auf dem zierlich gedeckten Frühstückstisch liegen. Sie sollte in der Tat nie versäumen, ihn anzulegen; unsachgemäße Behandlung der überaus empfindlichen Haut verstärkt einen Mangel, an dem schon manches Herzensbündnis jäh zerschellt ist. Welch ein Staunen, wenn ein Geschenk auf dem Gabentisch liegt, das mit vornehmem Takt einen geheimen Wunsch errät! Schenken Sie ›Tetons Büstenformer‹, Marke ›Eierbecher‹!

Die blaue Stunde des Harems naht heran. Vom nahen Minarett ertönt der Gesang des bärtigen Moslems, der dort Allah ehrt, und die zarten Wölkchen der Zigaretten kräuseln sich um die entschleierten Angesichter schwarzäugiger Türkinnen. Der Fachmann atmet ihren Duft ein und spürt sofort am blauen Dunst: ›Die gute Haberland-Zigarette!‹ Unsre besonders bewährten Fachleute eilen im fernen Osten von Tabakfeld zu Tabakfeld und graben selbst die zarten Tabakpflänzchen ein, ordnen die Blätter in alphabetischer Reihenfolge und überwachen ihre sachgemäße Mischung mit den guten heimischen Kräutern der Uckermark. Es ist uns gelungen, den Herstellungspreis unsrer Qualitätszigarette auf 2 Pfennig herunterzudrücken. „Werbekunst oder: Der Text unsrer Anzeigen“ weiterlesen

Wendriners setzen sich in die Loge

Szene aus einer Revue von Alfred Polgar und Theobald Tiger

Er: Wir hätten doch ‘n Auto nehmen sollen.
Sie: Ich habs gleich gesagt. Du hast nicht gewollt.
Er: Du hast nicht gewollt.
Sie: Das ist großartig! Wer hat nicht gewollt? Du! Wie wir an der Ecke Geisbergstraße gestanden haben, da kam noch eins – mit dir ins Theater zu gehen, das ist ein Vergnügen.
Er: Es hat doch überhaupt nicht angefangen.
Sie: Natürlich hats längst angefangen! Sieh dir doch die Leute an – die kommen doch nicht alle pünktlich! Wir haben mindestens drei Bilder versäumt. Hast du ‘n Zettel?
Er: Nein. Es war keine Zeit mehr –
Sie: Nie kaufste den Zettel. Gib mal das Opernglas her. Was kommt jetzt? „Wendriners setzen sich in die Loge“ weiterlesen

Was soll er denn einmal werden?

Nämlich Ihr Sohn. Ja, wie ist er denn? Von leichter Trägheit? mehr schlau als klug? mehr Sitzfleisch als Charakter? etwas Intrigant?
Kaufmann … nein, Sie haben recht: dazu gehört, trotz der Bürokratisierung der deutschen Industrie, Initiative, wenn er nicht ewig ein Pultknecht bleiben will, Entschlußkraft, Fixigkeit: sonst wird es nichts. Kaufmann – das ist wohl nichts für ihn.
Zum Ingenieurberuf hat er keine Neigung? Arzt? nein? Künstlerische Anlagen – nicht? Seien Sie froh. Aber was sagen Sie da? Es gibt nur eine Sache auf der Welt, die er scheut? Erzählen Sie bitte.
Ihr Junge ist der Mensch, der seit seiner frühesten Kindheit ›nichts dafür kann‹? Der ständig, immer und unter allen Umständen, ablehnt, die Folgerungen aus seinem Verhalten zu ziehen? der die Vase nicht zerbrochen hat, die ihm hingefallen ist? der die Tinte nicht umgegossen hat, die er umgegossen hat? der immer, immer Ausreden sucht, findet, erfindet … kurz, der eine gewaltige Scheu vor der Verantwortung hat? Ja, dann gibt es nur eines.
Lassen Sie ihn Beamten werden. Da trägt er die Verantwortung, aber da hat er keine. „Was soll er denn einmal werden?“ weiterlesen

Was machen die Leute da oben eigentlich?

Motto: Der eigene Hund macht keinen Lärm – er bellt nur.
(Alte Weisheit)

Donnerwetter, ist das ein Krach! Was ist das?
(Achselzucken.) – »Das sind Lösers, die Leute, die über uns wohnen. Das ist jeden Abend so.« Und da sagt ihr nichts? – »Wir haben schon raufgeschickt: da ist nichts zu machen. Sie haben gesagt, unseretwegen können sie sich keinen Bodenbelag … Himmelkreuz, man glaubt reineweg, die kommen mit der Decke runter! Nu hör bloß mal an – der Kalk rieselt richtig … Ruhe! – Ruhe!«
Ja, Kuchen. Was machen die Leute da oben in ihrer Wohnung?
Sprechen wir nicht von den wildgewordenen Hausfrauen. Die Reinmache-Megären sind weniger zahlreich geworden; dafür sind auch die Wohnungen von vernünftigen Familien sauberer. Aber was stampfen, was klopfen, was rücken die Leute über uns? „Was machen die Leute da oben eigentlich?“ weiterlesen